EWR 4 (2005), Nr. 1 (Januar/Februar 2005)

Thomas Höhne
Pädagogik der Wissensgesellschaft
Bielefeld: transcript Verlag 2003
(326 S.; ISBN 3-89942-119-1; 25,80 )
In Zeitdiagnosen spielt das Konzept der Wissensgesellschaft, auch unter pädagogischen Gesichtspunkten, eine prominente Rolle. Im Anschluss an die empirischen Arbeitsmarktstudien von Daniel Bell aus den 1970er Jahren, der den Begriff in die breitere Diskussion einbrachte, und die Vorarbeiten von Sigrid Nolda und Christiane Hof für die Pädagogik liegt nun mit Thomas Höhnes Studie die erste große Monographie zum Thema vor. Der Titel "Pädagogik der Wissensgesellschaft" führt den Käufer allerdings etwas in die Irre und die Einleitung klingt, als sei der Autor selbst nicht ganz glücklich damit (11). Es geht in der Untersuchung nämlich nicht um die "Wissensgesellschaft als Realkategorie" (11), für die eine Pädagogik entworfen würde, sondern vielmehr um die Beschreibung sozialstruktureller Veränderungen und vor allem um die Rolle und Bedeutung des Begriffs auf diskursiver Ebene. Der Abstraktionsgrad der Studie ist hoch; Thomas Höhne zielt ab auf die Beobachtung des Diskurses der Wissensgesellschaft, wobei er vor allem Methoden der von Michel Foucault entwickelten Diskursanalyse nutzt, die heute in den Literatur- und Kulturwissenschaften etabliert sind. Dieses in der Pädagogik zunehmend praktizierte Vorgehen hat durchaus inspirierenden Charakter, weil ein erziehungswissenschaftliches Thema unter kulturwissenschaftliche Beobachtung gestellt wird.

Die Übergröße des Themas erzwingt ein vielleicht zu weites Ausholen. Wie unter dem Einfluss der Studien von Foucault zu erwarten geht es bald nicht mehr nur um die Wissensgesellschaft, sondern um das Wissen im allgemeinen. Und damit lässt sich vieles verbinden, so dass sich die Studie über ihren plausiblen thematischen Zusammenhang hinaus erweitert. Auf 300 Seiten werden Aspekte im Umkreis von Politik, Medien, Bildung, Kulturtheorie, interkulturelle Pädagogik (auf allein 60 Seiten), Pädagogisierung, Subjektproblematik und des etwas leichtfüßig verwendeten Begriffs "Neoliberalismus" behandelt.

Nach einer Rekonstruktion des Konzeptes der Wissensgesellschaft widmet sich Höhne im zweiten Teil dem Thema "Wissen und Bildung". Er umreißt abschließend einen Wissensbegriff, der Perspektiven für die erziehungswissenschaftliche Forschung entfalten soll. Darin enthalten ist der Hinweis, dass in der Pädagogik Wissen eine vernachlässigte, sogar verdrängte Kategorie darstelle, die gleichberechtigt neben Lernen und Bildung gehören solle. Forschungsbedarf sieht Höhne vor allem in einer vergleichenden Forschung über Wissensformen, dem Entwurf eines integrierten Wissensbegriffs, der näheren Untersuchung von Aneignungs- und Vermittlungsformen sowie von deren Strukturmerkmalen (157ff.).

Ab dem dritten Kapitel wird die Themenwahl nicht mehr ganz einsichtig. Der etwa 60 Seiten umfassende Teil zur "Kulturellen Differenz in (Post-)Moderne und Pädagogik" fasst den Diskurs zwar handwerklich auf hohem Niveau zusammen; doch spätestens im Resümee, in dem dezidiert Probleme der Darstellung des Fremden in Schulbüchern behandelt wird, ist die thematische Schwerpunktsetzung nicht mehr plausibel.

Ähnliches kann für den vierten Teil des Buches mit dem Thema "Pädagogisierung" festgestellt werden. Über Ausführungen zu "Pädagogisierung und Macht" (229ff.) und den Begriff der Pädagogisierung gelangt Höhne zum Verhältnis zwischen pädagogischen und ökonomischen Formen, schließlich zu Problematiken von Subjekten zwischen Macht und Kontrolle – allesamt spezifisch Foucaultsche Themen. Sie stehen natürlich in einem zumindest lockeren Zusammenhang zum Thema Wissen, aber in keinem mehr zur Wissensgesellschaft.

Im fünften Kapitel (253ff.) wird in fünf Hauptsträngen der "Lerndiskurs" seit den 1980er Jahren rekonstruiert. Dieser findet laut Höhne in einem semantischen Feld statt, welches durch die Eckpunkte "Lernen, Wissen, Subjekt, Kultur" (254) gekennzeichnet ist. Erst hier werden wieder erste Zusammenhänge zum Thema der Wissensgesellschaft schwach erkennbar. Allerdings reicht die Kürze des Kapitels für die angerissene Problematik kaum aus: Die Ausführungen sind überdicht und relativ unlesbar. Statt einer prägnanten Zusammenfassung oder einer ausblickenden Pointierung endet das Buch mit einem Erfahrungsbericht. Der Autor hat für ein eigenes (!) Seminar zum Thema "Wissen und Macht, Wissensbegriff, Wissensstruktur und Postmoderne" eine Lernumgebung entworfen, deren Materialien und Ergebnisse er auswertet. Damit sollen "Arbeitsweisen und Rekonstruktionspraktiken" (291) reflektiert werden. Das Thema scheint hier im Abschlusskapitel des Buches erneut zu wechseln: Die Analysen lassen sich als (sehr kurzen) Beitrag zur Lernforschung bezeichnen, die insbesondere auf die Textrezeption fokussiert sind. Obwohl die einzelnen Kapitel des Buches zweifellos wichtige Fragen behandeln, so scheinen nur die zwei ersten sehr lesenswerten Kapitel einen Bezug zur "Pädagogik der Wissensgesellschaft" zu haben. Die restlichen Teile des Buches hätten als Fachaufsätze unter ihrer je spezifischen Themenstellung einen besseren Referenzrahmen gehabt.
Frank Berzbach (Tübingen)
Zur Zitierweise der Rezension:
Frank Berzbach: Rezension von: Höhne, Thomas: Pädagogik der Wissensgesellschaft, Bielefeld: transcript Verlag 2003. In: EWR 4 (2005), Nr. 1 (Veröffentlicht am 31.01.2005), URL: http://klinkhardt.de/ewr/89942119.html