EWR 18 (2019), Nr. 3 (Mai/Juni)

Niels Uhlendorf
Optimierungsdruck im Kontext von Migration
Eine diskurs- und biographieanalytische Untersuchung zu Subjektivierungsprozessen
Wiesbaden: Springer VS 2018
(463 S.; ISBN 978-3-658-22917-7; 59,99 EUR)
Optimierungsdruck im Kontext von Migration „Anpassen ist der erste Schritt. Besser zu sein, ist der zweite“. Dieser Prämisse ist Niels Uhlendorf im Rahmen seiner Forschung zu „Optimierungsdruck im Kontext von Migration“ wiederholt begegnet. Mit Blick auf den medialen Diskurs über sowie Biografien von Deutsch-Iraner_innen der ersten Generation, analysiert er die Prämisse als Ausdruck spätmoderner Anforderungen einer optimierten Lebensführung sowie eines hiermit verbundenen Kampfes um Anerkennung in der Migrationsgesellschaft. In seiner 2018 im Springer-Verlag erschienenen Dissertation fragt er zum einen, inwiefern im Zuge eines erstarkenden Optimierungsdiskurses in Deutschland „seitens der Ankunftsgesellschaft besondere Erwartungen an Menschen mit Migrationshintergrund herangetragen werden“ (2). Zum anderen interessiert ihn, „auf welche Weise Optimierungsanforderungen vor dem Hintergrund migrationstypischer biografischer Verläufe bearbeitet werden“ (2).

Uhlendorfs‘ Fragen erscheinen mit Blick auf den zunehmenden Einfluss neoliberaler Rationalität sowohl gesamtgesellschaftlich als auch speziell auf Diskurse um (Flucht-)Migration und Integration in Deutschland besonders relevant. So sind die konkreten Wechselwirkungen zwischen Anerkennung und Optimierung in der Migrationsgesellschaft, die hiervon ausgehenden Anrufungen von Menschen mit Migrationserfahrung sowie ihr Umgang mit einem implizit wie explizit ausgeübten Optimierungsdruck, bisher kaum erforscht. Uhlendorfs‘ Dissertation setzt an diesen Leerstellen an. Er fokussiert die heterogene Gruppe der Deutsch-Iraner_innen zwischen 25 und 40 Jahren. Diese, so legt der Autor dar, weisen insgesamt hohe Bildungs- und Berufserfolge auf, werden jedoch vielfach auch mit negativen wie „orientalistischen Stereotypen in Verbindung gebracht“ (82) – ein Spannungsfeld, welches nach Uhlendorf spezifische (Fremd-)Positionierungserfahrungen vermuten lässt.

Uhlendorfs Arbeit besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil (Teil A) geht er auf den Forschungsstand sowie den theoretischen Rahmen seiner Forschung ein. Im Zentrum steht die fundierte Darstellung allgemeiner Optimierungstendenzen in spätmodernen Gesellschaften, bei der sich der Autor vor allem auf diskurs- und gouvernementalitätstheoretische Arbeiten zum Thema bezieht. Er legt dar, wie sich Imperative einer permanenten (Leistungs-)Steigerung zu einem „durchgreifende[n] Strukturierungsprinzip“ von spätmodernen Gesellschaften herausentwickelt haben und sich auf „unterschiedliche Bereiche der Lebensführung“ auswirken (109). Im Anschluss daran setzt sich Uhlendorf mit den Spezifika des beschriebenen gouvernementalen Regierens im migrationsgesellschaftlichen Kontext auseinander und geht insbesondere auf Wechselwirkungen zwischen Optimierungs- und Assimilationsdruck für in Deutschland lebende Migrant_innen sowie als solche positionierten Personen ein. Diese, so argumentiert der Autor aus subjektivierungs- und anerkennungstheoretischer Perspektive, sind in besonderer Weise gefordert, sich „als nützlich und produktiv zu erweisen“, um als sich legitim in Deutschland aufhaltende Personen anerkannt zu werden (73). Es ist insbesondere diese theoretische Vorannahme, die schließlich Uhlendorfs forschungsleitende Fragen nach dem Verhalten und den Selbstverhältnissen von Deutsch-Iraner_innen im Kontext des aktuellen Optimierungsdiskurses anleiten.

Im zweiten Teil (Teil B) seiner Studie stellt Uhlendorf zunächst sein empirisches Forschungsdesign dar. In diesem verbindet er die wissenssoziologische Rekonstruktion diskursiv vermittelter Subjektpositionierungen, basierend auf im Zeitraum zwischen 2000 und 2014 veröffentlichten Zeitungsartikeln über und von „iranische(n) Migrant_innen“, mit der Analyse von Biographie und Lebensführung von Deutsch-Iraner_innen, basierend auf narrativen Interviews mit insgesamt elf Deutsch-Iraner_innen aus dem ganzen Bundesgebiet. Hierfür wendet der Autor die Narrationsanalyse diskursanalytisch: Ausgehend von der Annahme, dass das Sprechen in der Interviewsituation maßgeblich von einem institutionalisierten, diskursiv vermittelten Wissen geprägt ist, bindet er die Analyse der Selbstthematisierungs- und Deutungsweisen der interviewten Deutsch-Iraner_innen eng an die analytische Auseinandersetzung mit dominanten Diskursen in der Migrationsgesellschaft an.

In der anschließenden Darstellung seiner Analyseergebnisse rekonstruiert Uhlendorf zunächst mediale Repräsentationen von Deutsch-Iraner_innen und sich hierin manifestierende implizite Normativitäten. Er weist unterschiedliche Formen optimierender Anrufungen nach, die, „in sich äußerst widersprüchlich“ bleiben (207). So stellt die im medialen Diskurs vielfach vermittelte Norm, ‚produktiv zu sein‘, einerseits eine zentrale Grundlage dar, um in Deutschland Anerkennung zu finden, während andererseits ein „zu viel“ an Produktivität als bedrohlich wahrgenommen wird und mit verschiedenen Fremdheitszuschreibungen im Diskurs einhergeht (205). Uhlendorfs Analyse führt damit die spezifische double-bind-Situation vor Augen, in der sich Deutsch-Iraner_innen häufig befinden. In diesem Zusammenhang hat die positive Betonung individueller Bildungserfolge von ‚iranischen Migrant_innen‘ in den Medien auch zur Folge, dass Diskriminierungserfahrungen entweder gänzlich ausgeblendet oder im Sinne einer „Schule des Lebens“ (206) geradezu als notwenige Voraussetzung für die beschriebenen Erfolge präsentiert werden.

Im nächsten Schritt setzt Uhlendorf die analysierten medialen Repräsentationen von „iranischen Migrant_innen“ ins Verhältnis zu individuellen Formen der Bearbeitung von Optimierungsanforderungen. Hierbei rekonstruiert er über eine Feinanalyse der Erzählungen von fünf Interviewpersonen drei fallübergreifende Umgangsmuster: Die „Affirmation“ von Optimierungsanforderungen, die „widerwillige Anpassung“ an diese sowie „Abgrenzungsversuche“, die darin bestehen, „das eigene Verhalten nicht von Klassifikationen des Optimierungsdiskurses bestimmen zu lassen“ (364ff.). Die drei Umgangsmuster interpretiert Uhlendorf in Zusammenhang mit familialen Erwartungen und Verpflichtungen, die er gleichsam aus den Interviews herausarbeitet. Er stellt diesbezüglich u.a. die Hypothese auf, dass eine zum Teil beobachtete „Rebellion gegen das familiale System“ tendenziell „mit der Rebellion gegen eine gesellschaftlich vereinnahmende Anspruchshaltung“ einhergeht (367).

Die Rückbindung der beobachteten Subjektivationen an den familialen Hintergrund wirft einige Fragen auf. So erscheint der „elterliche Leistungsdruck“ in Uhlendorfs Dissertation als eine feste Größe, die hier – anders als die Selbstpositionierungs- und Deutungsprozesse der Interviewten – weitgehend unabhängig von migrationsgesellschaftlichen und neoliberalen Diskursen und damit verbundenen Anrufungen betrachtet wird. Da eine vergleichende Analyse von Subjektivationen deutsch-deutscher Personen ausbleibt, was der Autor am Ende seiner Arbeit (selbst)kritisch reflektiert, erscheint der beschriebene familiale Druck „migrationsspezifisch“ und Uhlendorfs Interpretationen stellenweise kulturalisierend.
Im dritten Teil (Teil C) der Studie diskutiert der Autor seine Analyseergebnisse vor dem Hintergrund der zuvor ausgearbeiteten Theorie. Er konzentriert sich auf die Frage nach der herrschaftslegitimierenden und ungleichheitsreproduzierenden Funktion des Optimierungsdiskurses. Dessen Perfidität liegt nach Uhlendorf maßgeblich darin, dass dieser institutionelle und strukturelle Bedingungen für soziale Ungleichheiten verschleiert und so eine individualisierende Bearbeitung migrationsgesellschaftlicher Ungleichheiten nahelegt. Indem der Diskurs verspricht, „soziale Unsicherheit und die Gefahr von Prekarisierung durch Ausrichtung am Wettbewerb überwinden zu können“, so Uhlendorf, adressiert und „subjektiviert“ er insbesondere solche Individuen, die von gesellschaftlicher und ökonomischer Unsicherheit besonders betroffen sind (377).

Uhlendorfs Studie besticht durch ihre sehr gründlichen und substantiellen Analysen. Es gelingt dem Autor, neoliberale Dynamiken von Kapitalisierung, Beschleunigung und Wettbewerb in Migrationsgesellschaften, die an anderer Stelle häufig lediglich theoretisch-abstrakt diskutiert und kritisiert werden, empirisch aufzuzeigen und darüber die Debatte zu fundieren. Über die Verbindung von Biographie- und Diskursanalyse macht er äußerst überzeugend die Wechselwirkungen zwischen migrationsgesellschaftlichen Anerkennungs- und Ausgrenzungsprozessen sowie einem erstarkenden Optimierungsdiskurs sichtbar. Damit sensibilisiert Uhlendorf die wissenschaftliche, politische und pädagogische Debatte darauf, neoliberale Dynamiken mitzudenken, nicht nur wenn es darum geht, migrationsgesellschaftliche Ungleichheits- und Diskriminierungsverhältnisse in ihrer Komplexität zu verstehen, sondern auch, soziale Ungerechtigkeit sowie Formen von (rassistischer) Diskriminierung zu bearbeiten und entsprechende Handlungsansätze für den Abbau dieser zu entwickeln.
Ellen Kollender (Hamburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ellen Kollender: Rezension von: Uhlendorf, Niels: Optimierungsdruck im Kontext von Migration, Eine diskurs- und biographieanalytische Untersuchung zu Subjektivierungsprozessen. Wiesbaden: Springer VS 2018. In: EWR 18 (2019), Nr. 3 (Veröffentlicht am 31.07.2019), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978365822917.html