EWR 12 (2013), Nr. 2 (März/April)

Bianca Elke Marie-Luise Preuß
Hochbegabung, Begabung und Inklusion
Schulische Entwicklung im Mehrebenensystem
Wiesbaden: Springer VS 2012
(344 S.; ISBN 978-3-531-19485-1; 39,95 EUR)
Hochbegabung, Begabung und Inklusion Mit dem vorliegenden 18. Band der Studien zu Educational Governance wird die Dissertation von Bianca Preuß zum Thema Hochbegabung, Begabung und Inklusion in leicht gekürzter Fassung einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Governanceforschung mischt unterschiedliche Sparten sozialwissenschaftlicher Forschung, in diesem Fall Erziehungs- und Politikwissenschaft, neu und verspricht durch komplexere Gegenstandsbestimmungen neue Einsichten in Bildungsfragen von öffentlichem Interesse. Der damit verbundene Zugang und Anspruch wird durch die Textform des Prologs unterstrichen, den Preuß der Studie voranstellt und in dem sie gekonnt John Rawls mit einer unbestimmt bleibenden Person des Wissenschaftssystems über Grundfragen ihres Gegenstandes diskutieren lässt: Mit dieser Ouvertüre situiert die Autorin die eigene Studie im relationalen Zusammenhang von Forschungsfragen.

Die Studie von Preuß untersucht die Karriere des Themas „Hochbegabung“ im Erziehungs- und Bildungssystem am empirischen Fall des Bundeslandes Niedersachsen. Dabei stehen zwei Teilthemen im Fokus: Das Thema Hochbegabung, sein Inhalt und sein Kontext zum einen, neue Steuerungsfragen im Erziehungs- und Bildungssystem am Beispiel dieses Themas zum anderen. Die Arbeit an diesen beiden Themen gliedert die Autorin in zwei Hauptteile: Zunächst bearbeitet sie theoretische Gesichtspunkte zur Entwicklung ihres Gegenstandes (27-130), anschließend wendet sie sich der empirischen Rekonstruktion zu (131-294). Die Arbeit schließt sie mit einem Fazit ab (295-321).

Im ersten Hauptteil rekonstruiert Preuß die Leitidee „Hochbegabung/Hochbegabungsförderung“ in Bezug auf ihren Gehalt und ihre aktuelle Theoretisierung. Anschließend situiert sie das Thema im Sinne einer Leitidee im Kontext von Steuerungsfragen. Sie verfolgt dabei schwerpunktmäßig einen akteurtheoretischen Zugang, versucht jedoch, diesen systemtheoretisch mit Bezug auf Differenzierungs- und Kommunikationstheorie, anzureichern. Dieses Unterfangen birgt eine spezifische methodologische Schwierigkeit, die darin besteht, die Unterscheidung zwischen Analyseinstrumenten und Gegenstand aufrechtzuerhalten. In einer Hinsicht gelingt dies durchgängig stabil durch die Beschreibung von Hochbegabung (Gegenstand) als einer Leitidee (Analyseinstrument), die sich im Horizont von Steuerungstheorie rekonstruieren lässt. In einer für den Anspruch der Arbeit wichtigen Dimension gelingt dies nur bedingt: Im Kapitel über inklusionstheoretische Annahmen (35-68) wird die Differenz zwischen einem inklusionstheoretischen Zugang auf den Gegenstand und die Karriere des Gegenstandes mit dem Inklusionsargument unscharf gehandhabt. Preuß formuliert bereits in der Einleitung: „Fakt ist, dass Hochbegabungsförderung und Individualisierung – in ihrer Duplizität – das Potenzial haben, Heterogenität als ‚Normalprogramm’ einer Steuerungs- und Implementationspraxis anzusehen, die Inklusion im Sinne eines (Gerechtigkeits-)Anspruchs auf die individuelle Lern- und Leistungsentwicklung aller als Ziel hat [...]“ (21). Der methodologische Einwand besteht darin, dass eine inklusionstheoretisch sensibilisierte Governanceforschung analog zur Erforschung der Themenkarriere von Hochbegabung auch die Themenkarriere von Inklusion (und damit verbunden: Benachteiligung, Behinderung) als Leitidee analysieren müsste, um prüfen zu können, ob der Zusammenhang von Hochbegabung und Inklusion mehr ist als nur eine Legitimierungsstrategie im Kampffeld Schule. Entsprechend zurückhaltend wäre die Einschätzung der Autorin zu beurteilen, wonach die Idee, „dass auch Hochbegabte gefördert werden müssen“ die „historische Idee der Inklusion aller“ (64) komplettieren würde.

Der zweite Hauptteil ist der empirischen Studie zu Governance und Hochbegabungsförderung in Niedersachsen gewidmet. Er beginnt mit einer Analyse systembezogener Rahmenbedingungen und der für den empirischen Fall relevanten Akteure. Anschließend folgt ein längeres Kapitel zu Forschungsdesign und Methode (159ff). Preuß erschließt ihren Forschungsgegenstand methodisch basierend auf Überlegungen aus der Grounded Theory. Es ist als große Stärke der Studie zu bewerten, dass tiefe Einblicke in das Forschungshandeln im Institutionenkontext ermöglicht werden, und dass das Einbezogensein der Forscherin in ihren Gegenstand zum reflexiven Thema wird. Preuß dokumentiert detailliert die an der Komplexität des Gegenstandes orientierten datengenerierenden Zugänge (Dokumentenanalyse, Interviews, Forschungshandlungen im Bereich von Feldzutritt und -austritt, namentlich Fragen des Vertrauens). Das darauf folgende Kapitel dient der Ergebnisdarstellung. Um die Aspekte von Steuerungshandeln und Themenbearbeitung in ihrer wechselseitigen Bezogenheit nachzuzeichnen, setzt die Autorin auf Typenbildung. Dies ermöglicht es ihr, die Dynamik des Gegenstandes zu rekonstruieren und Tiefenstrukturen (157) sichtbar zu machen. Es liegt in der Logik des gewählten Zugangs, dass die Studie nicht mit einem Ergebnis im engen Sinne aufwartet, sondern mit einer Modellierung der Komplexität von Themenkarrieren und Steuerungsstrategien im Erziehungs- und Bildungsbereich am Beispiel der Hochbegabungsförderung. Für den Bereich der Steuerung bietet die Studie reiches empirisches und begriffliches Material. Das Beispiel selbst deckt nicht alle Themen des Erziehungs- und Bildungsbereichs ab, namentlich nicht alle, die mit der Leitidee von Inklusion anfallen. Insofern hat die Studie einen engeren Aussagebereich als sie ankündigt: Sie greift auf Inklusion via Hochbegabungsförderung zu. Es wäre eine Frage einer erst in Ansätzen vorhandenen Governanceforschung zu Inklusion [1], ob mehr vorliegt als ein geschicktes Lobbying.

Insgesamt liegt eine Arbeit vor, die das Leistungsspektrum einer vielversprechenden Forschungsrichtung aufzeigt.

[1] vgl. Blanck, Jonna M./Edelstein, Benjamin/Powell, Justin J. W. (2012): Der steinige Weg zur Inklusion. Schulreformen in Deutschland und die UN-Behindertenrechtskonvention. In: WZB-Mitteilungen, H. 138, 17-20.
Jan Weisser (Basel)
Zur Zitierweise der Rezension:
Jan Weisser: Rezension von: Preuß, Bianca Elke Marie-Luise: Hochbegabung, Begabung und Inklusion, Schulische Entwicklung im Mehrebenensystem. Wiesbaden: Springer VS 2012. In: EWR 12 (2013), Nr. 2 (Veröffentlicht am 03.04.2013), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978353119485.html