EWR 13 (2014), Nr. 3 (Mai/Juni)

Sonja Dollinger
Diagnosegenauigkeit von ErzieherInnen und LehrerInnen
Einschätzung schulrelevanter Kompetenzen in der Übergangsphase
Wiesbaden: Springer VS 2013
(216 S.; ISBN 978-3-658-01659-3; 34,99 EUR)
Diagnosegenauigkeit von ErzieherInnen und LehrerInnen Die Gestaltung anschlussf√§higer Prozesse im √úbergang vom Elementar- in den Primarbereich ist im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren verst√§rkt Thema wissenschaftlicher Betrachtung geworden. Gerade im Hinblick auf die Entwicklung hin zu inklusiven Bildungsinstitutionen stellt dabei die genaue und individuelle Beobachtung einzelner Kinder eine besondere Herausforderung dar. Bislang standen und stehen in der Schuleingangsphase verschiedene Untersuchungsinstrumente im Mittelpunkt, die das Ziel haben, dem Kind eine gewisse Form von ‚ÄěSchulf√§higkeit‚Äú zu attestieren. Dieses meist an Konzepten von Normen und Erwartungen zum Schulbeginn orientierte Konstrukt steht dabei zum Teil im Widerspruch zu einer am einzelnen Kind durchgef√ľhrten, individuellen Diagnostik. Die Aufgabe, Diagnosen und damit Aussagen √ľber Lernausgangslage und potentielle Lernentwicklung zu treffen, obliegt in den meisten F√§llen Lehrkr√§ften, vor dem Schuleintritt zum Teil auch medizinischen und psychologischen Fachkr√§ften. Die Rolle von Erzieherinnen und Erziehern als fr√ľhp√§dagogischen Fachkr√§ften mit ihrer diagnostischen Kompetenz trat dabei im Transitionsprozess bisher in den Hintergrund.

Hier setzt die Ver√∂ffentlichung von Sonja Dollinger zur Diagnosegenauigkeit von ErzieherInnen und LehrerInnen an. Sie stellt die Frage, inwieweit die Diagnosen von p√§dagogischen Fachkr√§ften beim √úbergang von der Kindertagesst√§tte in die Grundschule zutreffen, √ľbereinstimmen und von welchen Faktoren diese abh√§ngig sind. Diagnosen von Lehrkr√§ften wurden, insbesondere beim √úbergang zum und im Sekundarbereich, in den letzten Jahren sp√§testens seit der PISA-Studie, wissenschaftlich untersucht und √ľberpr√ľft (27f). Diagnosekompetenz stellt demnach f√ľr das Handeln von Lehrkr√§ften eine grundlegende F√§higkeit dar, wobei Dollinger verst√§rkt auf den medizinisch-psychologischen Bereich des Feststellens bestimmter Merkmale als Lernausgangslagen eingeht und weniger den (f√∂rder-)diagnostischen Bereich anspricht (33f), der durchaus eine st√§rkere Betrachtung des kindlichen Umfelds und eine Betonung der F√∂rderung als Handlungskonsequenz beinhaltet [1].

Die grundlegenden Begriffe, die diagnostische Prozesse im √úbergang enthalten, werden von Dollinger in ausreichendem Ma√üe definiert. Von Diagnosegenauigkeit √ľber Diagnosekompetenz hin zu Anschlussf√§higkeit und Schulf√§higkeit werden die aktuellen Forschungsst√§nde und auch kritischen Diskurse wiedergegeben (23ff). Anhand dessen wird die anfangs erw√§hnte Forschungsl√ľcke, die bei der Feststellung der Untersuchung der Diagnosegenauigkeit liegt, noch deutlicher herausgearbeitet. Die hohe Bedeutung der Genauigkeit diagnostischer Aussagen, gerade im √úbergang in die Grundschule, wird auf Basis des Transitionsmodells von Griebel und Niesel im Hinblick auf eine gelungene individuelle √úbergangsgestaltung betont (56f). Werden hier falsche Aussagen getroffen, k√∂nnen die auf deren Basis geschaffenen Angebote Kinder √ľber- bzw. unterfordern und so Schwierigkeiten beim Schulbeginn entstehen lassen, die durch eine genaue Diagnose vermieden werden k√∂nnten.

Zur Schlie√üung der Forschungsl√ľcke wurde die Studie zur Diagnosegenauigkeit von Erziehern und Lehrern in der √úbergangsphase (DEL) durchgef√ľhrt (81f). Diese quantitative Studie, bei der zu drei Erhebungszeitpunkten ErzieherInnen, Lehrkr√§fte, Eltern und Kinder in M√ľnchen und im M√ľnchner Umland getestet bzw. befragt wurden, bildet die empirische Grundlage der Ver√∂ffentlichung. Dollinger bearbeitet das vorliegende Material geleitet von sechs Forschungshypothesen: 1. Gleiche Einsch√§tzung trotz unterschiedlicher Profession (117f); 2. Einsch√§tzung abh√§ngig vom Geschlecht der Kinder (136); 3. Einsch√§tzung sprachlicher Kompetenz abh√§ngig vom Migrationsstatus der Kinder (142); 4. ErzieherInnen sch√§tzen soziale Kompetenzen exakter, Lehrkr√§fte kognitive (148); 5. Genauigkeit h√§ngt von Merkmalen der P√§dagogen ab, insbesondere Berufserfahrung (156) und 6. Genauigkeit der Lehrkr√§fte verbessert sich zum Ende des ersten Schuljahres (166).

Nach der statistischen √úberpr√ľfung und Diskussion der Hypothesen stellt Dollinger abschlie√üend aus den erarbeiteten Ergebnissen die Bedeutung dieser f√ľr die p√§dagogische Praxis dar. Insbesondere f√ľr die Aus- und Weiterbildung der p√§dagogischen Fachkr√§fte wird empfohlen, die Faktoren einer spezifischen diagnostischen Kompetenz st√§rker im Elementar- und Primarbereich zu verankern. Dazu werden praktische Beispiele aus Fort- und Weiterbildungskonzepten herangezogen, die insbesondere die Reflexion des eigenen diagnostischen Handelns betonen (187). Neben den Ver√§nderungen in der Aus- und Weiterbildung werden von Dollinger auch die dringend notwendigen Verbesserungen der Rahmenbedingungen, wie kleinere Klassen, zweite Lehrkraft etc., kritisch angemerkt (188). Sie selber h√§lt fest, dass die beschriebene Forschungsl√ľcke durch ihre Ergebnisse geschlossen werden konnte (190), wobei angemerkt werden muss, dass dies nur f√ľr das Bundesland Bayern gilt, in welchem die Erhebung vorgenommen wurde. Die vorliegende Ver√∂ffentlichung von Dollinger liefert somit aber eine wertvolle Grundlage f√ľr weitere Forschung in diesem Bereich. Sie selbst nennt weitere M√∂glichkeiten der Anschlussforschung (195f). Insbesondere die Ber√ľcksichtigung bestimmter ‚ÄěKinder-Typen‚Äú (195) und der Einfluss bestimmter Faktoren auf die Diagnosen der ErzieherInnen und Lehrkr√§fte, wie bspw. die soziale Herkunft der Kinder, k√∂nnten Inhalte zuk√ľnftiger Forschung sein.

Sonja Dollinger hat sich zum Ziel gesetzt, die Genauigkeit der Diagnosen, die ErzieherInnen und Lehrkr√§fte am √úbergang vom Elementar- in den Primarbereich stellen, zu √ľberpr√ľfen. Dies ist mit der vorliegenden Arbeit, orientiert an ihren Hypothesen gelungen. Sie hat daf√ľr eine bisher in diesem Bereich einmalige Studie durchgef√ľhrt, die beide p√§dagogischen Professionen zu dieser Thematik in den Blick nimmt. Die Entwicklung der gesamten Arbeit ‚Äď die theoretische Einf√ľhrung, die Studie, die Hypothesenbildung und die Ergebnisse und deren Diskussion ‚Äď l√§sst kaum Fragen offen. Am Ende macht Dollinger auf weitere Forschungsdesiderate aufmerksam. Sie zeigt damit auch, dass im Bereich der Kooperation und Kommunikation (197) der beiden Institutionen Kindertagesst√§tten und Grundschulen mit ihren Akteuren noch ein gro√üer Forschungs- und Handlungsbedarf besteht.

[1] Werning, R. / Lichtblau, M. (2012): Sonderp√§dagogische Diagnostik; in: Werning, R. / Balgo, R. / Palmowski, W. / Sassenroth, M.: Sonderp√§dagogik. Lernen, Verhalten, Sprache, Bewegung und Wahrnehmung, M√ľnchen: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, S. 229-259.
Sören Thoms (Hannover)
Zur Zitierweise der Rezension:
S√∂ren Thoms: Rezension von: Dollinger, Sonja: Diagnosegenauigkeit von ErzieherInnen und LehrerInnen, Einsch√§tzung schulrelevanter Kompetenzen in der √úbergangsphase. Wiesbaden: Springer VS 2013. In: EWR 13 (2014), Nr. 3 (Veröffentlicht am 04.06.2014), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978365801659.html