EWR 17 (2018), Nr. 5 (September/Oktober)

Anna Schnitzer
Mehrsprachigkeit als soziale Praxis
(Re-)Konstruktionen von Differenz und Zugehörigkeit unter Jugendlichen im mehrsprachigen Kontext
Weinheim / Basel: Beltz/Juventa 2017
(372 S.; ISBN 978-3-7799-1595-9; 39,95 EUR)
Mehrsprachigkeit als soziale Praxis Mehrsprachigkeit an Bildungsinstitutionen ist ein zentraler Gegenstand bildungspolitischer Auseinandersetzungen und bildungs- und sprachwissenschaftlicher Reflexionen. Neben einer „Renaissance der Ausländerpädagogik“ (Mecheril 2015: 30), die eine defizitorientierte Perspektive auf ‚Sprachdefizite‘ migrantisch positionierter Personen und Gruppen einnimmt, lässt sich zunehmend eine manchmal idealisierende „celebration of diversity“ (Piller 2016: 19) konstatieren. Jenseits solcher Zugänge setzt sich die Autorin der vorliegenden Studie zum Ziel, „über eine ökonomische Verwertungslogik, aber auch eine idealisierende Vorstellung von Mehrsprachigkeit hinaus den Blick auf mehrsprachige Lebenswirklichkeiten von Jugendlichen zu richten.“ (21)

Im Unterschied zu Studien, die den Fokus auf migrationsbedingte Mehrsprachigkeit legen, stehen in dieser Studie zwei in der Schweiz verfassungsrechtlich gleichberechtigte Sprachen, nämlich Französisch und Deutsch, im Zentrum. Auf der Basis eines theoretischen Verständnisses von Sprache als sozialer Praxis und als Medium der Distinktion sowie von Schule als Ort der (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit wählt die Autorin als Feld eine ‚zweisprachige‘ Schule. Sie geht der Frage nach, „wie Jugendliche, die eine bilinguale Klasse in einer ‚zweisprachigen‘ Stadt besuchen und deren Leben schon durch diese strukturellen Merkmale von mehreren Sprachen geprägt ist, sich in Bezug auf die Sprachenlandschaft positionieren, aber auch positioniert werden, d.h. welche Zuschreibungen, Zugehörigkeiten und Differenzen über sprachliche Positionierungen jeweils konstruiert und aktualisiert werden.“ (39)

Methodologisch nähert sich Schnitzer dieser Frage mit einer Verknüpfung von Ethnographie und Biographie, Zugänge, die sie auf konsequente und überzeugende Weise miteinander verschränkt (Kapitel 2). Ihren epistemologischen Grundannahmen folgend haben weder Sprache noch Biographie ontologischen Status, sondern unterliegen Konstruktionsprozessen sozialer Wirklichkeit, die jeweils unterschiedlich rekonstruiert werden können: Mittels teilnehmender Beobachtung werden sprachliche Praktiken und das Sprechen über Sprache(n) in den Blick genommen, während über biographische Interviews erzählte Praktiken und deren Deutungen sowie die Praxis der Erzählung rekonstruiert werden. Die Reflexion des Forschungsprozesses (Kapitel 3) macht die Verknüpfung der verschiedenen Materialsorten für Leser*innen gut nachvollziehbar und belegt eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Erhebung und Auswertung der (mehrsprachigen) Daten.

Das Territorialitätsprinzip der Sprachenverteilung in der Schweiz betrifft sowohl Amts- als auch Schulsprachen. In Kapitel 4 wird die Stadt, die an der Grenze zwischen dem dominant deutschen und französischen Sprachgebiet liegt, vorgestellt, und es werden die bilingualen Klassen, die das Forschungsfeld der Studie darstellen, in den Blick genommen. Als Brücke zwischen methodologischem und empirischem Teil folgen in Kapitel 5 Reflexionen zur Positioniertheit der Forscherin im Feld. Hier werden von ihr vorgenommene und im Laufe der Forschung transformierte „Sprach(zu)ordnungsprozesse“ rekonstruiert.

Die drei folgenden empirischen Kapitel bilden das Herzstück der Arbeit. Kapitel 6 und 7 basieren auf ethnographischen Erhebungen: Zunächst wird die institutionelle Ordnung der Schule als „strukturierender Rahmen und (Un)möglichkeitsraum“ (145) beleuchtet: Auf der Basis von Beobachtungsprotokollen und transkribierten Gesprächsmitschnitten unterscheidet Schnitzer zwei Ebenen, die den Umgang mit Mehrsprachigkeit rahmen: Auf der Ebene der Schulorganisation rekonstruiert sie ein ‚einsprachiges‘ Verständnis von Zweisprachigkeit, das mit vereindeutigenden Zuordnungen verbunden ist und Förderstrukturen hervorbringt, die Sprachgruppenzugehörigkeiten laufend aktualisieren und reproduzieren. Zudem werden manche – über die Unterschiede im deutsch- und französischsprachigen Schulsystem bedingte – Unterschiede in den jeweiligen Sprachkompetenzen individualisiert. Auf der Ebene der sprachlichen Praktiken der Lehrkräfte lässt sich eine Logik des Förderns zeigen, die sprachbezogene Differenzkonstruktionen immer wieder neu aufruft und sich im Dilemma „formaler Gleichbehandlung“ und „realer Ungleichbehandlung“ bewegt (177). Die darauffolgenden Analysen widmen sich der Adressierung und (Selbst- und Fremd-) Positionierung über Sprache(n). Sie zeigen, dass die Jugendlichen sich selbst und andere unter Berufung auf sprachliche Normen und die (Il)Legitimität von Sprachen als Wissende oder Lernende positionieren. Insgesamt wird deutlich, dass die (sprachbezogenen) Zugehörigkeiten und Differenzen von den Jugendlichen „in subtilerer, feingliedriger Weise“ (203) bearbeitet werden als von der Schule, und dass diese nicht als feststehende und gleichbleibende Kompetenzen konzeptionalisiert, sondern laufend konstruiert und situativ immer wieder neu zugeschrieben werden.

Nach den beobachteten Sprachpraktiken werden auf der Basis biographischer Interviews die (Sprach-)Biographien der Jugendlichen rekonstruiert (Kapitel 8). Anhand von fünf Falldarstellungen werden Positionierungen der Jugendlichen in Verbindung mit Sprache(n) sowie Praktiken des Sprechens über die eigene ‚Mehrsprachigkeit‘ und die von anderen aufeinander bezogen. Der methodologischen Anlage der Studie entsprechend werden im jeweils letzten Unterkapitel jeden Falles das ethnographische und das biographische Material miteinander verschränkt. Die Stärke dieser Verknüpfung wird an zwei Fällen besonders deutlich, die zeigen, dass migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, die in der Schule weitgehend unsichtbar gemacht und damit auch ethnographisch kaum zugänglich wird, erst über das biographische Interview sichtbar und in ihrer Bedeutung entfaltet wird. Insgesamt zeigt sich auch, dass die Jugendlichen Mehrsprachigkeit nicht entweder als ‚Gut‘ oder als ‚Risiko‘ verstehen, sondern sehr differenzierte Sicht- und Deutungsweisen haben.

Im letzten Teil der Arbeit bezieht Schnitzer zentrale Aspekte der Analysen aufeinander. Sie verdeutlicht, dass im formalisierten Unterrichtskontext der sprachbezogene Anspruch der Schule nicht eingeholt wird, und dass für die Regionen der Schweiz spezifische ‚monolinguale‘ Konzeptionen durch das pädagogische Setting nicht transformiert, sondern verstärkt werden. Zudem wird eine Sprachhierarchie und eine damit verbundene Hierarchisierung der Sprachkompetenzen herausgearbeitet: An der Spitze steht das schulische Bildungsideal des ‚être bilingue‘. Darauf folgen Kenntnisse in Sprachen, die Teil des schulischen Curriculums sind, während Familiensprachen einzelner Jugendlicher im schulischen Kontext unsichtbar gemacht werden. Die für die Region spezifische ‚Zweiteilung‘ in Deutsch und Französisch wird trotz eines ‚verbindenden‘ sprachlichen Repertoires von den Jugendlichen aufrechterhalten.

Der Anspruch der Studie, jenseits ökonomistischer und idealisierender Mehrsprachigkeitskonzeptionen die Komplexität sozialer Mechanismen in den Blick zu nehmen, wird von Schnitzer auf gewinnbringende Weise eingelöst. Die theoretisch und empirisch äußerst gehaltvolle und differenzierte Studie macht deutlich, wie Mehrsprachigkeit jenseits reiner Kompetenzorientierung von Jugendlichen verhandelt wird und welche Bedeutung der institutionellen Ordnung der Schule dabei zukommt.

Ganz besonders lesenswert ist die Studie für an Mehrsprachigkeit interessierte Bildungs- und Sprachwissenschaftler*innen und für pädagogisch Professionelle, die ihre Praxis reflektieren möchten. Zudem empfiehlt sich der Band aufgrund des methodologischen Designs und der spannenden und gewinnbringenden Verknüpfung von Ethnographie und Biographie für methodologisch interessierte Leser*innen.


Literatur:
Mecheril, Paul (2015) Das Anliegen der Migrationspädagogik. In: Leiprecht, Rudolf/Steinbach, Anja (Hg.) Schule in der Migrationsgesellschaft. Ein Handbuch. Bd. 1,. Schwalbach: Debus, 25-53.
Piller, Ingrid (2016) Linguistic Diversity and Social Justice. An Introduction to Applied Sociolinguistics. New York: Oxford University Press.
Nadja Thoma (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Nadja Thoma: Rezension von: Schnitzer, Anna: Mehrsprachigkeit als soziale Praxis, (Re-)Konstruktionen von Differenz und Zugehörigkeit unter Jugendlichen im mehrsprachigen Kontext. Die Bildungsteilhabe junger Flüchtlinge. Faktoren von Inklusion und Exklusion in München und Toronto. Weinheim / Basel: Beltz/Juventa 2017. In: EWR 17 (2018), Nr. 5 (Veröffentlicht am 31.10.2018), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978377991595.html