EWR 9 (2010), Nr. 6 (November/Dezember)

J├╝rgen Seifried
Unterricht aus der Sicht von Handelslehrern
(Konzepte des Lehrens und Lernens; Bd. 16)
Frankfurt: Peter Lang Verlag 2009
(421 S.; ISBN 978-3-631-58003-5; 68,50 EUR)
Unterricht aus der Sicht von Handelslehrern In seiner Habilitationsschrift widmet sich J├╝rgen Seifried in ├ťbereinstimmung mit dem Buchtitel der Erfassung von Sichtweisen von Lehrkr├Ąften im kaufm├Ąnnischen Bereich, diese gelten als zentrale Variablen f├╝r die Unterrichtsqualit├Ąt (24). Die h├Âchst anspruchsvolle Rekonstruktion von personenspezifischen Sichtweisen, die im deutschsprachigen Raum unter dem Begriff Subjektive Theorien bereits seit Mitte der 1970er Jahre in der Forschung vertreten ist, soll - zun├Ąchst vereinfacht ausgedr├╝ckt ÔÇô Ausgangspunkt f├╝r die ├ťberpr├╝fung der Wirkungskette Lehrersichtweisen  Unterrichtliches Handeln  Erzielbare Effekte auf Lernerseite sein (187).

Unter Hervorhebung der Bedeutung von Lehrkr├Ąften bzw. von Lehrersichtweisen f├╝r den schulischen Unterricht konstatiert Seifried im ersten Kapitel zun├Ąchst ein erhebliches Forschungsdefizit f├╝r den kaufm├Ąnnischen Bereich. Aufbauend auf dieser Feststellung werden unter Zuhilfenahme eines Modells (29) f├╝r das Forschungsvorhaben das folgende Erkenntnisinteresse und geplante Vorgehen skizziert (28ff):

  1. Erfassung von Sichtweisen von Lehrerinnen und Lehrern auf Buchf├╝hrungsunterricht unter Ber├╝cksichtigung der Aspekte Lehr- und Lern-Prozesse, pers├Ânliche ├ťberzeugungen zum eigentlichen Lerninhalt (Fachwissen) sowie Ansichten zu Sch├╝lern und Schulklassen (i.S.v. impliziten Pers├Ânlichkeitstheorien).

  2. Analyse von Auswirkungen der erfassten Sichtweisen auf das unterrichtliche Handeln sowie die Lernenden (Sch├╝ler) anhand der Leitfragen

    • Inwieweit sind Lehrersichtweisen handlungsrelevant f├╝r das Unterrichtsgeschehen?

    • Inwieweit beeinflusst das unterrichtliche Handeln die Unterrichtsqualit├Ąt f├╝r den Buchf├╝hrungsunterricht? Diese Auswirkungen, die vom Autor selbst auch als Lernereffekte (Outputperspektive) bezeichnet werden, sollen dabei sowohl kognitive als auch motivationale und emotionale Aspekte erfassen.

Mit einer abschlie├čend ansprechend visualisierten Darstellung der Grobstruktur f├╝r das weitere geplante Vorgehen in der Forschungsarbeit zeigt Seifried dem Leser nicht nur den roten Faden seiner weiteren Ausf├╝hrungen auf, sondern erm├Âglicht auch das gezielte Nachschlagen in einzelnen Kapiteln bzw. Unterkapiteln.

Um die Konzeption der empirischen Untersuchung sowie die Ausgestaltung der Erhebungsinstrumente vorzubereiten, erfolgt eine umfassende theoretische Grundlegung. Diese Fundierung steht in einem klaren Bezug zu den beiden eingangs entwickelten Themenbereichen Lehrersichtweise und unterrichtliches Handeln sowie Lerneffekte.

Die sorgf├Ąltigen Ausf├╝hrungen im zweiten Kapitel d├╝rften in dieser Beziehung vor allem auf die mit der Rekonstruktion von psychischen Strukturen verbundenen Schwierigkeiten, die durch verschiedene Forschungstraditionen begr├╝ndete Verwendung nebeneinander existierender Begrifflichkeiten sowie ein differenziertes Verst├Ąndnis zur Erfassung von Lehrersichtweisen zwischen dem deutschen und anglos├Ąchsischen Sprachraum zur├╝ckzuf├╝hren sein. Erg├Ąnzend werden verschiedene Methoden, sowohl aus dem quantitativen als auch dem qualitativen Bereich, und deren Eignung zur Rekonstruktion von Sichtweisen diskutiert. Als zentrale Erkenntnisse sind f├╝r das Kapitel festzuhalten, dass Seifried sich erstens f├╝r eine ÔÇ×forschungslinien├╝bergreifende VerwendungÔÇť des Begriffs Sichtweisen entscheidet (104). Zweitens f├Ąllt im qualitativen Bereich f├╝r die Erhebung der Lehrersichtweisen die Wahl auf Interviewtechniken, da diese gegen├╝ber der im Bereich der subjektiven Theorien verbreiteten Strukturlegetechniken geeigneter erscheinen, eine breiter angelegte Grundorientierung bei Lehrkr├Ąften zu erfassen (96 ff).

Die Analyse und Beschreibung verschiedener Elemente der Unterrichtsplanung und ÔÇôvorbereitung sowie theoretischer Konzepte zur Erfassung von Unterricht dient anschlie├čend der Ableitung von Beobachtungskriterien f├╝r die videografierten Aufzeichnungen. Das dritte Kapitel enth├Ąlt zudem erstmals eine Konkretisierung des Begriffs der Unterrichtsqualit├Ąt, die als Zielkriterium unterrichtlichen Handelns entscheidend f├╝r die wahrgenommenen Effekte auf Seiten der Lernenden (siehe Skizzierung des geplanten Vorgehens) gilt. F├╝r den Leser wird trotz dieser Spezifizierung erst im nachfolgenden vierten Kapitel explizit, dass neben der Erfassung von Qualit├Ąt auch die Lernleistung eine weitere Komponente f├╝r die Beurteilung von Effekten auf Lernerseite ist. Diese Ungenauigkeit in den Ausf├╝hrungen sorgt anfangs stellenweise f├╝r Unklarheiten.

Im Anschluss an die theoretische Fundierung erfolgt im vierten Kapitel das Herzst├╝ck der Forschungsarbeit, die Konzeption der empirischen Untersuchung. Zun├Ąchst wird das bereits im ersten Kapitel aufgezeigte Forschungsvorhaben pr├Ązisiert, anschlie├čend werden aus der Fragestellung in acht Teilbereichen insgesamt 19 Hypothesen formuliert. Daran ankn├╝pfend erfolgt die Erl├Ąuterung zur methodischen Gestaltung des Untersuchungsdesigns. Im Gegensatz zu den ausf├╝hrlichen und aufschlussreichen Darstellungen der Kapitel 2 und 3 sind die Ausf├╝hrungen zur detaillierten Gestaltung der verwendeten Erhebungsinstrumente sowie die vorgenommenen Operationalisierungen der im Vorfeld skizzierten theoretischen Konzepte eher ├╝bersichtlich gestaltet. Vor allem der an Methodik im Allgemeinen und den eingesetzten Instrumenten zur Erfassung bzw. Rekonstruktion der Sichtweisen von Lehrkr├Ąften (subjektive Theorien) im Speziellen interessierte Leser erh├Ąlt lediglich einen komprimierten ├ťberblick ├╝ber die eingesetzten Materialien. Unter Ber├╝cksichtigung des eingangs skizzierten Forschungsdefizits sowie des Gesamtumfangs der Habilitationsschrift w├Ąren hier zus├Ątzliche Ausf├╝hrungen sowie ein vollst├Ąndiger ├ťberblick ├╝ber eingesetzte Erhebungsinstrumente w├╝nschenswert.

Die Problematik der im vorangegangenen Kapitel angesprochenen komprimierten Darstellung findet sich dann, wenn auch eher selten, in der wiederum ausf├╝hrlichen erl├Ąuterten und hervorragend aufbereiteten Darstellung der empirischen Befunde im f├╝nften Kapitel. Hier erfolgt eine Diskussion der Ergebnisse getrennt nach Fragestellungen. ├ťbergreifend ist f├╝r die Kapitel 4 und 5 dabei festzuhalten, dass J├╝rgen Seifried die Problematik der Stichprobengr├Â├če nicht nur stets im Blick hat, sondern diese offen kommuniziert und vor einer Illusion eines repr├Ąsentativen Vergleichs warnt (201). Des Weiteren zeigt sich durchgehend ein umfassendes Verst├Ąndnis hinsichtlich m├Âglicher Vor- und Nachteile beim Einsatz von verschiedenen Methoden sowie den damit verbundenen ÔÇ×GefahrenÔÇť bei der Interpretation. Eine Zusammenfassung der zentralen empirischen Ergebnisse durch den Autor lenkt den Fokus des Lesers abschlie├čend auf die Kernelemente der durchgef├╝hrten Untersuchung. Hier gilt es in Anlehnung an die oben skizzierte Wirkungskette besonders hervorzuheben, dass die anhand der erhobenen Sichtweisen identifizierten Lehrertypen (instruktional, konstruktivistisch sowie systematikorientierter Mischtyp) handlungsleitend sind (340).Der vermutete Zusammenhang zwischen unterrichtlichem Handeln und Effekten kann dahingegen nicht eindeutig best├Ątigt werden (431 ff). Die abschlie├čende Diskussion bzw. Ableitung von Implikationen f├╝r die Lehrerbildung rundet die Ausf├╝hrungen ab.

Die vorliegende Untersuchung zur Erfassung von Sichtweisen ├╝ber Unterricht von Lehrerinnen und Lehrern im kaufm├Ąnnischen Bereich und die damit verbundenen Auswirkungen schlie├čt nicht nur die eingangs konstatierte Forschungsl├╝cke, sondern zeichnet sich vor allem durch ihren Umfang und die Vielzahl eingesetzter Methoden bzw. deren Kombination aus. Dabei liefern sowohl die verwendete Methodik (Gestaltung des Untersuchungsdesigns und die eingesetzten Instrumente) als auch die Vorstellung und Diskussion der empirischen Befunde Anregungen zur weiteren Auseinandersetzung mit der Thematik.
Katrin Rasch (K├Âln)
Zur Zitierweise der Rezension:
Katrin Rasch: Rezension von: Seifried, J├╝rgen: Unterricht aus der Sicht von Handelslehrern, (Konzepte des Lehrens und Lernens; Bd. 16). Frankfurt: Peter Lang Verlag 2009. In: EWR 9 (2010), Nr. 6 (Veröffentlicht am 08.12.2010), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978363158003.html