EWR 17 (2018), Nr. 6 (November/Dezember)

Sabrina Schenk
Praktische Pädagogik als Paradigma
Eine systematische Werklektüre der Schriften Günther Bucks
Paderborn: Ferdinand Schöningh 2017
(479 S.; ISBN 978-3-506-78471-1; 68,00 EUR)
Praktische Pädagogik als Paradigma Günther Buck kann mittlerweile als stillschweigend anerkannter Klassiker der Pädagogik gelten. Insbesondere sein Werk „Lernen und Erfahrung“ [Buck 2018, 1] und die darin vorgelegte Theorie des Lernens aus Erfahrung und als Erfahrung hat eine Rezeption erfahren. Nachdem Sabrina Schenk 2014 zusammen mit Torben Pauls einen ersten Aufsatzband zu Buck herausgegeben hat (Schenk/Pauls 2014), legt sie nun diese „systematische Lektüre“ der Werke Günther Bucks vor. Die Arbeit verfolgt dabei einen doppelten Anspruch: Zum einen wird eine zusammenführende Werkinterpretation vorgelegt, die Günther Bucks handlungshermeneutisch orientierte praktische Pädagogik als Kern seines Werkes herausarbeiten möchte. Zum anderen werden die komplexen und originellen Einsichten Bucks in den aktuellen Debatten der Gegenwartspädagogik gespiegelt. Der Autorin gelingt damit eine Übersetzung und Aktualisierung der Fragen und Probleme, die Buck bearbeitet hat, aus aktueller, bildungstheoretisch, postkolonialistisch und poststrukturalistisch informierter Perspektive. Die Leser erhalten so nicht nur einen profunden Überblick über das Werk und die Felder der Buck´schen Untersuchungen zu den Begriffen und Phänomenen Erfahrung, Geschichtlichkeit und Praxis der Bildung. Sie erhalten damit auch einen sehr reflektierten und informierten Ein- und Überblick über die gegenwärtigen Diskurse der Allgemeinen Erziehungswissenschaft als theoretisch-begrifflich reflektierende Grundlagendisziplin. Für eine Dissertation, als welche diese Arbeit geschrieben und angenommen wurde, ist das ein sehr hoher Anspruch – und Sabrina Schenk wird diesem in weiten Teilen gerecht.

Die Autorin geht in ihrem sehr hohen Anspruch äußerst reflexiv und selbstkritisch vor. Die Reflexionen zu problematischen Begriffen wie „Autor“ und „Werk“ sowie zur werkimmanenten Interpretation als „Über-setzung“, die als „methodologische Hypotheken“ (so die Kapitelüberschriften in Kapitel 2) ausführlich dargestellt werden, zeugen von diesem Anspruch. Zudem lässt die Autorin in den Text weitere reflexive „Spiegelungen“ (S. 16) einfließen, um zum einen im Sinne einer immanenten Werkreflexion Bucks Denkmotive jeweils exemplarisch vorzuführen, und zum anderen, um die gewonnenen Einsichten im Horizont des Diskurses der Gegenwartspädagogik zu reflektieren. Diese reflexiven Übersetzungen lösen zusammen mit den acht Exkursen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten (begriffliche Selbstaufklärung, Identität, Faktizität und Normativität, Praktische Erkenntnis, Empirie und Transzendentalität, Verständigung, Beispiel und Fall) den Anspruch der Arbeit überzeugend ein, die Komplexität und Pluralität der Zugänge Günther Bucks herauszuarbeiten. Allerdings erschweren sie auch die Lektüre.

Sabrina Schenk orientiert ihre Lektüre an drei zentralen Begriffen: Geschichtlichkeit, Erfahrung, Praxis. Diese werden systematisch aus Bucks Schriften rekonstruiert. Das Gesamtwerk Günther Bucks ist relativ schmal. Es besteht aus einigen Buchveröffentlichungen (Buck 20184, 1981, 1984, 1985) und einer unveröffentlichten Dissertation (Buck 1950) sowie weiteren Aufsätzen, die in den Tagungsbänden der Wissenschaftler-Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ veröffentlicht wurden (vgl. Buck 1973). Den Begriff der Geschichtlichkeit als systematischen und methodologischen Grundbegriff sieht Schenk in der Schrift „Rückwege aus der Entfremdung“ (1981) ausgeführt. Buck habe darin das Phänomen der Identität als lebenspraktisches Prinzip gegen die identitätstheoretische Tradition als bildungsphilosophischen „Zentralbegriff“ (S. 143) herausgearbeitet. Identität sei sowohl als existenziell-biographische Antwort auf die Entfremdungserfahrung der Moderne als auch als formale Konsequenz aus dem Telosschwund der Neuzeit zu verstehen. Prinzipienforschung wird als lebenspraktische Aufklärung der eigenen Geschichtlichkeit und zugleich als analogisches Beispielverstehen gedeutet.

Letzteres wird in der Schrift „Lernen und Erfahrung“ (2018) genauer ausgeführt. Schenk geht auch hier in ihrer Analyse sehr detailliert und in den theoretischen und methodologischen Bezügen sehr umfassend und präzise vor. Sie sieht in dieser bekanntesten Schrift Günther Bucks, in der er Lernen erfahrungstheoretisch und temporal-phänomenologisch als Grundbegriff der Pädagogik exponiert, eine „Doppelung von Genese und Gangstruktur“ (S. 240). Buck habe mit Aristoteles, Hegel, Husserl und Lipps nicht nur den „Gang der Erfahrung“ in ihrem Vollzug aufklären wollen, sondern wollte auch zu den „letzten Prinzipien“ des Wissens vordringen. Das Beispiel- und Analogieverstehen, das Buck im zweiten und dritten Teil seines Buches entfaltet, wird von Schenk in einer „pragmatischen Perspektive“ (S. 264) gelesen: Verstehen und Verständigung als praktische, lebensweltliche Erfahrung ermöglichen nicht nur ein Verstehen lebensweltlicher Erfahrungsvollzüge, sondern sie bilden das „Fundament, auf dem sich die Pädagogik als Theorie der Praxis neu gründen“ ließe (S. 263, vgl. S. 244). Schenk deutet die hermeneutisch gedachte und lern- und bildungstheoretisch begründete Einheit der Erfahrung als „Ausgangspunkt“, „Verfahrensweise“, „Medium“ und „Ergebnis“ (S. 238) als handlungshermeneutische Grundlegung der Pädagogik. Damit werden alte Fragen der Pädagogik nach Bildung, Identität, Moralität und Sozialität wieder aufgeworfen und – aus dem Horizont einer Pädagogik, die die Frage nach dem Allgemeinen als Frage nach der Vermittlung von Theorie und Praxis nicht aus dem Blick lässt – neu beantwortet.

Der dritte Grundbegriff – Praxis – wird von Schenk im letzten Teil der Arbeit konsequent als Grundbegriff eines handlungshermeneutischen Entwurfs einer praktischen Pädagogik gedeutet. Damit werden Bucks Überlegungen zu Lernen, Erfahrung, Beispiel und Verstehen für die Frage nach dem Gegenstand der Disziplin fruchtbar gemacht. Buck gelingt es damit, Induktion und Deduktion, Theorie und Praxis in einer reflexiven Weise zusammenzubringen, indem das analogisierende Beispielverstehen als praktische Verstehens- und Verständigungsweise für Praxis und Wissenschaft gleichermaßen als Grundlage ausgewiesen wird. Schenk legt das Programm der Praktische Pädagogik als „Philosophie des Lebens“, als „Hermeneutik“ und „transzendentalphilosophische Prinzipienforschung“, als „Theorie der Bildung“ und schließlich „pädagogische Ethik“ aus und bezieht diese Einsichten reflexiv auf aktuelle Diskurse der Pädagogik.

Sabrina Schenk hat mit dieser Werkinterpretation Bucks nicht nur ein Desiderat der hermeneutisch-phänomenologischen Forschung erfüllt. Sie hat auch für das Werk Günther Bucks und für seine Verbreitung große Verdienste erworben. Ob sich allerdings eine transzendentalphilosophische Prinzipienforschung tatsächlich als Anliegen Bucks durchgehend nachweisen lässt – daran besteht auf Seiten des Rezensenten Zweifel. Vielleicht ergibt sich diese rekonstruktive Perspektive auch aus einer Engführung auf Kant und den frühen Husserl, die die Heidegger-Rezeption Bucks fast ganz aus den Augen verliert. Schenk liest Buck mehr als Hermeneut, der die Anliegen der geisteswissenschaftlichen Pädagogik kritisch aufgreift und ihre Leerstellen zu überwinden trachtet. Zugänge der phänomenologischen Erziehungswissenschaft, die Buck aus der Studienzeit in Freiburg bekannt sein dürften (Heidegger, Eugen Fink), kommen wenig zu Wort.

Unbeschadet dieser Bemerkungen ist die Lektüre dieses Buchs für alle diejenigen ein Gewinn, die sich über Bucks Werk und über die Diskurse der Allgemeinen Pädagogik der letzten 40 Jahre systematisch und kritisch-reflexiv informieren lassen wollen. Schenk legt mit der überzeugend dargelegten These von der praktischen Pädagogik als Handlungshermeneutik eine Deutung vor, die auf weitere Forschungen in Sachen lebenspraktische und bildende Verständigung über Erfahrung, Lernen, Bildung und Geschichte hoffen lässt.

[1] Neuauflage 2018 in der Reihe Phänomenologische Erziehungswissenschaft Band 5, herausgegeben von Malte Brinkmann, Springer VS.

Literatur
Buck, Günther. 1950. Das Denken Paul Valéry’s. Dissertation (unveröffentlichtes Typoskript).
Buck, Günther. 1973. Selbsterhaltung und Historizität. In Geschichte, Ereignis und Erziehung. Buchreihe Poetik und Hermeneutik, Bd. 5, Hrsg. R. Koselleck und W. Stempel, 29-94. München: Fink.
Buck, Günther. 1981. Hermeneutik und Bildung. Elemente einer verstehenden Bildungslehre. München: Fink.
Buck, Günther. 1984. Rückwege aus der Entfremdung. Studien zur Entwicklung der deutschen humanistischen Bildungsphilosophie. München: Fink.
Buck, Günther. 1985. Herbarts Grundlegung der Pädagogik (als Habilitationsschrift vorgelegt 1968).
Buck, Günther. 2018. Lernen und Erfahrung. Epagoge, Beispiel und Analogie in der pädagogischen Erfahrung, hg. v. Malte Brinkmann. Wiesbaden: Springer VS.
Schenk, Sabrina/Pauls, Torben (Hg.). 2014. Aus Erfahrung lernen. Anschlüsse an Günther Buck. Paderborn: Schöningh Paderborn.
Malte Brinkmann (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Malte Brinkmann: Rezension von: Schenk, Sabrina: Praktische Pädagogik als Paradigma, Eine systematische Werklektüre der Schriften Günther Bucks. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2017. In: EWR 17 (2018), Nr. 6 (Veröffentlicht am 31.12.2018), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978350678471.html