EWR 2 (2003), Nr. 4 (Juli/August 2003)

Prenzlauer Berg Museum / Bezirksamt Pankow von Berlin (Hrsg.)
Schule zwischen gestern und morgen
Beiträge zur Schulgeschichte von Prenzlauer Berg
Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2002
(534 Seiten; ISBN 3-89676-534-5; 25,00 EUR)
Schule zwischen gestern und morgen Mit diesem Buch legt das Prenzlauer Berg Museum eine weitere Publikation zur Geschichte des Schulwesens im Bezirk vor. Um sich ‚Äď so die selbstgew√§hlte Zielsetzung ‚Äď der Schulgeschichte des Bezirks "durch die Darstellung und Problematisierung einzelner zeitlicher und inhaltlicher Aspekte zu n√§hern" (VII), werden hier Beitr√§ge zu einzelnen Schulen, verdienten Lehrern und unterschiedlichen Phasen schulischer Entwicklung √ľber den weitgespannten Zeitrahmen der letzten 150 Jahre hinweg versammelt. Die Autorinnen und Autoren unternahmen ihre diesbez√ľgliche Forschungsarbeit im Rahmen eines √∂ffentlich gef√∂rderten Projekts, das von 1998 bis 2000 andauerte. Dabei sichteten sie eine F√ľlle von Archivmaterialien und f√ľhrten zahlreiche Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die zum Teil geschickt in die Texte einflie√üen. Zus√§tzlich sammelten sie diverse Materialien, die von Privatpersonen und Schulen √ľberlassen wurden, wodurch das Prenzlauer Berg Museum seine √∂ffentlich nutzbare schulgeschichtliche Sammlung erg√§nzen konnte. Zahlreiche Fotos, die die Texte veranschaulichen, sowie ein ausf√ľhrliches Schulverzeichnis machen das Buch f√ľr ein (lokal)schulgeschichtlich interessiertes Publikum zur anregenden Lekt√ľre, die zudem relativ kosteng√ľnstig ist.

Betrachtet man das Buch allerdings durch die Brille des Bildungshistorikers, finden sich einige Kritikpunkte, die der Erw√§hnung bed√ľrfen. Ein erster Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass es den Aufs√§tzen an einem √ľbergreifenden Konzept mangelt. Unter der √úberschrift "Schule und Schulalltag in Prenzlauer Berg gestern und heute" findet sich im ersten Teil des Buches ein Sammelsurium an Themen, die durch keinerlei Verklammerung zusammengehalten werden au√üer dem der lokalen Verortung. Darin unterscheidet sich das Werk z.B. grundlegend von einer √§hnlichen Ver√∂ffentlichung des Heimatmuseums Neuk√∂lln, die 1993 unter Konzentration auf die Frage nach schulreformerischen Bem√ľhungen das "Versuchsfeld Berlin-Neuk√∂lln" in den Blick nahm [1].

Hier geht es dagegen im ersten Teil in einer Art Galopp durch die Jahrzehnte, wobei immer wieder an bestimmten Zeitpunkten der Geschichte angehalten wird. Eine Aufz√§hlung der ber√ľhrten Themen mag die Beliebigkeit andeuten: Schule im Ersten Weltkrieg (Matthias Schreyer), das Schicksal j√ľdischer Sch√ľler und Lehrer an der K√∂nigst√§dtischen Oberrealschule (Larissa D√§mmig), Schule vom Kriegsende bis zur Spaltung Berlins (Gert Gei√üler), Neulehrer (Petra Gruner), Hilfsschulen in der fr√ľhen DDR (Peter Haase), Schulfeiern und -ausstellungen in der DDR (Anke Wieland), au√üerschulische Einrichtungen des Bezirks (Heike Eifler), Umstrukturierung des Schulwesens nach 1990 unter besonderer Ber√ľcksichtigung der Erfahrungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen (Kirsten Dietrich/Bernt Roder, Bernhard Thomas Streitwieser), die Montessori-Schule in Prenzlauer Berg (Kirsten Dietrich/Bernt Roder) sowie Projektwochen im Prenzlauer Berg Museum (Kirsten Dietrich/Heike Eifler). Hinzu kommt ein eher journalistisch als wissenschaftlich zu nennender Aufsatz √ľber sogenannte ‚Äöstaatsfeindliche‚Äô Aktionen von Sch√ľlern der Kurt-Fischer-Oberschule von Annette Leo, der qualitativ besonders gegen√ľber den fundierten Beitr√§gen von Gei√üler, Gruner oder Haase abf√§llt. Fragw√ľrdig ist auch die recht unreflektierte Darstellung der Montessori-Grundschule im Bezirk, die sich mehr als Werbetext f√ľr Montessori-P√§dagogik denn als wissenschaftlicher Beitrag liest.

Eingeleitet wird dieser erste Teil durch eine √úberblicksdarstellung zum "Werden und Wachsen des Schulstandorts Prenzlauer Berg" von Klaus Grosinski, dem es einerseits gelingt, schlaglichtartig die wichtigsten Entwicklungsphasen des dortigen Schulwesens zu beleuchten. Andererseits schreckt er nicht davor zur√ľck, gerade die sensible Phase der nationalsozialistischen Herrschaft unter R√ľckgriff auf l√§ngst √ľberholte DDR-Literatur darzustellen (A. Mahal: Zur Geschichte der Faschisierung des Berliner Schulwesens. In: Berliner Geschichte H. 4, 1983). Entsprechend ist die Rede von der "faschistische[n] Machtergreifung", vom ‚ÄöNationalsozialistischen Lehrerbund‚Äô, "der seine Mitglieder f√ľr die weltanschauliche Ausrichtung der Sch√ľler im faschistischen Sinne verantwortlich machte", sowie von "antifaschistischen Lehrern und Eltern", denen "letzte Wirkungsm√∂glichkeiten" durch die Aufl√∂sung von Sammelschulen und Elternbeir√§ten entzogen wurden (21ff.). Hier w√§re mehr Zur√ľckhaltung oder eine gr√ľndlichere Wahrnehmung des derzeitigen Forschungsstandes geboten gewesen.

An dieser Stelle sei jedoch gleich darauf hingewiesen, dass Grosinski im dritten Teil des Buches, der unter der √úberschrift "Sie unterrichteten am Prenzlauer Berg" in zwei Aufs√§tzen und einem Interview markante Lehrkr√§fte des Bezirks vorstellt, ein sehr informativer und differenzierter Aufsatz √ľber Paul Hildebrandt gelungen ist. Hildebrandt war insofern ein ungew√∂hnlicher Vertreter der Studienratszunft, als dass er sich nicht nur durch sein au√üerschulisches Engagement in der Deutschen Demokratischen Partei, sondern auch in seiner p√§dagogischen Arbeit als √ľberzeugter Demokrat erwies. Unter R√ľckgriff auf eine Vielzahl von Quellen beschreibt Grosinski das Wirken Hildebrandts in der Weimarer Zeit, seine Verfolgung im Nationalsozialismus und seine Aktivit√§ten in der Nachkriegszeit sehr anschaulich.

Zuvor widmet sich der zweite Teil des Buches "Schulen, die anders waren". Hier untersucht Birgit Kirchh√∂fer die Geschichte von drei konfessionellen Privatschulen, n√§mlich die der evangelischen ‚ÄöMarthashofschule‚Äė, der katholischen Theresienschule und der j√ľdischen Volksschule in der Rykestra√üe. Nele G√ľntheroth widmet sich den weltlichen Schulen des Bezirks in einem Beitrag, der offensichtlich auf ihrer 1990 fertig gestellten Dissertation fu√üt, und Wolfgang Helfritsch stellt die Entwicklung der Kinder- und Jugendsportschulen in Prenzlauer Berg dar.

Besonders reizvoll ist hier sicherlich der Vergleich der drei konfessionellen Privatschulen. Kirchh√∂fer verfasste hierzu drei informative Beitr√§ge, die sehr unterschiedliche Schwerpunkte aufweisen. So steht bei der Betrachtung der evangelischen ‚ÄöMarthashofschule‚Äė, einer 1859 gegr√ľndeten Elementarschule f√ľr M√§dchen, die sich zu einer achtklassigen Volksschule entwickelte, deren Entstehungsgeschichte im Vordergrund. Die interessante Frage, wie die "mittlerweile einzige private Volksschule in Berlin" (305) auf die nationalsozialistische Schulpolitik reagierte, die ihre Existenz zun√§chst bedrohte und schlie√ülich die Aufl√∂sung anordnete, bleibt dabei leider unbeantwortet.

Umfassender wird dagegen die Geschichte der katholischen Theresienschule behandelt, die 1894 gegr√ľndet, 1909 als Lyzeum und 1929 als Oberlyzeum anerkannt wurde. In einem ersten Abschnitt wird hier die Schulgeschichte von der Gr√ľndung bis zur staatlich verf√ľgten Einstellung des Schulbetriebs 1941 beschrieben. Leider bleiben die Aussagen zur Schulgeschichte im Nationalsozialismus trotz der erhalten gebliebenen Chronik, der Schuljahresberichte und gef√ľhrter Interviews vage und konstatieren lediglich, dass die erhaltenen Schilderungen "nicht nach bedingungsloser Zustimmung" klingen (322). Geradezu spannend ist dagegen im zweiten Abschnitt die Schilderung des Existenzkampfes der Schule in der DDR, als sich die Schulleitung immer wieder gegen staatliche Einflussnahme zu wehren hatte und dabei mit kr√§ftiger Unterst√ľtzung der katholischen Kirche letztendlich erfolgreich blieb: unter altem Namen besteht sie an einem neuen Standort in Wei√üensee auch heute noch.

Den g√§nzlich anderen Zugriff auf die Geschichte der j√ľdischen Volksschule in der Rykestra√üe verr√§t schon die √úberschrift "F√ľr und wider eine neue Schule". Nicht die Darstellung von Schulalltag und -entwicklung steht hier im Vordergrund, sondern die Frage nach dem Sinn und Zweck der Einrichtung j√ľdischer Schulen, wie sie in den zwanziger und drei√üiger Jahren des 20. Jahrhunderts in der j√ľdischen Gemeinde Berlins sehr ambivalent diskutiert wurde. Entsprechend beschreibt der Aufsatz den Zusammenhang zwischen Schulwahl auf der einen Seite und dem Grad an Assimilationsbereitschaft auf der anderen Seite, wobei die angef√ľhrten, h√§ufig auf Interviews beruhenden Beispiele zwar anschaulich, aber nicht immer eindeutig sind. So wird die Schule in der Rykestra√üe von den einen als ‚Äözionistisch‚Äė bezeichnet, w√§hrend andere, aus dem stark zionistisch gepr√§gten j√ľdischen Waisenhaus stammende Sch√ľler diese ‚Äönur‚Äė als j√ľdische Schule erlebt hatten. Dieses Problem der Interviewauswertung ist der Autorin bewusst und sie l√§sst l√§ngere Ausz√ľge f√ľr sich sprechen, so dass die/der Leser/in sich durchaus ein eigenes Urteil bilden kann. Bis 1941 konnte die Schule ihren besonderen Aufgaben nachgehen, bevor sie von den Nationalsozialisten geschlossen wurde.

Den letzten Teil des Buchs bildet ein Epilog, der zwei Beiträge beinhaltet, die sich verstärkt Fragen der Schularchitektur widmen. Martin Albrecht und Brigitte Putzmann beschreiben darin die heutige Skandinavia-Oberschule, Sigrid Asseng äußert sich zum Umgang mit historischen Schulgebäuden unter denkmalpflegerischen Aspekten, wobei vor allem die Schulbauten der Architekten Hermann Blankenstein und Ludwig Hoffmann im Mittelpunkt stehen.

Mit diesen Texten endet ein Buch, das beim Rezensenten einen zwiesp√§ltigen Eindruck hinterlassen hat. Grunds√§tzlich muss jedoch betont werden, dass sich mit der Vielfalt der Texte und den darin ausgewerteten sowie dokumentierten Archivalien und Quellen viele Anregungen f√ľr eine vertiefende Forschungsarbeit verbinden k√∂nnen. Insofern sollte das Buch zum gr√∂√üten Teil als Impulsgeber verstanden werden f√ľr noch zu schreibende Arbeiten. Seinen Wert als Beitrag zur Erforschung der lokalen Schulgeschichte in Prenzlauer Berg kann man der Publikation in keinem Fall abstreiten.

[1] Radde, Gerd u.a.: Schulreform ‚ÄĒ Kontinuit√§ten und Br√ľche. Das Versuchsfeld Berlin-Neuk√∂lln. 2 B√§nde. Opladen: Leske + Budrich 1993.
R√ľdiger Loeffelmeier (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
R√ľdiger Loeffelmeier: Rezension von: Prenzlauer Berg Museum / Bezirksamt Pankow von Berlin (Hg.): Schule zwischen gestern und morgen, Beitr√§ge zur Schulgeschichte von Prenzlauer Berg, Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren 2002. In: EWR 2 (2003), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.08.2003), URL: http://klinkhardt.de/ewr/89676534.html