EWR 20 (2021), Nr. 4 (Juli/August)

Sophia Falkenstörfer
Zur Relevanz der FĂŒrsorge in Geschichte und Gegenwart
Eine Analyse im Kontext komplexer Behinderungen
Wiesbaden: Springer VS 2020
(358 S.; ISBN 978-3-658-30481-2; 69,99 EUR)
Zur Relevanz der FĂŒrsorge in Geschichte und Gegenwart Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die Dissertationsschrift der Heil- und SonderpĂ€dagogin Sophia Falkenstörfer, die von der Humanwissenschaftlichen FakultĂ€t der UniversitĂ€t Köln im Jahr 2019 angenommen wurde.

Bereits der Titel deutet auf ein höchst umfangreiches Vorhaben hin, nĂ€mlich sowohl einen historischen Überblick als auch eine theoretische (Neu-)Konzeptionierung von ‚FĂŒrsorge‘ vorzulegen. Die derzeit beobachtete fachliche Kritik am FĂŒrsorgekonzept aufgrund seiner Asymmetrie und seiner Neigung zu stellvertretendem Handeln nimmt die Autorin zum Anlass, dieses Konzept nicht einfach zurĂŒckzuweisen, sondern es reflexiv entlang der Dimensionen von Angewiesenheit und AbhĂ€ngigkeit neu zu bestimmen (S. 7). Dies ist freilich ein höchst verdienstvolles Anliegen und könnte an bereits vorliegende sozialphilosophische Arbeiten im Fach zu benachbarten Fragestellungen von Peter Rödler, Ursula Stinkes oder Barbara Fornefeld und auch institutionen- und ideengeschichtliche Arbeiten im Bereich Geistiger Behinderung von Norbert Störmer, Johannes Gstach oder Thomas Hoffmann anschließen. Dies unternimmt die vorliegende Studie jedoch nicht, sondern möchte mit einem eigenen problem- und ideengeschichtlichen, sozialrechtlichen und sozialphilosophischen Zugang das Thema neu ausleuchten. Damit verschenkt die Autorin aber, einen definierten Forschungsstand zu skizzieren, an dem sich die eigene Arbeit abarbeitet und ihre Befunde einordnet.

Sophia Falkenstörfers ambitioniertes Vorhaben hat sich nach einer Einleitung in das Problemfeld in seinem zweiten Kapitel eine Geschichtsschreibung der FĂŒrsorge von der Antike bis in die Gegenwart hinein vorgenommen und ist damit das umfangreichste Kapitel der Arbeit mit mehr als 160 Seiten. Den gewĂ€hlten problemgeschichtlichen Zugang umreißt sie wie folgt: Das Problem der FĂŒrsorge fĂŒr eine spezifische Gruppe von Menschen habe es ĂŒberhistorisch schon immer gegeben und sei jeweils begrifflich und institutionell unterschiedlich bearbeitet worden, was in der nachstehenden Rekonstruktion entfaltet wird: So wird der Umgang mit Armen und Sklaven in der Antike als Konzept einer gesamtgesellschaftlich ausgerichteten Praxis skizziert, das auf wechselseitigen Gegenleistungen beruht habe, ĂŒber die nicht jede:r gleichermaßen habe verfĂŒgen können. Hier wird auch auf den Umgang mit behinderten Menschen verwiesen, bei dem allerdings offenbar vorausgesetzt wird, es hĂ€tte ein ĂŒberhistorisch einheitliches VerstĂ€ndnis von Behinderungen gegeben (was die Rezensentin durchaus bezweifelt und Sophia Falkenstörfer auch selbst anmerkte (S. 16, FN11)). Im Christentum habe sich dann ein FĂŒrsorgeverstĂ€ndnis als NĂ€chstenliebe herauskristallisiert, welches im Mittelalter durch das Almosenwesen ergĂ€nzt wurde. Behinderte, Kranke und BedĂŒrftige seien so zu EmpfĂ€ngern „christlicher MildtĂ€tigkeit“ transformiert worden (S. 37). Mit der AufklĂ€rung hĂ€tten sich neben den bereits existierenden christlichen FĂŒrsorgesystemen auch philanthropische gestellt, wobei die Industrialisierung das FĂŒrsorgeproblem schließlich als (wohlfahrts-)staatliche Aufgabe habe erkennen lassen, diese Aufgabe jedoch auch neben den kirchlichen TrĂ€gern den neuen WohlfahrtsverbĂ€nden im Sinne des SubsidiaritĂ€tsprinzips ĂŒberlassen. In diesem Kontext seien aber auch disziplinatorische Absichten erkennbar (diese Ambivalenz hĂ€tte aber auch fĂŒr alle anderen Epochen geprĂŒft werden mĂŒssen, so die Auffassung der Rezensentin). Die wohlfahrtsstaatlichen AnfĂ€nge hĂ€tten sich unter dem Eindruck der Folgen des 1. Weltkriegs weiter entwickelt und wurden sozialstaatlich schließlich in der Bundesrepublik verankert (dass die Autorin an dieser Stelle auf die Darstellung sozialstaatlicher Prinzipien der DDR verzichtet, ist aus KomplexitĂ€tsgrĂŒnden verstĂ€ndlich, aber durchaus bedauerlich. Zudem ist bedauerlich, dass die vorzĂŒgliche Darstellung der HerausschĂ€lung des BehinderungsverstĂ€ndnisses nach 1945 aus der KriegsgeschĂ€digtenfĂŒrsorge zur sozialrechtlichen Kategorie von Jan Stoll hier fehlt). ZunĂ€chst jedoch wird die Volkswohlfahrt und mit ihr die Bedrohung und Ermordung behinderter Menschen im NS-Staat beleuchtet. Im Fazit zu diesem umfangreichen Kapitel resĂŒmiert Frau Falkenstörfer, dass insbesondere die NS-Politik und die FĂŒrsorge- und Heimerziehung den FĂŒrsorgebegriff diskreditiert hĂ€tten (S. 177).

Das nachfolgende dritte Kapitel versucht anschließend das Prinzip der FĂŒrsorge sowohl sozialpolitisch als auch sozialrechtlich einzuordnen und zwar mit dem Fokus auf Menschen mit komplexen Behinderungen. Hier wird der Akzent auf den aktivierenden Wohlfahrtstaat der jĂŒngeren Vergangenheit gelegt. Dieses aufschlussreiche Kapitel wĂ€re aber schon – wie das vorherstehende – eine eigene Arbeit Wert gewesen, da insbesondere die sozialpolitischen Leitlinien der jĂŒngeren Geschichte und ihr Einwirken auf Behinderungs- und FĂŒrsorgekonzepte auf der Basis einer Quellenstudie höchst interessant gewesen wĂ€re.

Das vierte Kapitel widmet sich schließlich einer sozialphilosophisch grundierten Neuausrichtung des FĂŒrsorgekonzepts – auch dieses hĂ€tte Gegenstand einer eigenstĂ€ndigen Arbeit sein können, denn die ausgearbeiteten ReflexionsbezĂŒge, wie Autonomie, VulnerabilitĂ€t, Leiblichkeit und Care sind bereits umfassend thematisierte philosophische Fragestellungen, die im Licht der FĂŒrsorge zu einer tief gehenden Analyse anregen, fĂŒr die die hier vorgelegten 50 Seiten sicherlich zu knapp sind. (So vermisst man z.B. eine Auseinandersetzung mit dem Capability Approach, obgleich das Kapitel mit einem Zitat Martha Nussbaums eingeleitet wird.)

Im fĂŒnften abschließenden Kapitel werden die ErtrĂ€ge der Arbeit resĂŒmiert und in drei instruktive Grafiken eingeordnet.

Insgesamt zeigt sich, dass das Vorhaben nicht nur historisch höchst breit, sondern auch interdisziplinĂ€r angelegt ist, ein im Bereich der Heil- bzw. RehabilitationspĂ€dagogik nicht unĂŒbliche Vorgehensweise, die aber die Gefahr der ÜberkomplexitĂ€t birgt, die man wiederum nur mittels eher pauschaleren Darstellungen und EinschĂ€tzungen begegnen kann. Dies liegt auch am gewĂ€hlten Dokumentenkorpus: Im historischen Teil werden Quellen lediglich illustrativ verwendet und in weiten Strecken auf SekundĂ€rliteratur zurĂŒckgegriffen, die weniger Dissonanzen, als vielmehr einheitliche Schlaglinien prĂ€sentieren. Weiterhin ist fraglich, ob sozialrechtliche und sozialphilosophische Texte mit einer allein heilpĂ€dagogischen Expertise in dieser Dichte ausreichend ausgeleuchtet werden können. Diesen Schwierigkeiten begegnet die Autorin nicht nur mit einem klaren Fortgang der Untersuchung, sondern auch mit ĂŒbersichtlichen Grafiken und Zeittafeln. Diese haben durchaus enzyklopĂ€dischen Charakter und damit kann auch die StĂ€rke des vorliegenden Buches benannt werden: Es bietet einen großen Überblick ĂŒber die Ideen- und Institutionengeschichte der FĂŒrsorge und kann damit informierend fĂŒr das Thema interessieren und zu vertiefenden Analysen von Einzelthemen anregen. Damit hat die Autorin auf jeden Fall ihr Ziel erreicht: Zum Nachdenken ĂŒber das FĂŒrsorgeprinzip neu anzuregen.
Vera Moser (Frankfurt)
Zur Zitierweise der Rezension:
Vera Moser: Rezension von: Falkenstörfer, Sophia: Zur Relevanz der FĂŒrsorge in Geschichte und Gegenwart, Eine Analyse im Kontext komplexer Behinderungen. Wiesbaden: Springer VS . In: EWR 20 (2021), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.09.2021), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978365830481.html