EWR 15 (2016), Nr. 2 (März/April)

Sarah Conly
One Child
Do we have a right to more?
New York: Oxford University Press 2016
(264 S.; ISBN 978-0-19-020343-6; 27,30 EUR)
One Child Sarah Conly geh√∂rt ohne Frage zu den Philosoph_innen, die auch solche Positionen vertreten, die unpopul√§r und weitab vom philosophischen Mainstream angesiedelt sind. Nach ihrem provokanten und breit rezipierten ‚ÄěAgainst Autonomy‚Äú [1], in dem mehr Formen von legalem Paternalismus gerechtfertigt wurden, als den meisten lieb sein d√ľrfte, liefert Conly nun mit ihrem neuen Buch ‚ÄěOne Child. Do we have a right to more?‚Äú eine Verteidigung und Rechtfertigung einer weltweiten Ein-Kind-Politik. Conly, so viel steht sp√§testens mit diesem Buch fest, ist damit auf dem besten Wege, eine Art Enfant terrible der Moral- und Politikphilosophie zu werden. Nichtsdestotrotz lassen sich ihre Arbeiten nicht auf intelligente Provokationen reduzieren, denn sie entwickelt durchaus problembewusste, zuweilen ausgefeilte und zudem bisher h√§ufig unzureichend beachtete Argumente f√ľr Positionen, die in unterschiedlichen humanwissenschaftlichen Disziplinen Beachtung finden. Auch wenn man Conlys Ansichten nat√ľrlich nicht teilen muss, reicht es f√ľr eine angemessene Auseinandersetzung mit ihren Argumenten daher nicht aus, in persuasiv-moralisierender Absicht blo√üe Reiz- und Schlagworte in Stellung zu bringen, um so schon vor jeder argumentativen Auseinandersetzung Flagge zu zeigen. Dies gilt zumindest dann, wenn man zur Kl√§rung der relevanten normativen und empirischen Fragen √ľberhaupt etwas beitragen m√∂chte.

Die nat√ľrlichen Ressourcen des Planeten sind beschr√§nkt und werden in atemberaubender Geschwindigkeit durch eine immer gr√∂√üer werdende Zahl von Menschen mit immer gr√∂√üer werdenden Konsumbed√ľrfnissen verbraucht. Zugleich ist mit Blick auf die globale Entwicklung nicht zu erwarten, dass die Menschen in absehbarer Zeit ihren Konsum freiwillig drosseln oder kurzfristig von sich aus die Zahl ihrer Kinder in hinreichendem Ma√üe reduzieren werden. Ausgangspunkt von Conlys Argumentation ist daher die Annahme, dass der absehbare Zuwachs der Weltbev√∂lkerung in den n√§chsten Jahrzehnten (nach Sch√§tzungen ca. 9,7 Milliarden bis 2050; 219), dem eine historisch einmalige Bev√∂lkerungsexplosion in den letzten einhundert Jahren vorausgegangen ist, mit gro√üer Wahrscheinlichkeit in ein √∂kologisches Desaster und eine soziale Katastrophe f√ľhren wird (Kriege, Hungersn√∂te, zunehmendes Verschwinden der Privatsph√§re etc.). Die einzige aussichtsreiche M√∂glichkeit, dieses Szenario zu verhindern, besteht nach Conly in einer tempor√§ren Verringerung des Zuwachses der Weltbev√∂lkerung durch eine Reduktion der Kinderzahl auf ein Kind pro Familie:

‚ÄúI am going to argue here that we don‚Äôt have a right to more than one biological child. At this point in time, when the world around us is in so much danger from environmental degradation, doing just as our parents did ‚Äď having as many children as we happen to want ‚Äď is no longer viable‚ÄĚ (2).

Sie begr√ľndet diese Position vor allem mit dem harm principle, d.h. √ľber die angenommene Sch√§digung Dritter, die mit einer zu gro√üen Kinderzahl einhergeht. Wir haben, so Conly, zwar ein interessebasiertes fundamentales Recht darauf Kinder zu bekommen (d.h. ein Kind), nicht jedoch ein Recht auf beliebig viele Kinder, insbesondere wenn dies zu gro√üen, wenn auch nicht intendierten und eher indirekten, Sch√§digungen f√ľr unsere (zuk√ľnftigen) Mitmenschen f√ľhrt. Dem fundamentalen Interesse und Recht ein Kind zu bekommen, sei dagegen schon dann Gen√ľge getan, wenn wir ein einziges Kind bekommen, da dies ‚Äď selbst wenn dies der eigenen, evtl. religi√∂s begr√ľndeten Konzeption des Guten widerspricht ‚Äď f√ľr ein gutes und erf√ľlltes (Familien-)Leben als ausreichend zu erachten sei. Da Conly ein gesetzlich durchgesetztes Verbot ablehnt und viele der Sanktionen, die z.B. in China vor der Abschaffung der Ein-Kind-Politik (zugunsten einer Zwei-Kind-Politik seit Januar 2016) oder auch in Indien unter Indira Gandhi in den 1980er Jahren genutzt wurden, offensichtlich moralisch nicht zu rechtfertigen sind (z.B. Zwangssterilisierungen), schl√§gt sie vor, unterschiedliche Ma√ünahmen zu kombinieren, um die Bev√∂lkerungszahl zu regulieren. Hierzu geh√∂ren u.a. Bildung und Bildungskampagnen, positive und negative Anreizstrukturen, die kostenlose Verbreitung und leichte Zug√§nglichmachung von Verh√ľtungsmitteln, in der H√∂he proportional zum Einkommen anzusetzende Geldstrafen und einen u.a. durch die expressive Funktion von (demokratisch legitimierter) Rechtsetzung initiierten Norm- und Wertewandel.

Conly setzt sich detailliert mit vielen der denkbaren Gegenargumente auseinander, die gegen ihre bev√∂lkerungspolitischen und familienethischen Ausf√ľhrungen ins Feld gef√ľhrt werden k√∂nnen. Hierzu geh√∂ren u.a. Argumente, die sich auf die Einschr√§nkung der Autonomie der Betroffenen, das Recht auf eine Familie, auf den eigenen K√∂rper, sowie Argumente, die sich auf die vielen denkbaren nicht intendierten Nebeneffekte einer Ein-Kind-Politik beziehen: Probleme der Aufrechterhaltung von generationen√ľbergreifenden Solidarsystemen, Probleme auf Grund von mangelndem Wirtschaftswachstum, Diskriminierung durch Geschlechtsselektionen, potentielles Verschwinden von Kulturen, Folgen geschwisterlosen Aufwachsens f√ľr die Kinder, etc.

Insbesondere Conlys teilweise erm√ľdenden und m√§andernden Analysen und Entkr√§ftungsversuche von Gegenargumenten, in denen immer wieder mehr oder weniger einleuchtende, h√§ufig auch eher weit hergeholte Beispiele und Analogien angef√ľhrt werden, verlangen dem Leser einiges an Geduld ab. Ein generelles Problem ihrer Argumentation, das ein St√ľck weit auch in der Natur der verhandelten Thematik angelegt ist, besteht zudem in dem grunds√§tzlich ‚Äěhypothetischen‚Äú (89) Charakter ihrer Ausf√ľhrungen, die in weiten Teilen auf empirisch ungesicherten Annahmen und Sch√§tzungen basieren. So ist es eine Kombination unterschiedlicher hochkomplexer interdependenter Faktoren, die, wenn alle zugleich auftreten, dem skizzierten Katastrophenszenario Plausibilit√§t verleihen sollen. Auch wenn sich die heutige Datenlage als weit besser erweist als dies noch f√ľr vergangene alarmistische Prophetien in Sachen Bev√∂lkerungsentwicklung gelten konnte (die sich seit Malthus immer wieder als falsch erwiesen haben) (149), bleibt dennoch fraglich, ob die vorgeschlagene Ein-Kind-Politik tats√§chlich den wichtigsten L√∂sungsvorschlag liefert (228), um die aktuellen und zu erwartenden komplexen Problemlagen zu bew√§ltigen. Da Probleme der demokratischen Legitimation und Durchsetzung einer weltweiten Ein-Kind-Politik im Rahmen von Conlys hypothetischen √úberlegungen kaum thematisiert werden (z.B. Fehlen handlungsf√§higer supranationaler Akteure oder eines Weltstaats, die eine Ein-Kind-Politik auch gegen√ľber Einzelstaaten durchsetzen k√∂nnten; Konflikte und Konkurrenz zwischen Nationalstaaten), bleibt auch eher unklar, wie die global-weltgesellschaftliche orientierte Diagnose und Programmatik im Rahmen partikularer kulturell-gesellschaftlicher Kontexte mit unterschiedlichen Bev√∂lkerungsdynamiken umgesetzt werden k√∂nnten. Damit steht und f√§llt schlie√ülich die Antwort auf die Frage, ob der Vorschlag am Ende √ľberhaupt eine reale M√∂glichkeit oder nur ein interessantes Gedankenexperiment darstellt.

Erstaunlich wenig geht Conly auf die sozialen, psychologischen und finanziellen Kosten f√ľr diejenigen ein, die sich mehr als ein Kind w√ľnschen und dies als konstitutiven Teil ihrer Identit√§t und Lebensplanung betrachten. Entsprechende Bedenken lassen sich schlie√ülich nicht ohne weiteres durch das immer wieder angef√ľhrte Argument ad acta legen, dass Menschen vermeintlich kein Recht auf mehr als ein Kind h√§tten, was auch immer sie selbst davon halten m√∂gen. Conly diskutiert zwar einige der Abw√§gungsprobleme zwischen den Interessen und Rechten jetziger und zuk√ľnftiger Generationen und insbesondere auch dar√ľber, welche Verantwortung und Pflichten jetzigen Generationen gegen√ľber sp√§teren Generationen zugeschrieben werden k√∂nnen. Sie geht jedoch kaum auf die Folgen einer weltweiten Ein-Kind-Politik f√ľr die konkrete Ausgestaltung des Verh√§ltnisses zwischen den Generationen und f√ľr die Legitimation generationaler Ordnungen ein, Themen, zu denen aus erziehungs- und bildungstheoretischer [2], aus gerechtigkeitstheoretischer [3] und auch aus familienethischer [4] Sicht sicherlich weit mehr zu sagen w√§re.

Kurzum: Ein Teil von Conlys Argumentation wird beim Leser, so die Einsch√§tzung und Prognose des Rezensenten, eher Befremden und Skepsis ausl√∂sen. Gerade auf Grund des gro√üen Irritationspotentials eignet sich das Buch, eine akademische und √∂ffentliche Debatte in Gang zu bringen, deren empirische Grundlage und praktisch-politische Relevanz zum jetzigen Zeitpunkt gleichwohl unklar bleiben. Als gesicherte Prognose kann in jedem Fall gelten, dass uns das alte Problem, dass die Neuank√∂mmlinge vor der Welt, aber auch die Welt vor den Neuank√∂mmlingen zu sch√ľtzen ist [5], unter sich stetig wandelnden Bedingungen auch in Zukunft erhalten bleiben wird.

[1] Conly, S.: Against Autonomy. Justifying coercive paternalism. Cambridge: Cambridge University Press 2013.

[2] Ecarius, J.: Generation, Erziehung und Bildung. Eine Einf√ľhrung. Stuttgart: Kohlhammer 2008.

[3] Brumlik, M.: Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Berlin: Berlin Verlag 1995.

[4] Betzler, M. / Bleisch, B. (Hrsg.): Familiäre Pflichten. Berlin: Suhrkamp 2015.

[5] Arendt, H.: Die Krise in der Erziehung. Bremen: Angelsachsen 1958.
Johannes Drerup (Koblenz-Landau / M√ľnster)
Zur Zitierweise der Rezension:
Johannes Drerup: Rezension von: Conly, Sarah: One Child, Do we have a right to more?. New York: Oxford University Press 2016. In: EWR 15 (2016), Nr. 2 (Veröffentlicht am 24.03.2016), URL: http://klinkhardt.de/ewr/978019020343.html