EWR 8 (2009), Nr. 5 (September/Oktober)

Jonas Flöter
Eliten-Bildung in Sachsen und PreuĂźen
Die FĂĽrsten- und Landesschulen Grimma, MeiĂźen, Joachimsthal und Pforta (1868-1933)
(Beiträge zur Historischen Bildungsforschung 38)
Köln u.a.: Böhlau 2009
(598 S.; ISBN 978-3-412-20319-1; 74,90 EUR)
Eliten-Bildung in Sachsen und Preußen Die sächsischen und preußischen Fürstenschulen sind fraglos die prominentesten Vertreterinnen früher staatlicher Schulgründungen. Mit Jonas Flöter legt nun ein ausgewiesener Kenner der Fürstenschulthematik eine sehr umfangreiche Untersuchung vor, die im Kern auf seine 2007 an der Universität Leipzig angenommene Habilitationsschrift zu den sächsischen Fürstenschulen in Grimma und Meißen zurückgeht, diese aber durch die Auseinandersetzung mit den preußischen Fürstenschulen Joachimsthal und Pforta erweitert. Ohne die Vorgeschichte außer Acht zu lassen, beginnt der Untersuchungszeitraum mit 1868 in den Jahren, als die „herausgehobene Position“ (14) der Fürstenschulen durch die Unterstellung aller Schulen unter staatliche Aufsicht verloren ging und diese somit allen anderen höheren Schulen gleichgestellt wurden, er endet mit der Vereinnahmung der Schulen durch das nationalsozialistische Regime. Ein überschaubarer Zeitraum also, doch durch das umfassende Erkenntnisinteresse des Autors kommt es zu einer sehr komplexen Studie, in der unter Rückgriff auf die von Jürgen Kocka geprägte Methode des Asymetrischen Vergleichs „die jeweiligen Bildungssysteme und die Sozialstrukturen“ (14) der sächsischen und preußischen Fürstenschulen gegenüber gestellt und diese zudem „in ihrem jeweiligen territorial-bildungsgeschichtlichen Kontext betrachtet“ (14) werden. Der immer wieder vorgenommene vergleichende Blick auf ähnlich renommierte städtische Gymnasien – für Sachsen wurde die Kreuzschule in Dresden, für Preußen das Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster ausgewählt – soll die bestehenden Unterschiede verdeutlichen.

Die Arbeit stützt sich in erster Linie auf die Jahresberichte der Anstalten und die Lebensberichte ehemaliger Schüler (sog. Ecce) und wertet somit zwei sehr aussagekräftige Quellen aus. Während die lückenlos vorliegenden Jahresberichte einen Einblick in die Schul- und Unterrichtsorganisation vermitteln sowie personenbezogene Daten zu Lehrern und Schülern liefern, lassen sich die Ecce für die Beantwortung der Frage nach dem weiteren Lebenslauf der Lehrer und Absolventen der Schulen nutzen. Zudem wurden zahlreiche Archivalien aus den Schularchiven sowie aus diversen Landes-, Staats- und Stadtarchiven sowie die einschlägige zeitgenössische und aktuelle Literatur herangezogen.

Thematisch setzt Jonas Flöter drei Schwerpunkte. Im ersten verfolgt er über zwei Kapitel und 250 Seiten hinweg einerseits die geistesgeschichtlichen Grundlagen, „auf denen die Bildung und Erziehung an den Fürsten- und Landesschulen beruhte“ (14). Dabei werden die bildungspolitischen Auseinandersetzungen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik in ihren Auswirkungen auf die Fürstenschulen dargestellt, wobei die Diskussionen um die neuhumanistischen Reformen und den sog. Dritten Humanismus im Vordergrund stehen. Vereinzelte Wiederholungen – etwa im Hinblick auf die Erläuterungen zur Rede des Kaisers auf der Schulkonferenz von 1890 (61, 110) und zur Denkschrift von Hans Richert (71, 123) – hätten dabei durchaus vermieden werden können. Andererseits werden die Veränderungen in der Lehrplanstruktur und der Unterrichtsgestaltung anhand des gesamten Fächerkanons über den genannten Zeitraum referiert, was zuweilen allzu sehr ins Detail geht, bevor die Alumnatserziehung als wirkliches Spezifikum der Fürstenschulen in ihren Vor- und Nachteilen dargestellt wird. Diese Thematik hätte wiederum ein wenig mehr Ausführlichkeit verdient, da in den Alumnaten eine sehr strenge und sehr spezielle Erziehung stattfand – Lehrer als sog. Hebdomadare, Oberprimaner als Inspektoren –, was die Frage nach deren Wirkung auf die Charakterentwicklung der Schüler aufwirft. Immerhin werden die Grenzen dieses Systems aufgezeigt, indem auf ständig vorhandene disziplinarische Probleme und den Pennalismus als hässliche Begleiterscheinung des Alumnatsleben hingewiesen wird. Ein Blick auf die Feste und Feiern, die fester Bestandteil des Lebens in den Schulen und Alumnaten waren, zeigt, dass diese im Kaiserreich dazu genutzt wurden, die Verbindung zu Monarchie und Vaterland sowie die Erinnerung an die eigene Tradition zu festigen, nach 1918 aber nur widerwillig die neue Republik würdigten.

Der zweite Schwerpunkt ist biografisch ausgerichtet und widmet sich zuerst den Lehrern der Fürstenschulen, deren Ausbildung ebenso untersucht wird wie die Anstellungskriterien, die Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeit sowie ihre soziale Herkunft und politische Orientierung. Dabei fällt auf, dass die Lehrer handverlesen waren: es handelte sich durchgängig um Fachlehrer mit der entsprechenden wissenschaftlichen Ausbildung, die erst mit einer gewissen Erfahrung, die sie an anderen Schulen gesammelt hatten, für eine Anstellung in Frage kamen. Die Fürstenschullehrer verdienten besser als ihre Kollegen an städtischen Gymnasien, entstammten häufiger den höheren Schichten, und ihr Amt besaß ein hohes Sozialprestige. Insofern stellten sie eine Elite innerhalb des Lehrerstandes dar. Wesentlich ausführlicher werden die Schüler in den Blick genommen. Hier untersucht Flöter die Aufnahmebedingungen der Fürstenschulen und deren ausgeklügeltes, z.T. recht kompliziertes Freistellenvergabesystem – man unterschied bis 1918 königliche, städtische und adelige Freistellen –, bei dem neben der Bedürftigkeit die Leistungen des Schülers eine zentrale Rolle spielten. Ohnehin stellte eine gründliche Vorbildung die Voraussetzung für die Aufnahme an einer dieser Schulen dar, die nur mittlere und obere Klassen besaßen. Entsprechend „waren durch die Eltern erhebliche Aufwendungen notwendig, um das Leistungsniveau für die Aufnahme“ (421) zu erreichen. Das hatte zur Folge, dass „der Anteil der höheren Schichten […] den der Mittelschicht um das Zwei- bis Dreifache“ (ebd.) übertraf, so dass in Verbindung mit dem relativ hohen Anteil adliger Schüler durchaus von einem sozial-elitären Charakter der Fürsten- und Landesschulen gesprochen werden kann, die sich zudem als beliebte Ausbildungsstätte für Pfarrerssöhne erwiesen: deren Anteil lag im Vergleich mit den städtischen Gymnasien „zwei bis drei Mal höher“ (419).

Die Analyse des Studienwahlverhaltens und der Karriereverläufe der Absolventen bildet den dritten Schwerpunkt der Untersuchung, in dem Flöter sich dem Elitenformationsprozess zuwendet. Hier arbeitet er im ständigen Vergleich mit den städtischen Gymnasien heraus, dass die Absolventen „zu mehr als 86 Prozent in Berufe höherer sozialer Schichten“ (455) gelangten. Die damit verbundene Charakterisierung der Fürsten- und Landesschulen „als Bildungsstätten von Positionseliten“ (456) überrascht nicht so sehr wie der gleichzeitige Befund, dass an den städtischen Gymnasien deutlich mehr Mittelschichtkinder nach ihrem Schulbesuch in höhere soziale Schichten aufstiegen. Damit, so Flöter, sei „das gängige Bild, wonach die Fürsten- und Landesschulen vorzugsweise Schüler aus sozial bedürftigen und ärmeren Familien aufgenommen und gefördert hätten“ (455), fraglich geworden. Im Hinblick auf die politischen Orientierungen der Lehrer und Schüler dieser Anstalten lässt sich festhalten, dass diese sich wenigen Quellen zufolge nicht nur im konservativen Spektrum bewegten. Die leider nicht näher begründete Auswahl biografischer Profile – unter ihnen auch das der einzigen Schülerin an diesen Schulen –, die der „Exemplifizierung der aus der Analyse gewonnenen Ergebnisse“ sowie der Darstellung der „Spannbreite individueller Entwicklung“ (19) dienen soll, rundet dieses Kapitel ab.

In seiner Schlussbetrachtung geht Flöter noch einmal zusammenfassend auf den elitären Charakter der Fürsten- und Landesschulen ein, deren Schulpublikum einer sozialen Elite angehörte, deren Schüler durch die hohen Anforderungen, die zu bewältigen waren, eine Leistungselite darstellten, und deren Absolventen durch ihre berufliche Stellung zu einem großen Teil zur Positionselite wurden. Damit wird eine gut lesbare, aber auch Ausdauer verlangende Publikation abgerundet, die sehr akribisch, zuweilen etwas detailversessen, aber fraglos überzeugend und gründlich herausarbeitet, warum der Begriff „Elite-Bildung“ in seiner Doppeldeutigkeit sehr gut auf die Fürsten- und Landesschulen anwendbar ist. Der Aspekt der Erziehungspraxis in den Alumnaten der Schulen, der etwas zu kurz gekommen ist, bietet sich für weitere Forschungsarbeiten an. In Bezug auf die Bildungsfunktion der Schulen im gewählten Zeitraum dürfte durch dieses Buch für längere Zeit alles gesagt sein.
RĂĽdiger Loeffelmeier (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
RĂĽdiger Loeffelmeier: Rezension von: Flöter, Jonas: Eliten-Bildung in Sachsen und PreuĂźen, Die FĂĽrsten- und Landesschulen Grimma, MeiĂźen, Joachimsthal und Pforta (1868-1933) (Beiträge zur Historischen Bildungsforschung 38) . Köln u.a.: Böhlau 2009. In: EWR 8 (2009), Nr. 5 (Veröffentlicht am 02.10.2009), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978341220319.html