EWR 18 (2019), Nr. 3 (Mai/Juni)

Kerrin Kamzela
Lesen und Leseunterricht in der Sekundarstufe I
Eine rekonstruktive Studie zu handlungsleitenden Konzepten von Deutschlehrenden
Wiesbaden: Springer VS 2019
(391 S.; ISBN 978-3-658-23542-0; 24,90 EUR)
Lesen und Leseunterricht in der Sekundarstufe I Auch wenn sich in den letzten Jahren innerhalb der Professionsforschung und zur Professionalisierung in der Lehrerbildung seitens der Deutschdidaktik zunehmend empirische Befunde finden lassen, bleiben diese aber aufgrund der hermeneutischen Tradition im Fach im Rahmen des kompetenztheoretischen Ansatzes „randständig“, wie Bremerich-Vos urteilt [1].
Mit der vorliegenden Publikation „Lesen und Leseunterricht in der Sekundarstufe I Eine rekonstruktive Studie zu handlungsleitenden Konzepten von Deutschlehrenden“ greift Kerrin Kamzela mit der Frage, wie sich fachliche Perspektiven in der Praxis des Deutschunterrichts niederschlagen, somit ein Forschungsdesiderat innerhalb der Professionsforschung der Deutschdidaktik auf. Es handelt sich dabei um die Veröffentlichung der 2016 von der Fakultät Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg angenommenen Dissertation der Autorin. Erste Ergebnisse aus dem Dissertationsprojekt veröffentlichte Kamzela bereits in dem von Christoph Bräuer und Dorothee Wieser herausgegebenen Sammelband „Lehrende im Blick: Empirische Lehrerforschung in der Deutschdidaktik“ (2015). In dem Artikel reduzierte die Autorin allerdings die Fragestellung auf „[d]ie Perspektive von Lehrenden auf basale Lesefähigkeiten zu Beginn der Sekundarstufe I“.

Die nun 2019 erschienene Veröffentlichung nimmt die Konzepte der Lehrenden von Lesen und Leseunterricht insgesamt in den Blick. Die Dimensionen der fachspezifischen Überzeugungen und Kompetenzen von Lehrkräften werden in der Studie als handlungsleitend eingeordnet und dementsprechend als entscheidende Faktoren bei der Gestaltung von unterrichtlichen Lehr-Lern-Prozessen in den Fokus genommen. Der Untersuchung liegen vornehmlich zwei Hauptfragestellungen zugrunde: „Wie gestalten Lehrende – zehn Jahre „nach PISA“ – den Leseunterricht in der frühen Sekundarstufe I?“ und „Warum gestalten sie ihn auf diese Weise?“

Um die Studie zunächst theoretisch einzubetten, bildet Kamzela den aktuellen Diskurs um Professionalisierung in der Lehrerbildung mit einem allgemeinen Blick auf die Forschung zum Lehrerberuf ab (Kapitel 2). Die fachdidaktischen Kontexte erläutert die Autorin anschließend anhand der Entwicklungslinien und aktueller Tendenzen der Lese- und Literaturdidaktik (Kapitel 3). Sie erklärt darauffolgend ihr methodisches Vorgehen (Kapitel 4), um im Hauptteil drei Fallstudien (Kapitel 5) und darauf aufbauend fallübergreifende Betrachtungen zu Konzepten von Lesen und Leseunterricht (Kapitel 6) vorzustellen. In der Zusammenfassung trägt die Autorin abschließend nicht nur ihre Ergebnisse zusammen, sondern formuliert darüber hinaus offene Forschungsfragen (Kapitel 7).

Methodisch nähert sich Kamzela der Beantwortung ihrer Forschungsfragen zur Gestaltung von Leseunterricht in der frühen Sekundarstufe I an, indem Sie die Perspektiven von elf unterschiedlichen Lehrerinnen und Lehrern mithilfe von Leitfadeninterviews miteinander vergleicht. Um eine möglichst kontrastierende Stichprobe zu erhalten, wählt sie als Interviewpartnerinnen und -partner Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Schulformen mit differierender Berufserfahrung, die jeweils in der fünften Jahrgangsstufe unterrichten. Mit Blick auf den Deutschunterricht ab der fünften Klasse, der die Förderung der basalen Lesefähigkeiten aus einem traditionellen Verständnis heraus nicht mehr als seine Aufgabe sieht, beschreibt die Autorin in Bezug auf Überzeugungen und Wertehaltungen ein besonderes Spannungsverhältnis zwischen Lese- und Literaturdidaktik; gerade da nicht davon ausgegangen werden kann, dass die basale Lesekompetenz von allen Schülerinnen und Schülern bis zur fünften Klasse ausreichend erworben wurde.

Zur Analyse entwickelte die Autorin einerseits im Rückbezug auf verschiedene Forschungsansätze aus der Lehrerexpertise- und Lehrerkompetenzforschung und andererseits in Bezug auf fachdidaktische Aspekte ein Modell, um die individuellen Konzepte von Lehrenden zu Lesen und Leseunterricht abzubilden. Um die Orientierungen der Lehrenden systematisieren und fallübergreifend bedeutsame Aspekte für die Leser*innen strukturiert darstellen zu können, reduziert die Autorin den Rahmen auf vier Dimensionen („Schüler“, „Inhalte und Gegenstände“, „Lern- und Unterrichtsziel“ und „Unterrichtsgestaltung“), die induktiv aus dem Material gewonnen und erst am Ende der Auswertung formuliert wurden. Ausgehend von einer Eingangssequenz eines Interviews, die sich als Antwort auf die Frage nach den Schwerpunkten des Leseunterrichts bzw. auf das Lesen im Deutschunterricht in Klasse 5 ergab, formuliert Kerrin Kamzela erste Annahmen. Diese differenziert die Autorin hinsichtlich interaktiv oder sprachlich besonders dichter Textstellen im weiteren Verlauf des Interviews aus, und nutzt bei der Auswertung erste gewonnene Erkenntnisse hinsichtlich einer Fokussierung. Damit beabsichtigt die Autorin, die „Orientierungen der Lehrenden zu Leseprozessen, Lesekompetenz, den Umgang mit Texten im Deutschunterricht und ihre damit verbundenen Zielsetzungen zu rekonstruieren sowie für sie bedeutsame Einflussfaktoren auf ihren Unterricht zu identifizieren“ (126).

Kamzela bietet im Rahmen der vorliegenden Publikation insbesondere anhand einer detaillierten Analyse von drei Einzelfällen einen tiefergreifenden Einblick in die komplexen Konzepte von Lehrenden. Dabei wird aber auch die Vielschichtigkeit der jeweiligen Konzepte z. B. hinsichtlich der Wahrnehmung der Heterogenität der Schülerschaft oder auch der Ziele und Aufgaben des Leseunterrichts deutlich.
Auf der Grundlage der ausführlichen Analyse der Interviews arbeitet die Autorin drei Grundpositionen heraus, die sie für die eine Lehrkraft in der zentralen Bedeutung „Allen einen Zugang zu Literatur ermöglichen“ (153ff), für eine weitere Lehrkraft als „Leseunterricht ist Lektüreunterricht“ (199ff) und für eine dritte Lehrkraft in „Differenzierung als Grundprinzip des Unterrichts“ (231ff) formuliert. Ausgehend von den ausführlich besprochenen Einzelfallanalysen entwickelt Kamzela auch unter Einbezug der Befunde aus den weiteren acht Leifadeninterviews fallübergreifende Erkenntnisse, auf deren Grundlage sich dann wiederum Typisierungen generieren lassen. Damit strukturiert die Autorin ihre Untersuchungsergebnisse und identifiziert zugleich Gruppen, die sie wie folgt in unterschiedlichen Wahrnehmungsaspekten für das Lesen und den Leseunterricht differenziert: „Dimension der Unterrichtsinhalte“ (298f), „Position der Lehrenden zur Förderung basaler Lesefähigkeiten“ (305ff) und „Umgang mit basalen Lesefähigkeiten“ (308ff). Hierbei konstatiert die Autorin zwar Analogien zu Orientierungspunkten in den Konzepten der Lehrkräfte, die Wieser bereits 2008 in ihrer qualitativen Interviewstudie mit Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärtern rekonstruieren konnte [2], kann aber besonders hinsichtlich sogenannter „weißer Flecken“ auf weitere Forschungsaufgaben für die Lehrerbildung und Fachdidaktik verweisen, wie „Die Wahrnehmung von und der Umgang mit der Heterogenität der Schülerschaft, insbesondere ihrer Mehrsprachigkeit, kulturellen Vielfalt und Lesesozialisation“, „Die Mediensozialisation der Schülerinnen und Schüler und Mediennutzung im Unterricht“, „Die Wahrnehmung und Förderung basaler Lesefähigkeiten“ und „Die kritische Reflexion der auszuwählenden Gegenstände und Inhalte“ (340ff).

Kamzela bietet mit ihrer Studie einen Baustein innerhalb der deutschdidaktischen Professionsforschung, der einen erweiterten Einblick in die Komplexität und Vielschichtigkeit der Konzepte von Lehrenden auf den Leseunterricht erlaubt und deren Einflussfaktoren, Spannungen und widersprüchlichen Anforderungen offenlegt.

[1] Bremerich-Vos, A.: Zum Professionswissen von (zukünftigen) Deutschlehrkräften. Empirische Befunde und offene Fragen. In: Didaktik Deutsch, 46 / 2019, 47-63.
[2] Wieser, D.: Literaturunterricht aus Sicht der Lehrenden. Eine qualitative Interviewstudie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008.
Farriba Schulz (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Farriba Schulz: Rezension von: Kamzela, Kerrin: Lesen und Leseunterricht in der Sekundarstufe I, Eine rekonstruktive Studie zu handlungsleitenden Konzepten von Deutschlehrenden. Wiesbaden: Springer VS 2019. In: EWR 18 (2019), Nr. 3 (Veröffentlicht am 31.07.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978365823542.html