EWR 6 (2007), Nr. 5 (September/Oktober 2007)

Kompetenzzentrum Informelle Bildung (Hrsg.)
Grenzenlose Cyberwelt?
Zum Verhältnis von digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007
(223 S.; ISBN 978-3-531-15319-3; 32,90 EUR)
Grenzenlose Cyberwelt? Das Internet ist gegenwärtig eines der wichtigsten Medien und steht scheinbar nahezu jedem Menschen gleichermaßen zur Verfügung. Allerdings hängt seine Nutzung sowohl von individuellen Präferenzen als auch von sozialen Strukturen und Prozessen ab, so dass auch in diesem Kontext mit einer erweiterten gesellschaftlichen Spaltung zu rechnen ist. Diese Beobachtung und Feststellung ist Ausgangspunkt des Buches „Grenzenlose Cyberwelt? Zum Verhältnis von digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche“, das kürzlich im VS Verlag erschienen ist. Herausgegeben wird es vom Kompetenzzentrum Informelle Bildung – was hinter diesem Namen steckt, ob damit ein Forschungsinstitut, eine Beratungsstelle oder Ähnliches gemeint ist, erfährt der Leser nicht aus dem Band. Ihm bleibt lediglich die Vermutung, dass Hans-Uwe Otto, Nadia Kutscher, Alexandra Klein und Stefan Iske, die namentlich als Herausgeber genannt werden, darin federführend tätig sind. Diese Unklarheit gleich zu Beginn hätte ohne Probleme vermieden werden können, gibt es doch einen informativen Internetauftritt dazu. Ein weiteres Ärgernis gleich vorweg: Unverständlicherweise stimmen fast alle Angaben des Inhaltsverzeichnisses mit den Überschriften der Artikel nicht überein, was die Orientierung im Buch und die Handhabung unnötig erschwert.

Vor dem Hintergrund des geschilderten Ausgangspunktes stellt sich für die Herausgeber „die gesellschafts- und bildungspolitisch relevante Frage nach den Teilhabechancen und dem demokratischen Potenzial des virtuellen Raums“ (7f.). – Angesichts aktueller Entwicklungen erscheint diese Frage sowohl interdisziplinär als auch theoretisch und praktisch berechtigt. Mit eben diesem Zugang versuchen die Herausgeber diese Frage zu beantworten und vereinen in dem Buch Aufsätze von „führenden internationalen WissenschaftlerInnen“, die die aufgeworfene Problemstellung „sowohl unter empirischen als auch theoretischen Ansätzen aus der Perspektive der für diesen Kontext zugrundelegenden Disziplinen“ diskutieren, „um sie für eine zukunftsorientierte Praxis nutzbar zu machen“ (8). Demzufolge ist es das Ziel, einen ersten umfassenden „Überblick über die Analyse des Umgangs von Jugendlichen mit den Möglichkeiten und den Selbstbegrenzungen der ‚Cyberworld’“ zu liefern, „wobei insbesondere die digitale Ungleichheit und die Möglichkeit informeller Bildung in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt werden“ (10). Dieses Ziel soll Maßstab der vorliegenden Rezension sein. Ärgerlich ist meines Erachtens an dieser Stelle, dass versäumt wird zu benennen, an wen sich das Buch richtet, für welche Zielgruppe die Autoren schreiben.

Das Buch ist in vier Bereiche unterteilt, die insgesamt elf Artikel umfassen. Hinzuweisen ist darauf, dass eine Reihe von Aufsätzen in englischer Sprache verfasst ist. Entsprechende Kenntnisse sollten folglich vorhanden sein. Der erste Bereich ist den „gesellschaftlichen Herausforderungen für Bildungspolitik im Kontext des Internet“ gewidmet. Darin finden sich zwei Artikel: Der eine stammt von Lawrence Angus. Mithilfe eines qualitativen Zuganges untersucht er die Nutzung des Computers durch Jugendliche von vier australischen Familien, von denen drei Haushalte dank eines staatlichen Förderprogramms mit verbilligten Geräten ausgestattet wurden, während in einem Haushalt schon längere Zeit ein Computer vorhanden war. Dank der transparenten und schlüssigen Darstellung der Studie kann die Hypothese, die Lawrence Angus trotz der geringen Stichprobe aufstellt, überzeugen: „It does not seem that equal access to Information and Communication Technologies (ICT), without attention to other socio-political aspects of advantage and disadvantage, will do much to close the digital or social divide“ (28). Jedoch ist damit aber nur das eigentliche Problem benannt: Welche Hilfen sind beispielsweise anzubieten, um die Teilhabe an den Informations- und Kommunikationstechnologien zu erhöhen und die damit verbundene gesellschaftliche Spaltung zu reduzieren? Diese und ähnliche Fragen bleiben leider unbehandelt. Der zweite Artikel in diesem ersten Bereich stammt von Neil Selwyn. Dieser setzt sich auf theoretischer Ebene mit den Möglichkeiten und den Grenzen von ICT-Interventionen und -Initiativen auseinander. Mithilfe einer stimmigen Argumentation macht Neil Selwyn deutlich, dass zu den Voraussetzungen für den Erfolg solcher Maßnahmen gehört: „a rethinking of the relevance, utility and meaning of ICT use for young people, as well as a reconsideration of the relevance of ‚social inclusive’ practice in what are increasingly ‚hypercomplex’ societies“ (33). Darauf aufbauend gelingt es ihm, ein Modell digitaler Inklusion zu skizzieren, das weniger auf die vermeintlichen Effekte als vielmehr auf die Transformation der sozialen Ursachen digitaler Ungleichheiten zielt – ohne den Anspruch auf universale Erfolgsgarantie erheben zu wollen.

Der zweite Bereich des Buches befasst sich mit dem Thema „Bildung und Teilhabe im virtuellen Raum und ihre Grenzen“. Mit vier Beiträgen stellt er gleichzeitig den größten Teil des Buches dar. Den Anfang macht Caroline Haythornthwaite, die sich mit den folgenden Aspekten beschäftigt: „social facilitators and inhibitors to access, use, literacy, and fluency with the Internet and its technologies, organized around topics of infrastructure, individual differences, online content, and social networks“ (48). Wer hier einen Überblick über den Stand der Forschung erwartet und erhofft, wird nicht enttäuscht. Kurz, aber fundiert zeichnet sie die wichtigsten Diskussionsstränge nach. Der nächste Beitrag stammt aus der Feder der Herausgeber, nämlich Stefan Iske, Alexandra Klein, Nadia Kutscher und Hans-Uwe Otto. Sie stellen darin eine empirische Analyse der Internetnutzung Jugendlicher und deren Bedeutung für Bildung und gesellschaftliche Teilhabe dar. Den Blick wenden sie dabei nicht nur auf die Nutzer, sondern auch auf die Anbieter der Internetseiten, was aus pädagogischer Sicht eine wichtige Perspektive ist. Mithilfe ihrer Untersuchung, die umfassend und detailliert erläutert wird, gelingt es ihnen bestehende Befunde zu bestätigen, ja sogar genauer zu betrachten. So liefern sie zu den Bereichen „Peer-to-peer connection“, „Interactivity“, „Seeking information“, „Communicating“, „Webpage / content creation“ und „Visiting political / civic websites“ zahlreiche Informationen, wobei die meist knappe Darstellung die Qualität der Ergebnisse manchmal negativ überdeckt. Zu kurz kommen meines Erachtens die praktischen Schlussfolgerungen, die, solange nicht klar ist, wer Zielgruppe des Buches ist, erwartet werden können. Auch der anschließende Beitrag von Winfried Marotzki weckt Interesse. Ausgehend von bildungstheoretischen Überlegungen diskutiert er die Frage, welche Formen der Erinnerungskulturen als Facette eines diachronen Orientierungsformats (im Vergleich zu einem synchronen) es im Internet gibt. Dabei beruft er sich im Wesentlichen auf Paul Ricoeur, wonach Erinnerungsarbeit „immer auch biographische Aufarbeitung eines Verlustes“ ist (96). Das Internet bietet seiner Meinung nach eine Vielzahl solcher Erinnerungsplattformen (z.B. memorial sites für Tiere, für bekannte und unbekannte Personen, für Ereignisse, ja sogar für Online-Existenzen), die sowohl auf die Identität des Einzelnen als auch die kulturelle Formation einen weit reichenden Einfluss haben. Den letzten Beitrag des zweiten Bereiches hat Gustavo S. Mesch verfasst. Mithilfe einer empirischen Studie geht er der Frage nach, inwiefern sich der Gebrauch des Internets auf die Zusammensetzung des Freundeskreises auswirkt und inwieweit sich Freunde, die Jugendliche im Internet kennen lernen, von Freunden außerhalb unterscheiden. Angesichts der klaren Darstellung überzeugt sein Ergebnis: „[H]aving online friends diversified the composition of the social network according to age, gender and place of residence“ (116).

Im dritten Bereich des Buches beschäftigen sich die Autoren mit „Nutzungsdifferenzen und soziale Ungleichheit im Internet“. Eszter Hargittai erörtert im ersten Beitrag Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Jugendliche für die Teilnahme an virtuellen Räumen benötigen. Sie kommt dabei zu elf Kompetenzbereichen (u.a. knowledge about and use of tools, ability to find content) - über die sich sicherlich streiten ließe. Mehr von Interesse dürfte jedoch für jeden Pädagogen die Frage sein, wie solche Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt werden können. Dazu werden leider keine Anhaltspunkte gegeben. Im Fokus des Beitrages von Heinz Bonfadelli und Priska Bucher stehen Jugendliche mit Migrationshintergrund. Mithilfe einer quantitativen Studie untersuchen sie den Stellenwert von alten und neuen Medien im Leben dieser Zielgruppe im Vergleich zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Die Ergebnisse, die sich auf die Bereiche „Medienzugang“, „Mediennutzung“ und „Medieninhalte“ beziehen, können überzeugen. So relativiert die Studie z. B. die „Medienghetto-These“, wonach angenommen wird, dass Immigranten in erster Linie Medien aus dem Herkunftsland nutzen und dadurch die Integration beeinträchtigt wird. Vielmehr „gibt es im Unterhaltungsbereich homogene jugendkulturell geteilte Präferenzen, in denen sich aber immer auch persönliche Vorlieben äußern“ (148). Konsequenzen für die praktische Arbeit werden auch in diesem Beitrag nicht gezogen. Mehr praktische Orientierung liefert der Beitrag von Horst Niesyto. Allerdings bewegen sich die Kernpunkte einer Medienbildung mit Kindern und Jugendlichen aus Hauptschul- und Migrationsmilieus, die er aus einer fundierten Darstellung des Verhältnisses zwischen Medien und sozialer Benachteilung und einer kritischen Anmerkung zur Mediensozialisation ableitet, auf einem sehr abstrakten Niveau. Forderungen, wie beispielsweise die nach einer Erfahrungs- und Lebensweltorientierung, nach Präsentation und Kommunikation, nach Verstärkung der medienpädagogischen Praxisforschung und nach einer pädagogischen Grundbildung in allen pädagogischen Berufen (167-171), sind zudem unumstritten.

Der abschließende, vierte Bereich ist „neuen Perspektiven für Medienbildung“ gewidmet und verspricht praktische Handlungsanweisungen. Im ersten Beitrag diskutiert David Buckingham das komplexe Feld „digitale culture, media education and the place of schooling“ (177). Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Frage, warum es keine technische Revolution gegeben hat, obwohl sie von vielen Wissenschaftlern immer wieder prophezeit wurde: „There won’t be schools in the future. The computer will blow up the school“ (177). Schlüssig und stichhaltig gelingt es David Buckingham, die Gründe dafür darzulegen. Ebenso interessant ist seine Analyse der kindlichen Lebenswelt, die, im Gegensatz zur Schule, sehr wohl von digitalen Medien bestimmt wird. Trotz der gelungenen Darstellung ist meines Erachtens vor einer Generalisierung dieser Feststellung zu warnen. Konsequenterweise behandelt David Buckingham in einem nächsten Schritt die Möglichkeiten des Austausches zwischen beiden Lebensbereichen und stellt die „digital literacy“ als eine Schlüsselkompetenz in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Neben bekannten Schlussfolgerungen für die schulische Arbeit nennt er einige innovative Ideen. Sein Resümee lautet demgemäß: „[T]he school is not about to disappear“ (195). Vielmehr kommt ihr hinsichtlich einer Medienerziehung eine zentrale Rolle zu. Den abschließenden Artikel hat Franz Josef Röll verfasst. Gegenstand seiner Überlegungen ist die „Ästhetik in der zielgruppenorientierten Medienbildung“ (199). Kinder und Jugendliche verfügen demnach über unterschiedliche Seh- und Wahrnehmungsweisen, die im pädagogischen Kontext berücksichtigt werden müssen. Dies verdeutlicht Franz Josef Röll an den Beispielen des Internetauftritts der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung und der Zeitschrift „Hessische Jugend“. Darauf aufbauend stellt er das Projekt „Der virtuelle Fachbereich“ vor, das er als ein Beispiel für sein Konzept der Pädagogik als Navigation kennzeichnet (218) – ein Modell, das vor allem für den tertiären Bildungsbereich viel versprechend erscheint.

Angesichts der angestellten Überlegungen lässt sich folgendes Resümee ziehen: Betrachtet man die Liste der Autoren, so wird durchaus zu Recht der Anspruch erhoben, internationale Experten zusammenzubringen. Der Nachteil, der dabei entsteht, trifft jeden Sammelband, in dem separate Beiträge nahezu unkommentiert und unreflektiert zusammengestellt werden: Es fehlt das umschließende Band, die Verknüpfung der einzelnen Aufsätze, der reflektierende Kommentar. Auch unterscheiden sich die Beiträge hinsichtlich sprachlicher und inhaltlicher Qualität deutlich voneinander. Der Vorteil liegt ebenso auf der Hand: Es lässt sich jeder dieser Beiträge einzeln und gesondert lesen. Ob dadurch aber das selbst gesteckte Ziel, einen ersten umfassenden „Überblick über die Analyse des Umgangs von Jugendlichen mit den Möglichkeiten und den Selbstbegrenzungen der ‚Cyberworld’“ (10) zu liefern, erreicht werden kann, erscheint vor diesem Hintergrund fraglich. Eine Vernetzung oder Systematisierung kann das Buch nicht leisten. Abhilfe hätte hier eine Einleitung zu Beginn beziehungsweise eine Stellungnahme am Ende jeden Bereiches, verfasst durch die Herausgeber, leisten können. Auch eine Begründung für die Unterteilung des Buches in die besprochenen vier Bereiche wäre dafür hilfreich gewesen und somit wünschenswert. Insofern liegt die Stärke des Buches darin, verschiedene Perspektiven zu eröffnen und unterschiedliche Zugänge zum Problem zu erschließen. Die Beiträge stellen, bildlich gesprochen, einen bunten Strauß dar. Vernachlässigt wird in nahezu allen Aufsätzen die praktische Dimension. Erzieher, Lehrer, Eltern etc. erhalten kaum Hilfe für konkrete Situationen. Wer diese Perspektive nicht vermisst und sich mehr aus theoretischer Sicht den Informations- und Kommunikationstechnologien vor dem Hintergrund digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche nähert, findet in diesem Buch wichtige Grundlagen und mehrere Impulse.
Klaus Zierer (Regensburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Klaus Zierer: Rezension von: Bildung, Kompetenzzentrum Informelle (Hg.): Grenzenlose Cyberwelt?, Zum Verhältnis von digitaler Ungleichheit und neuen Bildungszugängen für Jugendliche. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2007. In: EWR 6 (2007), Nr. 5 (Veröffentlicht am 04.10.2007), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978353115319.html