EWR 13 (2014), Nr. 6 (November/Dezember)

Ludwig Amrhein / Gertrud M. Backes / Anne Harjes / Christopher Najork
Alter(n)sbilder in der Schule
Wiesbaden: Springer VS 2014
(253 S.; ISBN 978-3-6580-4462-6; 39,99 EUR)
Alter(n)sbilder in der Schule Der in der von Backes und Clemens herausgegebenen Reihe Alter(n) und Gesellschaft erschienene Band fasst Ergebnisse eines umfangreichen qualitativen Forschungsprojekts zusammen. In f├╝nf Hauptkapiteln wird eine umfassende empirische Studie zu Altersbildern vorgestellt. Sie besteht bei genauerer Betrachtung aus mehreren Teilstudien, deren Erkenntnisinteressen und Befunde sich zwar aufeinander beziehen lassen, gleichwohl ÔÇô methodisch wie inhaltlich ÔÇô aber weitgehend unabh├Ąngig voneinander zu sehen sind. Mit unterschiedlichen empirischen Zugriffen werden Altersbilder in Lehrpl├Ąnen und Schulb├╝chern identifiziert sowie die subjektiven Vorstellungen zum Alter und Altern von Lehrerenden und Sch├╝lern erhoben. Der Aufbau des Buches bietet mit dem ersten und dem letzten Kapitel eine theoretisch-methodische Klammer um das Gesamtprojekt, w├Ąhrend die deutlich umfangreicheren Kapitel zwei bis vier Ergebnisse aus den einzelnen empirischen Teilstudien pr├Ąsentieren.

Im ersten Kapitel wird zun├Ąchst ein sehr komprimierter und pr├Ąziser ├ťberblick ├╝ber den internationalen Forschungsstand gegeben. Dabei verzichten die Autorinnen und Autoren auf eine umfassende Aufarbeitung der Altersbildforschung und konzentrieren sich auf die wesentlich ├╝berschaubareren Arbeiten zu Altersbildern von Kindern und Jugendlichen. Zu Recht wird hier auf gro├če Forschungsl├╝cken verweisen und gleichzeitig die gesellschaftliche Relevanz des Themas unterstrichen. Theoretisch kn├╝pfen die Ausf├╝hrungen an Vorarbeiten aus der Arbeitsgruppe um Gertrud Backes an, wobei diese theoretischen Perspektiven nur knapp angerissen werden. Detaillierter werden die methodischen Zugriffe erl├Ąutert, die verschiedene qualitative Erhebungsverfahren umfassen. Das ├╝ber Dokumentenanalysen, Sch├╝leraufs├Ątze, problemzentrierte Interviews und Gruppendiskussionen erhobene Datenmaterial wurde zwar unabh├Ąngig voneinander, aber methodisch analog mit der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet.

Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht die Analyse von Lehrpl├Ąnen der zweiten und neunten Klasse an unterschiedlichen Schulformen in den vier Bundesl├Ąndern Bayern, Hessen, Niedersachsen und Sachsen. Zentral sind hier die Thematisierungskontexte und thematischen Fokussierungen von Alter und Altern im Unterricht, wobei neben dem Deutschunterricht auch die F├Ącher Sozialkunde, Politik und Religion in die Analysen einbezogen werden. Die Analysen sind durch eine gro├če Dichte an Belegen und Ausz├╝gen aus dem Material sehr gut nachvollziehbar und verweisen auf positive wie negative Generalisierungen von Alter sowie das weitgehende Fehlen der Thematisierung eines aktiven Alterns, das allenfalls in einigen literarischen Werken im Deutschunterricht der Sekundarstufe zu finden ist. W├Ąhrend die Autorinnen und Autoren sich mit wertenden Aussagen zu den Ergebnissen insgesamt sehr zur├╝ckhalten und sich auf deren Deskription konzentrieren, wird gerade mit Blick auf die komparative Analyse der Lehrpl├Ąne verschiedener Bundesl├Ąnder doch deutlich, wie hier Stereotype (re-)produziert und einseitige Bilder des Alters transportiert werden.

Eine inhaltsanalytische Auswertung von 82 Schulb├╝chern f├╝r die zweite und neunte Klasse wird im dritten Kapitel vorgestellt und bietet einen weiteren Zugang zu den Themen Alter und Altern als Unterrichtsgegenstand. Dabei werden diese Themen breit gefasst und es wird auf die Darstellung von Lebenslagen, Gesundheit, Beziehungen im Alter, aber auch von Sterben und Tod und von Generationenverh├Ąltnissen geachtet. Die Auswertung von Leseb├╝chern verweist auf eine sehr facettenreiche Bearbeitung der genannten Themen in den Schulb├╝chern und erbringt kaum Hinweise auf ein stereotypes Altersbild. Dennoch scheinen sich gerade Leseb├╝cher auf einem schmalen Grad zwischen der Darstellung gesellschaftlich dominanter Realit├Ąten und der Bedienung von Altersstereotypen zu bewegen. Demgegen├╝ber werden die genannten Themen au├čerhalb des Deutschunterrichts ÔÇô also in Schulb├╝chern f├╝r die F├Ącher Sozialkunde, Politik und Wirtschaft ÔÇô fast durchgehend negativ thematisiert. Insgesamt wird in diesem Kapitel erneut der sich auf Deskription beschr├Ąnkende und auf Wertungen praktisch vollst├Ąndig verzichtende Stil des Autorenteams deutlich. An einigen Stellen w├╝rden viele Lesende sicherlich schon hier eine normative Positionierung erwarten, wie sie im Schlusskapitel erfolgt.

Die am Lehr-Lerngeschehen Beteiligten selbst kommen im vierten Kapitel zu Wort. Um Altersbilder und deren Thematisierung im Unterricht aus Sch├╝lersicht zu erfassen, wurden einerseits sieben strukturierte Gruppendiskussionen mit Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern aus dem Primarbereich gef├╝hrt und andererseits thematisch entsprechend vorgegebene Aufs├Ątze von 20 Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern aus der Sekundarstufe ausgewertet. In den in den Text integrierten Ausz├╝gen aus dem Original-Material lassen sich zum einen die zusammenfassenden Auswertungen gut nachvollziehen, zum anderen werden aber auch Potenziale des Materials f├╝r weitere, tiefergehende Analysen sichtbar. Es wird deutlich, dass die Aussagen einiger Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler vielfach die eigenen aktuellen Lebensentw├╝rfe oder Erfahrungen aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld widerspiegeln, w├Ąhrend andere auf eher generalisierte Fremdbilder rekurrieren. Zwar bleiben einige eigentlich besonders aufschlussreiche immanente Sinnstrukturen im erhobenen Material der angewandten Analysemethode verschlossen, die eher explorativ angelegte Auswertung des Materials bietet aber wesentliche Impulse f├╝r weitere Forschungsarbeiten. Die das Forschungsprogramm abrundenden 17 Interviews mit Lehrerinnen und Lehrern aus den untersuchten Schulstufen spiegeln die Breite der Altersbilder eines offensichtlich aufgekl├Ąrten Bildungsb├╝rgertums wider, bieten aber nur im Hinblick auf die Thematisierung von Alter und Altern im Unterricht interessante Perspektiven, ohne R├╝ckschl├╝sse auf die impliziten Altersbilder der Lehrenden zuzulassen.

In der abschlie├čenden Zusammenfassung liefern die Autorinnen und Autoren eine sehr pointierte Verdichtung der zentralen Ergebnisse und stellen die Diskrepanz zwischen facettenreichen und vielf├Ąltigen Altersbildern bei Sch├╝lerinnen, Sch├╝lern und Lehrenden einerseits und der oft einseitigen Thematisierung von Alter in Lehrpl├Ąnen und Schulb├╝chern andererseits heraus. Aus der Zusammenschau ├╝ber dieses und weitere Ergebnisse werden konkrete Handlungsempfehlungen f├╝r Bildungsadministration, Lehrende und Schulbuchverlage entwickelt, die sich sehr klar auf die Befunde der Untersuchung zur├╝ckf├╝hren lassen und dadurch auch ein hohes Ma├č an Nachvollziehbarkeit und Glaubw├╝rdigkeit erreichen.

Insgesamt sind insbesondere die vorgenommenen Analysen von Lehrpl├Ąnen und Schulb├╝chern aufschlussreich hinsichtlich des Umgangs mit den Themen Alter und Altern im Schulunterricht in verschiedenen Bundesl├Ąndern. Diese den Unterricht strukturierenden Vorgaben und Materialien verweisen nicht nur auf bundeslandspezifische Differenzen, sondern auch auf erhebliche Unterschiede zwischen Schulf├Ąchern, was die Einseitigkeit der Darstellung von Alter und ├Ąlteren Menschen anbelangt. Zwar gelingt es der Studie mit dem angewandten inhaltsanalytischen Verfahren nicht, einen tiefergehenden Einblick in die unmittelbare Unterrichtsinteraktion oder die Einstellungsmuster der an den Lehr-Lern-Prozessen Beteiligten selbst zu erzielen; die v. a. aus den Dokumentenanalysen gewonnenen Erkenntnisse der Studie sind gleichwohl mehr als aufschlussreich und ein wesentlicher Beitrag zur Erschlie├čung eines bislang vernachl├Ąssigten Forschungsgegenstands. Insofern ist das Buch nicht nur Pflichtlekt├╝re f├╝r alle im Bereich der Alters-, Unterrichts- oder Schulbuchforschung T├Ątigen, sondern ist auch f├╝r angehende Lehrerinnen und Lehrer sehr zu empfehlen, nicht zuletzt, weil es zur Reflexion des eigenen Umgangs mit den Themen Alter und Altern anregt.
Bernhard Schmidt-Hertha (T├╝bingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Bernhard Schmidt-Hertha: Rezension von: Amrhein, Ludwig / Backes, Gertrud M. / Harjes, Anne / Najork, Christopher: Alter(n)sbilder in der Schule. Wiesbaden: Springer VS 2014. In: EWR 13 (2014), Nr. 6 (Veröffentlicht am 04.12.2014), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978365804462.html