EWR 20 (2021), Nr. 4 (Juli/August)

Julia Jung
Stimmungen weben
Eine unterrichtswissenschaftliche Studie zur Gestaltung von Atmosphären
Wiesbaden: Springer Fachmedien 2019
(174 S.; ISBN 978-3-658-26582-3; 46,99 EUR)
Stimmungen weben Unterrichtssituationen, die von Atmosphären geprägt sind, wecken emotionale Befindlichkeiten. Das Miteinander von Schüler*innen und Lehrer*innen im Unterricht kann als freundschaftlich, geborgen, angespannt oder unheimlich wahrgenommen werden, die Bandbreite möglicher affektiver Befindlichkeiten im Kontext von Unterricht ist groß und kann Auswirkungen auf das Erleben in der Schule haben. Die Theorie zur neuen Ästhetik nach Hermann Schmitz und Gernot Böhme versteht Atmosphären als Stimmungen, die Räume, Objekte und Personen umgeben und dabei einen Zwischenstatus, zwischen Umgebungsqualitäten von Objekten und menschlichem Befinden von Subjekten, einnehmen. Der Blick auf Atmosphären, verstanden als allumfassende Stimmungen, ist eng verbunden mit aisthesis, der Wahrnehmung mit allen Sinnen. Die Auseinandersetzung mit Atmosphären verbindet Aspekte von Körperlichkeit, Emotionalität und Erkenntnis. Im Schulkontext können damit unbestimmte oder schwer sagbare Situationen thematisiert werden, die sich in reflexiven Handlungen von Lehrer*innen und Schüler*innen sowie deren Antworten in sozialen Situationen ergeben.

In der Unterrichtsforschung finden emotional spürbare Aspekte bisher keine bis sehr wenig Beachtung. Zwar ist explizites Wissen über die Bedeutsamkeit einzelner Atmosphärengestaltungen und deren Einfluss auf das Lernen von Schüler*innen oder den Unterricht im Rahmen von Forschungen zu Aspekten wie Vertrauen, Anerkennung oder Lernen vorhanden [1], dennoch fehlen umfassende Analysen zur Erforschung von Unterrichtsatmosphären.

Im vergleichsweise jungen Forschungsfeld rund um Atmosphären der neuen Ästhetik sind bisher insbesondere theoretische Auseinandersetzungen zu finden. Böhme argumentiert, dass Atmosphären von der Phänomenologie bereits ausführlich erforscht wurden [2]. An die Forschungslücke der empirischen Auseinandersetzung mit Atmosphären knüpft die publizierte Dissertation „Stimmungen weben“ von Julia Jung an. Die Forschungsarbeit stellt einen der ersten Versuche an, Atmosphären im Unterricht empirisch zu fassen und entlang theoretischer Überlegungen der neuen Ästhetik zu diskutieren. Die Autorin betrachtet im Unterricht subtil spürbare Momente als ein feines Gewebe aus Stimmungen. Thematisiert werden Blicke, Worte, Bewegungen sowie Erscheinungen von Gegenständen, die miteinander in Verbindung stehen.

Anspruch dieser Dissertation von Julia Jung ist es eine Verbindung zwischen Ästhetik und Unterrichtspraxis herzustellen, wobei Lernen als ästhetische Tätigkeit verstanden und der Blick auf die Wahrnehmungsebene von Unterricht gelenkt wird. Unterrichtsatmosphäre wird entlang von den Hauptkategorien Wahrnehmen, Stimmen und Verbinden diskutiert. Besonders Verbindungen zwischen den Akteur*innen und Gegenständlichem werden in den Blick genommen, wobei auf positive Unterrichtsatmosphären fokussiert wird. Ziel ist es ein Konzept der Lehrer*innenbildung zu entwickeln und ein Bewusstsein von Lehrer*innen hinsichtlich einer positiv ästhetischen Lehrtätigkeit zu erreichen, wobei ästhetisches Lehrvermögen im Sinne einer Bewusstseinsbildung als innere pädagogische Haltung verstanden wird. Julia Jung beschreibt, dass das entwickelte Konzept als materiale Theorie im Sinne von theoretischem Wissen verstanden werden kann, deren Potential einer formalen Theorie, im Sinne praktischer Anwendungen, erst entwickelt wird.

Das Buch ist in vier Hauptteile (Kapitel zwei bis fünf) gegliedert. Das erste inhaltliche Kapitel zwei führt in den Kontext der Ästhetik ein, indem umfassende theoretische Grundlagen unter Bezugnahme von Böhmes Atmosphärenbegriff angeführt werden. In Kapitel drei liegt der Fokus auf Unterrichts- sowie Schulpraxis und deren Verbindung zu Atmosphären und Ästhetik.

Diese Verknüpfung stellt neue theoretische Erkenntnisse zu Unterrichtsatmosphären dar, wie z. B. die Beschreibung von Unterrichtsatmosphären als „Gemeinsame Wirklichkeit“ (26) in Form von Zwischenphänomenen, als „Gestimmte Räume“ (28), oder als „Zeitspielraum“ (29). Außerdem wird auf die Erzeugung von Unterrichtsatmosphären durch Handlungen und Gegenstände wie Architektur, Raumgestaltungen und Objekten sowie auf positive Unterrichtsatmosphären eingegangen. Jene Ausführungen können als fundierte theoretische Weiterentwicklung von Atmosphären in Bezug auf pädagogische Fragestellungen gesehen werden. Im vierten Kapitel wird das methodologische Vorgehen in Form einer Teilnahme im Untersuchungsfeld, Videoaufnahmen und Expert*inneninterviews, expliziert und die empirische Atmosphärenforschung der Arbeit nachvollziehbar gemacht. Das entwickelte Untersuchungsdesign, das eine teilnehmende Erfahrung der Forscherin in den Mittelpunkt stellt und jene mit Interviews verknüpft, stellt eine methodologische Weiterentwicklung empirischer Atmosphärenforschung dar. Das in Kapitel fünf dargestellte Konzept, das als Ergebnis der empirischen Erhebung gilt, zeigt eine beispielhafte Umsetzung eines atmosphärischen Lehrvermögens und Überlegungen zur Gestaltung einer positiven Unterrichtsatmosphäre durch Lehrkräfte. Die vier Hauptteile sind eingebettet in eine umfassende Einführung (Kapitel eins) und Zusammenfassung inklusive eines Ausblickes (Kapitel sechs). Im folgenden Absatz wird auf den innovativen methodologischen Ansatz von Julia Jung näher eingegangen.

In dem qualitativ geprägten Forschungsdesign bilden die Teilnahme im Feld und das Spüren atmosphärischer Momente der Forscherin eine grundlegende methodologische Orientierung und sind Bindeglied zwischen den Methoden. Erfahrungen der Teilnahme, deren Dokumentation videogestützt erfolgt, werden entlang einer phänomenologischen Vignettenanalyse, in Tradition der Innsbrucker Vignettenforschung [3], analysiert. Julia Jung setzt Vignetten zur tiefgehenden Erfassung atmosphärischer Momente ein, um das „eingefangene Mehr“ (83) der Situationen zu erarbeiten. Ergänzend werden Expert*inneninterviews geführt, die in Form eines Berichts aufgearbeitet und wovon einzelne Fragmente analysiert werden. Zur Datenanalyse wird ein Kategoriensystem angefertigt, welches sich an Philipp Mayrings qualitativer Inhaltsanalyse in Bezug auf Paraphrasierung und Reduktionsschritte orientiert. Die empirische Durchführung charakterisiert sich über einen wechselnden Rückgriff auf induktive und deduktive Merkmale von theoretischen Inhalten zu Atmosphären und der Resonanz auf die leibliche Teilnahme im Untersuchungsfeld. Die Forschung von Julia Jung macht atmosphärische Elemente sprachfähig, was einen wesentlichen methodologischen Beitrag zur Unterrichtsforschung und Erfassung von Atmosphären darstellt. Bemerkenswert ist dies insofern, als jene Aspekte der Unterrichtsforschung bisher über keine festgelegte Methode bzw. methodologischen Ansatz verfügen. Kritisiert werden kann, dass die Zusammenführung der unterschiedlichen Methoden in dem Buch „Stimmungen weben“ nicht explizit ausformuliert und reflektiert wird. Für weiterführende Forschungen scheint es bedeutend die Methodenwahl und -triangulation tiefergehend zu diskutieren und anknüpfende methodologische Erkenntnisse für die Entwicklung des Forschungsfeldes herauszuarbeiten.

Insgesamt ist das Buch für Forscher*innen der Bereiche Unterricht, Schule, Atmosphären und Ästhetik nachvollziehbar geschrieben. Prägnante Zusammenfassungen am Ende einzelner Kapitelabschnitte sowie grafisch illustrierte Analyseergebnisse unterstützen das Verständnis. Komplexe theoretische Überlegungen zu Atmosphären und schulpraktischen Anwendungsbereichen sind fein aufgegliedert und umfassend dargestellt. Eine besondere Qualität der Arbeit besteht darin, dass Akteur*innen der Forschung und der Unterrichtspraxis angeregt werden Emotionen und sinnliche Wahrnehmung zuzulassen. Die Analyse von Julia Jung zeigt wie Forscher*innen deren eigenes Spüren im Forschungsprozess festhalten und in alle Analyseschritte einbeziehen können. Mit dem Appell der Weiterentwicklung des Konzepts wird ein praxisorientierter Blick auf Atmosphären im Unterricht geöffnet, um die praktische Relevanz von Atmosphären und sinnlichen Aspekten im Unterricht zu erkennen, zu benennen, weiterzuentwickeln und zu gestalten.

[1] Siehe v. a. Meyer-Drawe Käte: Diskurse des Lernens. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2012 (2. Auflage).
Meyer-Drawe Käte, Schwarz Johanna: (Über-)Sehen, (Über-)Hören, Zuschreiben. Lernende im Licht und im Schatten der Aufmerksamkeit. In: Brinkmann Malte, Kubac Richard, Rödel Severin (Hg.): Pädagogische Erfahrung. Theoretische und empirische Perspektiven. Wiesbaden: Springer Fachmedien 2015, S. 125-145.
Schweer Martin: Vertrauen im Klassenzimmer. In: Schweer Martin (Hg.): Lehrer-Schüler-Interaktion. Inhaltsfelder, Forschungsperspektiven und methodologische Zugänge. Wiesbaden: Springer Fachmedien 2017 (3. Auflage), S. 523-545.
[2] Böhme Gernot: Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik. Berlin: Suhrkamp Verlag 2014, S. 102.
[3] Siehe v. a. Agostini Evi: Leibliche Wahrnehmung zwischen (er-)kenntnisreicher Aisthesis und pädagogischem Ethos am Beispiel der Vignettenforschung. In: Brinkmann Malte (Hg.): Leib – Leiblichkeit – Embodiment. Wiesbaden: Springer VS 2019, S. 301-322.
Meyer-Drawe Käte, Schwarz Johanna: (Über-)Sehen, (Über-)Hören, Zuschreiben. Lernende im Licht und im Schatten der Aufmerksamkeit. In: Brinkmann Malte, Kubac Richard, Rödel Severin (Hg.): Pädagogische Erfahrung. Theoretische und empirische Perspektiven. Wiesbaden: Springer Fachmedien 2015, S. 125-145.
Schratz Michael, Schwarz Johanna, Westfall-Greiter Tanja: Lernen als bildende Erfahrung. Vignetten in der Praxisforschung. Erfolgreich im Lehrberuf. Innsbruck: Studienverlag 2012 (Band 8).
Veronika Ehm (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
Veronika Ehm: Rezension von: Jung, Julia: Stimmungen weben, Eine unterrichtswissenschaftliche Studie zur Gestaltung von Atmosphären. Wiesbaden: Springer Fachmedien 2019. In: EWR 20 (2021), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.09.2021), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978365826582.html