EWR 19 (2020), Nr. 4 (September / Oktober)

Ulf Kieschke / Felicitas Krumrey
Gesundheit und Gesundheitsförderung im Lehrerberuf
Stuttgart: Kohlhammer 2019
(185 S.; ISBN 978-3-17-036075-5; 30,00 EUR)
Gesundheit und Gesundheitsförderung im Lehrerberuf Ulf Kieschke und Felicitas Krumrey beschäftigen sich in ihrem Buch mit dem Thema Gesundheit von Lehrkräften. Damit sind sie, wie sie es selbst nennen, „keineswegs die Ersten und die Einzigen […] und werden mit Sicherheit nicht die Letzten sein“ (6). Trotzdem lohnt sich ein Blick in diese Neuerscheinung.

Im Rahmen der theoretischen Vorüberlegungen überzeugen die Autorin und der Autor mit der Argumentation der Bedeutung des Themas für die Qualität von Bildung und des Systems Schule. Kieschke und Krumrey weisen in ihrer Argumentation nicht nur auf die Gefahr der prekären Gesundheitssituation für Lehrpersonen hin, sondern betonen darüber hinaus auch die Konsequenzen für Lernende und das gesamte Schulsystem. Für qualitativ guten Unterricht braucht es gesunde Lehrkräfte, weshalb eine Auseinandersetzung mit der Thematik auch zum Wohle der Bildungsqualität und dem Wohlbefinden der Lernenden an Priorität gewinnen muss. Der Autor und die Autorin vermitteln in ihrem Buch ein differenziertes, verständliches und praxistaugliches Bild der Belastungssituationen im Schuldienst. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Thema Stressbewältigung und dem Umgang mit den zahlreichen Belastungen im Lehrberuf.

Der Titel Gesundheit und Gesundheitsförderung im Lehrerberuf legt die Vermutung nahe, dass sich das Werk auf ressourcenorientierte Gesundheitsförderung bezieht. Obwohl im ersten Kapitel auf einige Grundlagen der Gesundheitsforschung eingegangen wird, erscheint aus gesundheitswissenschaftlicher Perspektive die Auseinandersetzung mit dem salutogenetisch begründeten Konzept der Gesundheitsförderung unklar. Der anfängliche Überblick über verschiedene Gesundheitsbegriffe und -bilder, die Diskussion der Polarität von Gesundheit und Krankheit, sowie die Kritik an der „Maximalvorgabe“ (20) der WHO-Gesundheitsdefinition erscheint zum weiteren Verständnis des Werkes hingegen sehr gelungen. Die Einführung ins Thema Gesundheitsförderung fällt mit dem kurzen Verweis auf die Verbindung zu Salutogenese und Resilienz und der Kritik des „Kleinmütig-Duldsames“ (17) wiederum etwas unklar aus. Eine Definition des Konzeptes Gesundheitsförderung fehlt ebenso, wie der in den Gesundheitswissenschaften meist vorhandene Konsens, dass Gesundheitsförderung an Verhalten und Verhältnissen orientiert ist. [1, 2, 3, 4] Ein umfassendes Verständnis von Gesundheitsförderung würde aber oben genannte Kritik, wonach Gesundheitsförderung – durch die Suche nach Widerstandsfaktoren und dem Streben, Schäden gut bewältigen zu können – die Probleme nicht an der Wurzel packe oder den „schwarzen Peter“ (17) weitergäbe, nach der Devise „ist der Druck zu stark, bist zu schwach“ (17), widerlegen. Eine Grundlagenvermittlung über Old- und New-Public-Health [5, 6] und der blame-the-victims Kritik (nach Ilona Kickbusch) [7] könnte in Anbetracht des Titels und des Themas zudem sinnvoll sein. Da dieses Buch aber trotz des Titels weit weniger an Gesundheitsförderung, als an Belastungs- und Stressprävention orientiert ist, ist die gesundheitswissenschaftliche Basis für das Verständnis nicht zwingend erforderlich.

Das zweite Kapitel des Buches beschäftigt sich mit Theorien und Befunden zum Belastungsgeschehen im Schuldienst, v.a. anhand der „Potsdamer Lehrerstudie“. Dabei wurden nicht nur Strukturmerkmale des Lehrberufs untersucht, wie beispielsweise die Herausforderung der Offenheit (Ergebnisoffenheit, offene Arbeitsstruktur bzw. „offene Bühne“, 51), sondern vor allem auch die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsmerkmalen der Lehrkräfte und Belastungsempfinden. Diese Einführung in die Persönlichkeitspsychologie und der Exkurs ins Thema Persönlichkeit und Gesundheit sind auch für eine Leser/-innenschaft ohne besondere Vorkenntnisse verständlich und interessant aufbereitet. Die Vorstellung und Diskussion ausgewählter Ergebnisse der „Potsdamer Lehrerstudie“ erscheinen für Lesende ohne Fachwissen aus diesem Forschungsbereich am anspruchsvollsten, sie sind aber meist gut und verständlich aufbereitet. Durch die Darstellung und Analyse des Forschungsverlaufs und der Veränderungen im Untersuchungszeitraum, werden die Themen für die Leser/-innenschaft greifbar. Für Lesende ohne Statistikkenntnisse, könnten einige Passagen etwas mühsam erscheinen. Vor allem bei der grafischen Darstellung gibt es formal den Kritikpunkt, dass die Abbildungen vielfach sehr klein und die dazugehörigen Angaben schwer lesbar sind, was durch die reine schwarz-grau-weiß-Formatierung erschwert wird. Einige wenige Abbildungen erscheinen in ihrer grafischen Aufbereitung der statistischen Daten für eine Leser/innenschaft ohne Statistikkenntnisse etwas komplex (v.a. 73 und 86). Insgesamt vermittelt diese pointierte Zusammenfassung der Studie aber einen sehr guten Überblick über die Ergebnisse.

Das dritte Kapitel widmet sich dem Thema Geschlecht und Belastungen und baut neben der Tatsache, dass der Lehrberuf meist weiblich dominiert ist, vor allem auch auf Hintergrundwissen zu Geschlechtsdifferenzen bei Krankheitsrisiken und Gesundheitschancen auf. Sehr gelungen ist die Diskussion, ob das hohe Belastungsempfinden im Lehrberuf an den hohen Frauenanteil und die Asymmetrien von Stressbilanzen im Geschlechtsvergleich (höhere Stressraten bei Frauen) geknüpft ist. Als nennenswerte Faktoren für die höhere Belastung von Frauen im Lehrberuf werden vor allem die Themen der Vereinbarkeit Familie-Haushalt-Beruf und die unterschiedliche subjektive Wertigkeit des Lehrberufs genannt, worauf weiterführend noch detaillierter eingegangen wird. Zudem sind Frauen im Lehrberuf deutlich höher von Anfeindungen und Mobbing im Berufsalltag betroffen als ihre männlichen Kollegen, wobei hier die Täter/-innenkonstellation aufhorchen lässt: die Mehrzahl der dokumentieren Fälle betrifft die Schulleitung, worauf das Kollegium und dann erst die Eltern folgen. Kritisch angemerkt werden muss in diesem Zusammenhang, dass fast durchgängig auf eine gendergerechte Schreibweise verzichtet und meist das generische Maskulinum verwendet wird: Dabei sollte eine gendergerechte Sprache in einem Berufsfeld, wo es fast nur um Frauen geht („der Lehrkörper ist eher feminin“, 95) und wo Geschlechtsunterschieden sogar ein ganzes Kapitel gewidmet ist, eigentlich selbstverständlich sein.

Aufbauend auf dieser umfangreichen Einführung ins Thema Lehrer/-innengesundheit und Belastungen, widmet sich das vierte Kapitel sehr handlungsorientiert der Gesundheitsförderung im Lehramtsstudium. In diesem überzeugenden und gut lesbaren Abschnitt werden verschiedene Handlungsempfehlungen aufgezeigt, welche bereits während der Ausbildung umgesetzt werden sollten. So überzeugen der Autor und die Autorin neben dem häufig bekannten Thema der Stressbewältigungstrainings beispielsweise mit dem Ansatz der Förderung ausgewählter bedeutender Kompetenzen, wie Stimm- und Sprecherziehung.

Im fünften Kapitel wird der Bereich Verhaltensprävention um den Bereich Verhältnisprävention vervollständigt. Der Fokus wird auf Schulentwicklungsprozesse gelegt, mit dem Verweis, dass Gesundheitsförderung nie nur eine private Angelegenheit des Einzelnen ist, sondern gesunde Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. Aufbauend auf einer umfassenden Auseinandersetzung mit der Bedeutung eines guten Schulmanagements wird das Praxisprogramm „Denkanstöße“ (141-149) kurz vorstellt, als Unterstützungsprogramm für Kollegien und Schulleitungen zur Diagnostik und Intervention. Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Kapitel vier und fünf sehr hilfreiches handlungsorientiertes Wissen für die Umsetzung in Schulen vermittelt. Aufgrund der interessanten praxisrelevanten Inhalte und der guten Lesbarkeit, hätten diese zwei Kapitel auch länger sein dürfen, v.a. im Verhältnis zum Gesamtwerk.

Den Abschluss des Bandes bildet eine kurze Zusammenfassung und Diskussion der Kernelemente (z.B. Belastungsfaktoren, arbeitsorganisatorische Eigentümlichkeiten, Persönlichkeitsmerkmale) und einiger Kritikpunkte der Studie, v.a. zur „persönlichkeitspychologische[n] Schlagseite“ (153) sowie zur Methodik der Datenerhebung mittels Fragebögen. Am Abschluss verweisen der Autor und die Autorin auch auf das selbstgesteckte Ziel dieser Publikation, welches abschließend betrachtet als erreicht bezeichnet werden darf: die Relevanz des Themas und mögliche Handlungsperspektiven aufzuzeigen.

Wenngleich ich aufgrund des Titels mit einer anderen Erwartungshaltung an die Lektüre gegangen bin, bezeichne ich das Buch als sehr gelungenen Beitrag zur problem- und lösungsorientierten, praxisnahen und wissenschaftlich abgesicherten Reihe „Brennpunkt Schule“. Dieses Werk überzeugt insbesondere durch das verständlich aufbereitete Handlungswissen nicht nur für Lehrkräfte und Lehramtsstudierende, sondern sollte vor allem auch auf Planungs- und Führungsebene der Schulen und Lehramtsstudien Beachtung finden.


[1] Kaba-Schönstein, Lotte: Gesundheitsförderung 1: Grundlagen. In Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Leitbegriffe der Gesundheitsförderung, 2018. Verfügbar unter www.bzga.de/leitbegriffe/ [10.09.2020].
[2] Kickbusch, Ilona: Gesundheitsförderung. In F. W. Schwartz, B. Badura, R. Busse, R. Leidl, J. Raspe, J. Siegrist & U. Walter (Hrsg.), Das Public Health Buch: Gesundheit und Gesundheitswesen (S. 181–189). München: Urban & Fischer 2003.
[3] Naidoo, Jennie & Wills, Jane: Lehrbuch der Gesundheitsförderung (3. aktualisierte und durch Beiträge zum Entwicklungsstand in Deutschland erweiterte Neuauflage). Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg. der dt. Ausgabe). Bern: Hogrefe 2019.
[4] WHO: Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung. 1986. Verfügbar unter http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0006/129534/Ottawa_Charter_G.pdf [10.09.2020].
[5] Klemperer, David: Sozialmedizin – Public Health – Gesundheits-wissenschaften: Lehrbuch für Gesundheits- und Sozialberufe (2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage). Bern: Hans Huber 2014.
[6] Franzkowiak, Peter: Gesundheitswissenschaften/Public Health. In Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Leitbegriffe der Gesundheitsförderung, 2015. Verfügbar unter www.bzga.de/leitbegriffe/ [10.09.2020].
[7] Kickbusch, Ilona: Die Ottawa-Konferenz zur Gesundheitsförderung. In R. Doll (Hrsg.), Grenzen der Prävention, (S. 142–144). Hamburg: Argument 1988.gen
Sigrid Mairhofer (Bozen und München)
Zur Zitierweise der Rezension:
Sigrid Mairhofer: Rezension von: Kieschke, Ulf / Krumrey, Felicitas: Gesundheit und Gesundheitsförderung im Lehrerberuf. Stuttgart: Kohlhammer 2019. In: EWR 19 (2020), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2020), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978317036075.html