EWR 10 (2011), Nr. 1 (Januar/Februar)

Sandra Smykalla
Die Bildung der Differenz
Weiterbildung und Beratung im Kontext von Gender Mainstreaming
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010
(304 S.; ISBN 978-3-5311-7025-1; 39,95 EUR)
Die Bildung der Differenz Sandra Smykalla untersucht in ihrem Promotionsprojekt gender-orientierte Weiterbildungen und Beratungen als professionelle Tätigkeitsfelder von Gender- Expertinnen. Auf diskursanalytischem Weg und mit einer „explorativ-interpretierend-erkundenden“ Forschungshaltung begibt sich die Autorin auf die Suche nach Antworten: Welches handlungsleitende Gender-Wissen trägt unter den gegenwärtigen Konstitutionsbedingungen von Erwachsenenbildung zu einer Dekonstruktion von Ungleichheitskategorien bei? Wodurch zeichnen sich aktuelle Lesarten und Ziele von Gender Mainstreaming aus? Welchen Beitrag leistet gender- orientierte Weiterbildung zur Konstruktion bzw. Dekonstruktion von Geschlecht als Differenzkategorie? Wie wird mit Ambivalenzen innerhalb professioneller Interventionsstrategien in Gender- Trainings und -beratungen umgegangen?
Gemeint scheint damit zu sein: Das Handlungsfeld der gender-orientierten Weiterbildung und Beratung diskursiv zu analysieren, um daraufhin eine Typisierung von Akteurs-Konstellationen und Interventionsstrategien mittels qualitativer ExpertInnen-Interviews vorzunehmen. Das zentrale Erkenntnisinteresse der Autorin ist nur schwer ersichtlich und geht zwischen der Vielzahl forschungsleitender Begriffe, der viel zu breit aufgefächerten theoretischen Grundlegung des Untersuchungsgegenstandes und den damit nur oberflächlich in einen Zusammenhang gesetzten empirischen Ergebnissen stellenweise gänzlich unter.

Gleichzeitig widmet sich die Autorin einem im Rahmen gleichstellungspolitischer Aktivitäten jedoch höchst relevanten Thema: Der gender-orientierten Weiterbildung und Beratung. In lernenden Organisationen dienen entsprechende Fort- und Weiterbildungen verstärkt dazu, das Wissen und das Können der Beschäftigten immer wieder an den aktuellen Qualifikationsbedarf anzupassen, um somit gleichstellungspolitischen Standards gerecht zu werden. Dementsprechend ist eine heterogene Gender-Trainingslandschaft entstanden, die der theoretischen und methodischen Analyse und Systematisierung bedarf. Diesen Bedarf erkennt Smykalla und erhebt den Anspruch, die deutschlandweit erste Typisierung dieses Handlungsfeldes zu leisten, aus der Interventionsstrategien zur Auflösung von Ungleichheitskategorien abgeleitet werden sollen.

Nach einer umfangreichen Einleitung, in der die Historie von Gender Mainstreaming, wissenschaftliche Kontroversen um diese Strategie, Tendenzen der Frauenbewegung und -forschung sowie gleichstellungspolitische Institutionalisierungs- und Professionalisierungsströmungen aneinandergereiht werden, beschreibt die Verfasserin im ersten Kapitel ihre poststrukturalistisch-dekonstruktive Perspektive auf das von ihr gewählte Forschungsfeld. Daran anschließend erläutert sie ihre methodische Herangehensweise an die Analyse des Spannungsfeldes der gender-orientierten Weiterbildung zwischen Wissenschaft, Markt, Emanzipationsbewegung und -politik. Diese Themenkomplexe stellen einerseits relevante theoretische und methodische Grundlagen des Werkes dar. Andererseits ist angesichts der Menge explizierter Theorien und Paradigmen keine stringente Argumentationslinie erkennbar - geschweige denn an dieser Stelle vom Leser/ von der Leserin in einem methodologischen Zusammenhang verortbar.

Im zweiten Kapitel werden wissenschaftliche Kontroversen um Gleichstellungspolitik, Geschlechterforschung und Erwachsenenpädagogik bzw. Weiterbildung abgehandelt, da die Schnittpunkte dieser Diskurse nach Smykalla das Handlungsfeld der gender-orientierten Weiterbildung und Beratung konstituieren. Zusammenfassend hält die Autorin an dieser Stelle fest: „Machtkritische Geschlechterperspektiven in alle politischen Entscheidungen und auf allen Ebenen einzubeziehen, sowie Gender Mainstreaming dies ermöglich könnte, scheint auf den ersten Blick weit davon entfernt, ein Degendering von Geschlecht hervorzurufen. Aber deshalb stehen dekonstruktive Interventionen einer effektiven gleichstellungspolitischen Praxis nicht im Weg“ (138). Ausgehend von dieser Erkenntnis vollzieht die Autorin einen logischen nächsten Schritt, indem sie versucht, die theoretischen Diskurse um Gender und Gender Mainstreaming im Handlungsfeld der gender- orientierten Weiterbildung und -beratung zu diagnostizieren und daraus resultierende Konsequenzen aufzuzeigen.

Es folgen die Darstellung bzw. Auswertung der Expertinnen-Interviews und der Versuch einer Typisierung von Interventionsstrategien. Smykallas Stichprobe umfasst 17 Personen. Als Selektionskriterien fungieren dabei - in der Arbeit nicht explizierte - inhaltliche Aspekte diverser gender-orientierter Weiterbildungs- und Beratungsangebote auf dem Markt. Die Autorin praktiziert demnach das Konzept des Theoretical Sampling. Die Auswahl der Kriterien ergibt sich insofern daraus, dass diese die Erkenntnis über den Untersuchungsgegenstand gemäß den Vorannahmen der Forscherin erweitern sollen. Somit ergibt sich aus der Selektion der forschungsrelevanten thematischen Spezifika die Auswahl der Interview- Partner/innen.

Auf der Basis dieser Interviews extrahiert die Autorin schließlich zentrale Themenkomplexe genderorientierter Weiterbildung und -beratung wie „Gender Mainstreaming als Chance und Bedrohung“, „Gleichstellung zwischen Modernisierung und Transformation“ und „Berufsbiographische Verläufe zwischen Profession und Mission“ sowie zentrale Konzeptionen aus der alltäglichen Trainer/innen-Praxis. Um daraus charakteristische Interventionsstrategien typisieren zu können, werden diese Themenkomplexe und methodischen Konzeptionen zu Dichotomen verdichtet, welche letztendlich die Pole „funktional-fachlich“ und „ideell-reflexiv“ umfassen. Demnach zeichnen sich funktional-fachliche Interventionen in der Praxis der befragten Gender-Trainer/innen durch einen instrumentellen Charakter, das Paradigma der Machbarkeit, eine marktorientiert-ökonomische Perspektive und eine Komplexitätsreduktion der zu vermittelnden Inhalte zugunsten von Ergebnisorientierung und Verkaufbarkeit aus. Demgegenüber sind ideell-reflexiv orientierte Gender Trainings durch eine Problemorientierung, das Paradigma der Ermöglichung, eine subjektorientierte Perspektive sowie die persönliche und politische Positionierung entgegen der Profitorientierung des Marktes gekennzeichnet (239ff). Auf eine weitergehende Systematisierung der Fallbeispiele zur Abstraktion von Besonderheiten bzw. Mustern im Kontinuum zwischen „schwarz“ und „weiß“ wartet der Leser/die Leserin an dieser Stelle vergeblich.

Den theoretischen Perspektiven und empirischen Ergebnissen folgend diskutiert die Autorin abschließend die „Bildung der Ambivalenz“ als Prämisse gender-orientierter Weiterbildung, um die Herstellung von Differenzkategorien („Die Bildung der Differenz“) zu vermeiden. Gender-Kompetenz als zentrale, von den Akteur/innen in der Praxis zu vermittelnde Fähigkeit, wird neu definiert und fokussiert sowohl Fachwissen als auch Ambivalenz-Kompetenz. Ausgangspunkt aller Bildungs- und Weiterbildungsprozesse sollen demnach Unentscheidbarkeit und Unabgeschlossenheit sein, um Prozesse der Ungleichheitsmanifestierung zu vermeiden. Damit formuliert Sandra Smykalla eine Handlungsempfehlung zur Durchführung von Trainings, Workshops oder Beratungen innerhalb der gender-orientierten Weiterbildung, die eine entsprechend Ambivalenz-berücksichtigende Didaktik als damit einhergehende, zentrale Herausforderung postuliert.

Ein Charakteristikum dieser Arbeit besteht in der Vielfalt ihrer theoretischen Aspekte, die jedoch gleichzeitig auch Probleme mit sich bringen: Den „roten Faden“ angesichts der Menge an Themen auszumachen ist stellenweise kaum mehr möglich, ebenso dominieren theoretische Paradigmen das empirische Erkenntnisinteresse bei weitem. Es entsteht der Eindruck, dass sich auch die Autorin auf ihren Weg von diversen Forschungsfragen hin zum Ziel einer Typisierung des gender- orientierten Weiterbildungssektors in dem Spannungsfeld zwischen theoretischem Diskurs und praktischer Implikation verliert.
Sandra Struthmann / Hildrun Brendler (Augsburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sandra Struthmann / Hildrun Brendler: Rezension von: Smykalla, Sandra: Die Bildung der Differenz, Weiterbildung und Beratung im Kontext von Gender Mainstreaming. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. In: EWR 10 (2011), Nr. 1 (Veröffentlicht am 16.02.2011), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978353117025.html