EWR 10 (2011), Nr. 3 (Mai/Juni)

Ferdinand Eder / Gabriele Hörl (Hrsg.)
Schule auf dem Pr√ľfstand
Hauptschule und gymnasiale Unterstufe im Spiegel der Forschung
M√ľnster u.a.: LIT 2010
(331 S.; ISBN 978-3-6435-0250-6; 39,90 EUR)
Schule auf dem Pr√ľfstand Das √∂sterreichische Schulsystem ist dadurch gekennzeichnet, dass nach der vierj√§hrigen gemeinsamen Grundschule die Weichen f√ľr unterschiedliche Schullaufbahnen gestellt werden, die die Lebenswege und die beruflichen Laufbahnen Jugendlicher beeinflussen. Die Sekundarstufe I gliedert sich in die Hauptschule und die Unterstufe der Allgemeinbildenden h√∂heren Schule (kurz: AHS; Gymnasien). Seit den 1970er Jahren gibt es die Diskussion √ľber die organisatorische und inhaltliche Ausrichtung der Schule der 10-14-J√§hrigen. √Ėsterreich behielt nach einer Phase der Schulversuche das separierende System aber auch nach 1980 bei, obwohl die Evaluationsergebnisse aus den Schulversuchen f√ľr eine gemeinsame Schule sprachen. Die gegenw√§rtige Bildungsforschung in √Ėsterreich f√ľhlt sich zunehmend dem Paradigma einer ‚Äěevidenzbasierten‚Äú Forschung verpflichtet und versucht dazu beizutragen, die St√§rken und Schw√§chen des Schulsystems zu diagnostizieren und damit eine Informationsbasis f√ľr sinnvolle Weiterentwicklungen zu schaffen.

In diesem Band werden die Ergebnisse von Bildungsforscher/innen berichtet, die sich auf die Hauptformen der Sekundarstufe I (Hauptschule und Unterstufe der AHS) beziehen und Fragestellungen aus den Reihen der Bildungspolitik, der Sch√ľler/innen, der Lehrer/innen, der Eltern, der Interessenvertretungen etc. ber√ľcksichtigen. Die Situation der Sekundarstufe I und das Verh√§ltnis der beiden Schulformen zueinander werden dokumentiert und analysiert. Dadurch soll Wissen f√ľr bildungspolitische Entscheidungen bereitgestellt werden.

Dieser Band enth√§lt sechs ‚Äěevidenzbasierte‚Äú Analysen zu den Themenbereichen Leistungsvergleiche, attraktive und entwicklungsf√∂rdernde Lernumwelten, Vergleiche der Unterrichtsqualit√§t und der Rahmenbedingungen, Funktion und Wirkung √§u√üerer Differenzierung, Bildungs- und Berufslaufbahnen, Wahlgr√ľnde, Zufriedenheit und Einstellungen der Eltern ‚Äď jeweils bezogen auf die Hauptschule und die Unterstufe der Allgemeinbildenden h√∂heren Schule. Dem schlie√üen sich drei Synopsen zu den Themenbereichen differenzielle Entwicklungsmilieus, Leistungen der beiden Schulformen im Hinblick auf die Reformziele der √∂sterreichischen Schule und zuk√ľnftige Anforderungen an die Schule an.

Im Gesamtres√ľmee zur Sekundarstufe I (Vergleich Hauptschule und gymnasiale Unterstufe) wird konstatiert, dass die Fragen zur Qualit√§t des Unterrichts aufgrund der nicht zufrieden stellenden Datenlage nur ansatzweise beantwortet werden k√∂nnen. Die Hauptschule weist im Hinblick auf die Erreichung allgemeiner Ziele des Bildungswesens, etwa Leistungsf√∂rderung, Chancengleichheit, Integration und Gerechtigkeit zwar ein h√∂heres Potenzial zur Integration auf, vermag in der bestehenden Form die Erwartungen nach Leistungsf√∂rderung, Chancenausgleich und Gerechtigkeit nur unzureichend oder √ľberhaupt nicht zu erf√ľllen (330). Demgegen√ľber wird der Unterstufe der AHS (Gymnasien) ein gro√ües Potenzial zur Hervorbringung eines hohen Leistungsniveaus zugeschrieben. Ihr Potenzial auf Integration und Inklusion erscheint jedoch gering.

Die Vergleiche der Schulmodelle sind vor dem Hintergrund zu sehen, dass die Unterschiede zwischen einzelnen Klassen (in einer Schule) oder einzelnen Schulen wesentlich gr√∂√üer sind als jene zwischen den einzelnen Modellen. Damit werden die Schulmodelle zu differentiellen Entwicklungsmilieus, die f√ľr die Sch√ľler/innen unterschiedliche Chancen und Risiken haben k√∂nnen, deren Realisierung jedoch von der konkreten Situation am Standort abh√§ngt. Hinsichtlich der Lernumgebungen erscheint die Diskrepanz zwischen Soll- und Ist-Zustand erheblich gr√∂√üer als die Unterschiede zwischen den Schulformen. Insofern weisen beide Schulformen generell gro√üe Defizite auf, wenn man ihre Praxis des schulischen Lernens mit den Anforderungen an ein wirksames und zukunftsf√§higes Schulsystem konfrontiert. Das legt den Schluss nahe, dass die Sekundarstufe I sich dahingehend entwickeln m√ľsse, dass das Lernen in den Schulen systematisch ver√§ndert werden muss, damit die Lernenden nachhaltige Ergebnisse erreichen k√∂nnen.

Das Herausgeberteam macht Vorschl√§ge hinsichtlich schulischer Rahmenstrukturen und meint, dass die Verzahnung dieser Strukturen mit einer neuen Kultur des Lernens die Lernenden in einen nachhaltigen und zukunftsf√§higen Lernprozess involvieren muss. Die Daten schreiben freilich nicht vor, welche Konsequenzen aus ihnen zu ziehen sind. Sie erfordern zun√§chst eine sorgf√§ltige Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung. Die Herausgeberin und der Herausgeber sind der Ansicht, dass das vorliegende Buch hinsichtlich der Sekundarstufe in √Ėsterreich einen Beitrag dazu leisten kann. Lesenswert ist das Buch f√ľr Personen, die sich im deutschsprachigen Raum mit der Sekundarstufe I (Aus-, Fortbildung, Bildungsbeauftragte, etc.) besch√§ftigen. Es enth√§lt Diskussionsanregungen zu den Lernumgebungen in der Sekundarstufe I, bei denen es noch Verbesserungsm√∂glichkeiten gibt.
Erika Rottensteiner (Graz)
Zur Zitierweise der Rezension:
Erika Rottensteiner: Rezension von: Eder, Ferdinand / H√∂rl, Gabriele (Hg.): Schule auf dem Pr√ľfstand, Hauptschule und gymnasiale Unterstufe im Spiegel der Forschung. M√ľnster u.a.: LIT 2010. In: EWR 10 (2011), Nr. 3 (Veröffentlicht am 22.06.2011), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978364350250.html