EWR 7 (2008), Nr. 2 (März/April)

Linda Clarke / Christopher Winch (Hrsg.)
Vocational Education
International Approaches, Developments and Systems
London, New York: Routledge 2007
(214 S.; ISBN 978-0-415-38061-4; 23,99 GBP)
Vocational Education Die Europäisierung der Bildungspolitik und die Globalisierung der Wirtschaftstätigkeiten haben zu einem wachsenden Interesse an international vergleichenden Studien in der Berufsbildung geführt. Im Mittelpunkt stehen dabei in der Regel die verschiedenen Berufsbildungssysteme, die sich in ihren Grundstrukturen wesentlich stärker unterscheiden als diejenigen der allgemeinen Bildung. Geprägt sind diese Studien häufig von einem Interesse an einer Art systembezogenen Benchmarking, das den (vermeintlichen) Beitrag der Berufsbildung zu wirtschaftlichem Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit verschiedener Standorte in den Mittelpunkt stellt. Von diesem Zugang hebt sich der von Linda Clarke und Christopher Winch vorgelegte Sammelband in wohltuender Weise ab.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der beiden Herausgebenden aus den Bereichen Industrial Relations (Clarke) und Philosophy of Education (Winch) schlägt sich in einem überzeugenden Konzept des Buches nieder, das sie folgendermaßen beschreiben: „This volume is distinctive in its intention to draw out different approaches to VET internationally, to explore their philosophical underpinnings and to trace their historical developments“ (3). Programmatisch werden hier philosophische Grundlagen und strukturellen Entwicklungen beruflicher Bildung aufeinander bezogen und beide in den jeweiligen ökonomischen und gesellschaftlichen Kontext und damit auch die jeweilige Entwicklungsgeschichte eingebettet.

Dieses Anliegen wird durch eine Gliederung des Bandes in drei thematische Teile bestärkt, die jeweils 4 - 5 Beiträge enthalten: Den Anfang bilden die „Historical developments“ mit Beiträgen aus den Niederlanden (Westerhuis), Frankreich (Géhin), Deutschland (Greinert) und England (Clarke), die jeweils die Grundstrukturen in den einzelnen Ländern in ihrem historischen Entstehungskontext darstellen. Im zweiten Teil „Contrasting approaches to VET“ stehen ideengeschichtliche Beiträge zu spezifischen Entwicklungszeiträumen im Zentrum. Der Beitrag von Theodore Lewis beschäftigt sich mit dem Einfluss der Schulreform in den USA und bezieht sich dabei unter anderem auf John Dewey. Georg Hanf legt den amerikanischen Einfluss auf die Entstehung der Berufsbildung in Deutschland am Beginn des 20. Jahrhunderts dar. Paul Hager wendet sich dem „workplace-learning“ als neuem Paradigma der Berufsbildung zu und Richard Pring greift die Debatte um das Verhältnis von allgemeiner und beruflicher Bildung auf. Die fünf Beiträge des letzen Teils „Valuing VET“ beleuchten schließlich den jeweiligen gesellschaftlichen Stellenwert der Berufsbildung. Hierbei geht es um den Zusammenhang zur Arbeitstätigkeit (Winch), die Frage nach sozialer Gerechtigkeit (Halliday), den Einfluss staatlicher Berufsbildungspolitik in England (Keep) und Frankreich (Méhaut) sowie die Bedeutung der Klassenbeziehungen für die Berufsbildung in England (Holford). Abgerundet wird der Band durch einen Index, dessen Nutzbarkeit allerdings etwas fragwürdig erscheint, verweist doch beispielsweise der Eintrag „Fordism“ ebenso wie „Knowledge Society“ jeweils nur auf eine Seite, was nicht nur angesichts der Thematik des Buches unwahrscheinlich ist. Tatsächlich werden die genannten Phänomene in mehreren Beiträgen angesprochen.

Dass sich ein historischer Anspruch und das Aufzeigen der Auswirkungen gesellschaftlicher Entwicklungen nicht notwendigerweise in umfangreichen Seitenzahlen niederschlagen müssen, zeigt sich daran, dass keiner der 13 durchweg informativen und aufschlussreichen Beiträge einen Umfang von 17 Seiten überschreitet. Bereits in der Einleitung legen die Herausgebenden nicht nur ihr Verständnis beruflicher Bildung und daraus resultierend das Konzept des Buches dar, sondern verknüpfen die Beiträge in diesem Rahmen auch inhaltlich, d.h. sie werden argumentativ als Teil einer Gesamtkonzeption präsentiert. Damit hebt sich dieser Sammelband von vielen anderen positiv ab, die zwar interessante Beiträge zusammenstellen, die Frage nach der übergeordneten inhaltlichen Klammer allerdings abgesehen von einem relativ allgemein gehaltenen Oberthema weitgehend offen lassen.

Kritisieren ließe sich, dass sich der Band schwerpunktmäßig auf die in der vergleichenden Berufsbildungsforschung sowieso meist im Zentrum stehenden Länder England, Deutschland und Frankreich konzentriert – mit Ausnahme je eines Beitrags zu den Niederlanden, den USA sowie zu Australien. Aber dieser Vorwurf kann dadurch entkräftet werden, dass es dem Sammelband durchaus gelingt, auch bei den bekannten Ländern neue Aspekte aufzudecken. Schwerer wiegt da schon der Einwand, dass eine tatsächlich internationale Perspektive weitgehend fehlt. Die Beiträge sind auf die Entwicklungen in den einzelnen Ländern fokussiert, was gemäß der Anlage des Buches, entsprechende Entwicklungen gerade innerhalb der nationalen Kontexte deutlich zu machen, auch nachvollziehbar und sinnvoll ist. Die Herausgebenden hätten allerdings überlegen können, diesen Beiträgen ein oder zwei Artikel an die Seite zu stellen, die zusätzlich die europäische bzw. eine internationale Ebene in den Blick nehmen und diese nicht nur im Rahmen der Einleitung zu thematisieren.

Eine international ausgerichtete Perspektive wäre eine sinnvolle Ergänzung eines sehr lesenswerten Sammelbandes gewesen, dessen Stärke vor allem darin liegt, die Differenzen zwischen verschiedenen Ansätzen, Entwicklungen und Systemen der beruflichen Bildung verstehbar zu machen. Er verfolgt damit auch das Ziel, voreiligen Bestrebungen einer Vereinheitlichung Grenzen aufzuzeigen, die aus der Kontextgebundenheit der Berufsbildung resultieren. Was am Anfang des Buches als Anliegen beschrieben wurde, ist somit am Ende eingelöst: „We cannot claim to deal with all the conceptual and developmental differences in this volume. We do, however, lay a claim to sensitizing our readership to the fact that different VET systems have different social, historical, institutional and political roots and that these are reflected in differences in conceptual and linguistic usage in different European languages and in different practices“ (8). Dies mag nicht unbedingt als Einstiegslektüre in das Feld der vergleichenden Berufsbildungsforschung geeignet sein, stellt aber einen wichtigen Beitrag für die wissenschaftliche Diskussion dar und rückt eine häufig vernachlässigte Perspektive in den Vordergrund.
Katrin Kraus (Zürich)
Zur Zitierweise der Rezension:
Katrin Kraus: Rezension von: Clarke, Linda / Winch, Christopher (Hg.): Vocational Education, International Approaches, Developments and Systems. London, New York: Routledge 2007. In: EWR 7 (2008), Nr. 2 (Veröffentlicht am 15.04.2008), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978041538061.html