EWR 1 (2002), Nr. 2 (April/Mai 2002)

Thomas Gießmann / Rudolf Marciniak
Fast sÀmtliche Kinder sind jetzt weg"
Quellen und Zeitzeugenberichte zur Kinderlandverschickung aus Rheine 1942 - 1945
MĂŒnster, New York, MĂŒnchen, Berlin: Waxmann 2001
(180 Seiten; ISBN 3-89325-1030-4; 29,80 EUR)
Fast sÀmtliche Kinder sind jetzt weg" Die "Erweiterte Kinderlandverschickung" (KLV) in der Zeit des Zweiten Weltkrieges hat in den letzten Jahren betrÀchtliche Forschungsaufmerksamkeit auf sich gezogen. Dies mag u.a. daran liegen, dass diejenigen, die ab 1940 als Kinder und Jugendliche aus den luftkriegsgefÀhrdeten Gebieten Deutschlands in lÀndliche und vermeintlich sicherer Gegenden verschickt wurden, jetzt noch zu befragen sind.

Vor einigen Jahren wurde eine Studie vorgelegt, die in Anspruch nehmen kann, den Stand der Forschung zur KLV in ĂŒbersichtlicher und treffender Weise dargestellt zu haben (vgl. Gerhard Kock: "Der FĂŒhrer sorgt fĂŒr unsere Kinder ...". Die Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg. Paderborn: Schöningh 1997). Vor diesem Hintergrund können nunmehr regional- und stadtgeschichtliche BeitrĂ€ge zur weiteren Differenzierung beitragen, indem sie einen Überblick ĂŒber die Schulsituation einer Region oder Stadt und zur Durchsetzung der KLV in den Jahren des Zweiten Weltkrieges bieten können.

Genau dies leistet der vorliegende Band fĂŒr die westfĂ€lische Stadt Rheine. Nach einer allgemeinen Einleitung zur Geschichte und Organisation der KLV werden in 12 Abschnitten zunĂ€chst die einzelnen Schulen kurz vorgestellt, sodann anhand von Schulchroniken bzw. offiziellen Briefen und Akten der Schulen - soweit vorhanden - die offizielle Seite sowie anhand von Zeitzeugenberichten und Dokumenten (Briefen an die Eltern, LagerbĂŒchern und Fotos) die subjektive Seite der KLV beleuchtet.

Hervorzuheben sind bei diesem Vorgehen mehrere Aspekte. Zum einen ist der Blick hinter die Kulissen der KLV-Organisation auf die einzelnen Schulen sehr aufschlussreich, kommen doch hier in den Chroniken sowohl positive (wahrscheinlich zeitgenössische) als auch negative (wahrscheinlich nach dem Krieg ergĂ€nzte) Stimmen zu Wort. Zweitens bietet die Einbeziehung sĂ€mtlicher Rheiner Schulen einen Überblick ĂŒber die Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Umsetzung der KLV in den Volksschulen und Gymnasien.

DarĂŒber hinaus wird gezeigt, dass die konfessionelle Gliederung der Schulen Auswirkungen auf die KLV-Akzeptanz und die Gestaltung des Lageralltages hatte. So stieß die KLV bei katholischen Eltern auf grĂ¶ĂŸere Vorbehalte. Von den katholischen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern wird zudem öfter berichtet, dass der Kirchgang selbstverstĂ€ndlich war, auch wenn die LagermannschaftsfĂŒhrer bzw. LagermĂ€delschaftsfĂŒhrerinnen sich dagegen aussprachen.

Im Hinblick auf das Geschlecht scheint es bei den MÀdchen zu weniger Drill und militÀrÀhnlichen Formen gekommen zu sein als bei den Jungen, was eine Zeitzeugin zu dem Schluss brachte, dass die MÀdchenlager wohl nicht so ernst genommen worden seien (S. 143).

FĂŒr alle Gruppen scheint aber zuzutreffen, dass die KLV "zu ihren besten Erinnerungen" zu zĂ€hlen ist, wie es in einem propagandistischen "Elternbrief" 1942 formuliert wurde (S. 109). Kritik an den ZustĂ€nden der KLV-Lager, am Drill u.a. wird in den Zeitzeugenberichten nur selten geĂŒbt und betrifft dann meist die Verpflegung. Im Gegenteil wurde angesichts schlechter Bedingungen die Kameradschaft und Gemeinschaft am intensivsten erfahren, so dass das Urteil, "Ich möchte die KLV-Zeit nicht missen" (S. 153) wohl von vielen, wenn nicht den meisten Zeitzeugen bestĂ€tigt worden wĂ€re. Und dies, obwohl fast ĂŒbereinstimmend immer wieder hervorgehoben wird, dass man froh gewesen sei, wieder nach Hause zu kommen.

Nicht nur als Dokument ĂŒber die mehrheitlich positiv beschriebene KLV-Erfahrung ist der Band von Interesse, sondern auch als Dokument der Verweigerung der Teilnahme an der KLV durch die Eltern. In der stark katholisch geprĂ€gten Region wurden viele Kinder von den Eltern an andere Schulen umgemeldet, wobei auch schulischer Abstieg in Kauf genommen wurde, damit die Kinder nicht an der KLV teilnehmen mussten.

Alles in allem bietet der Band zwar keine grundlegenden Neuheiten zur KLV, aber in der Konzentration auf eine Stadt doch einen Einblick in die KLV-Geschichte und -Organisation jenseits der großen Aktionen. Insbesondere in der Materialauswahl ist der Band ein Beispiel fĂŒr den Nutzen stadt- und regionalgeschichtlicher Untersuchungen. Zugleich wird mit diesem Band auf ein Desiderat hingewiesen: die Erforschung der faktischen ZustĂ€nde der Schule in den Jahren des Krieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Neben den SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern waren schließlich auch nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer verschickt worden, und aus manchen Lagern kamen sowohl SchĂŒlerInnen und LehrerInnen teilweise erst Ende 1945 oder gar 1946 zurĂŒckgekommen. Dieser Teil der Schulgeschichte muss erst noch intensiver bearbeitet werden. Hier scheint Material zur VerfĂŒgung zu stehen, das bislang noch nicht ausreichend zur Kenntnis genommen wurde.
Klaus-Peter Horn (Berlin/Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Klaus-Peter Horn: Rezension von: Gießmann, Thomas / Marciniak, Rudolf: Fast sĂ€mtliche Kinder sind jetzt weg", Quellen und Zeitzeugenberichte zur Kinderlandverschickung aus Rheine 1942 - 1945, MĂŒnster, New York, MĂŒnchen, Berlin: Waxmann 2001. In: EWR 1 (2002), Nr. 2 (Veröffentlicht am 00.04.2002), URL: http://klinkhardt.de/ewr/893251030.html