EWR 6 (2007), Nr. 4 (Juli/August 2007)

Ingmar Hosenfeld / Friedrich-Wilhelm Schrader (Hrsg.)
Schulische Leistungen
Grundlagen, Bedingungen, Perspektiven
Münster: Waxmann 2006
(323 S.; ISBN 3-8309-1565-2; 29,90 EUR)
Schulische Leistungen Die großen internationalen Schulleistungsstudien wie TIMSS und PISA haben in der deutschen Bildungsforschung in entscheidendem Maße dazu beigetragen, dass den tatsächlich von Schülerinnen und Schülern gezeigten Leistungen wieder mehr Bedeutung beigemessen wird. „Schulische Leistungen – Grundlagen, Bedingungen, Perspektiven“ ist Titel und Programm des von Ingmar Hosenfeld und Friedrich-Wilhelm Schrader herausgegebenen Werkes, das zur Würdigung des 60. Geburtstages des empirischen Bildungsforschers Andreas Helmke verfasst worden ist. Die Beschäftigung mit den Bedingungen von schulischen Leistungen stand und steht im Zentrum der vielfältigen Forschungs- und Publikationsaktivitäten von Andreas Helmke. Die Autoren sind in unterschiedlicher Weise mit Andreas Helmke verbunden; so ist Helmut Fend vertreten, in dessen Forschungskontext Andreas Helmke unter anderem sozialisiert wurde. Es sind Kollegen aus dem Umfeld von Franz Emanuel Weinert dabei, die mit Andreas Helmke am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München gearbeitet haben. Darüber hinaus sind Wissenschaftler aus dem DESI Konsortium und aus dem DFG-Schwerpunkt „Bildungsqualität von Schule“ sowie Kollegen von der Universität Landau mit Artikeln beteiligt.

Die im Einband beschriebenen Inhalte machen bereits deutlich, welch breites Spektrum an Themen in diesem Herausgeberwerk angesprochen wird: „In diesem Buch wird in 15 Beiträgen das Thema schulische Leistung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Neben verschiedenen Formen schulischer Leistungen geht es dabei um Bildungserfahrungen und bildungsbezogene Einstellungen, um individuelle Bedingungsfaktoren der Leistung, um Grundlagen von Lehr-Lern-Prozessen, um die Rolle des Unterrichts und unterrichtlicher Einflussfaktoren bis hin zur Leistungsevaluation und der Nutzung von Evaluationsergebnissen zur Verbesserung von Schule und Unterricht“. Die Angebots-Nutzungs-Konzeption von schulischem Lernen, wie sie von Helmke und Weinert (1997) entwickelt wurde, wird von den Herausgebern als Ausgangspunkt für das vorliegende Buch gesehen, wenn auch nicht alle Beiträge explizit darauf Bezug nehmen. Die Beiträge sind interdisziplinär zusammengestellt und stammen aus der Pädagogischen Psychologie und der Fachdidaktik. Die überwiegende Mehrzahl der Autoren berichtet über Ergebnisse aus eigenen Forschungsprojekten, einige Beiträge reflektieren die aktuelle Forschungslage. Das Buch ist in fünf Bereiche untergliedert: Schulische Bildung, Leistungen und leistungsrelevante Merkmale, Grundlagen von Lehr-Lernprozessen, Unterricht und unterrichtliche Einflussfaktoren, Evaluation und die Nutzung von Evaluationsergebnissen. Die große Bandbreite der Inhalte lässt eine globale Beschreibung des Bandes nicht zu, daher werden im Folgenden die jeweiligen Kapitel der fünf Bereiche kurz beschrieben.

Die ersten beiden Kapitel beschäftigen sich mit den „Grundlagen schulischer Bildung“ sowie mit bildungsbezogenen Einstellungen. Helmut Fend berichtet über Bildungserfahrungen und ihre Langzeitwirkungen im Erwachsenenalter vor dem Hintergrund der LifE-Studie. Er beleuchtet die Unterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern verschiedener Schulformen im Hinblick auf ihre Lebensbewältigung 20 Jahre nach ihrem Schulaustritt. Ein zentrales Ergebnis seiner Analysen ist, dass Abiturienten zwar ein reichhaltiges Leben mit größerer Öffnung zum kulturellen und öffentlichen Bereich bevorsteht, dass jedoch die soziale und beruflich-ökonomische Eingliederung nicht unbedingt einfacher ist als für andere Schülergruppen. Klare Trends zeigen sich hingegen beim Gesundheitsverhalten: Abiturienten rauchen weniger als andere Gruppen und bewegen sich deutlich mehr.

Reinhold Jäger und Christoph Mengelkamp beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit den Bildungseinstellungen, die sie anhand des „Bildungsbarometers“ erhoben haben. Sie stellen Durchführung und ausgewählte Ergebnisse einer Online-Befragung zu „Vorschlägen zur Verbesserung von Bildung“ und zu „Vermittlungsinhalten von Schule“ mit dem Bildungsbarometer dar. Die Autoren diskutieren methodische Implikationen der Nutzung der Daten, wie Probleme der Repräsentativität und die Notwendigkeit der Gewichtung der Stichprobe sowie die inhaltliche Ausrichtung des „Bildungsbarometers“.

Die nächsten Beiträge beschäftigen sich mit „Leistungen und mit leistungsrelevanten Merkmalen“. In ihrem Beitrag zu Anforderungsprofilen von Aufgaben stellen Günter Nold und Henning Rossa die Erfassung von Englischkompetenzen aus internationalen Studien dar, vor deren Hintergrund sie im Rahmen des DESI-Projektes ein Messkonzept zum Hörverstehen in Englisch entwickelt haben. Durch die detaillierte Beschreibung des Messkonzepts wird deutlich, wie charakteristische Aufgabenbeschreibungen aus der Aufgabenentwicklung für den Englischunterricht nutzbar gemacht werden können. Dietmar Grube und Marcus Hasselhorn berichten über eine Längsschnittuntersuchung zur Lese-, Rechtschreib- und Mathematikleistung in der Grundschule über die Rolle von Vorwissen, Intelligenz und phonologische Bewusstheit. Die Unterschiede in den Leistungen scheinen nach Analysen der Autoren entwicklungsstabil. Sie unterstreichen die Bedeutsamkeit des kumulativen Wissensaufbaus.

Unter Nutzung der gymnasialen Längsschnittdaten der LAU-Studie (Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung an Hamburger Schulen) behandelt Rainer H. Lehmann die Problematik der Leistungsdifferenz im Fach Mathematik zwischen Mädchen und Jungen. Die LAU-Daten bestätigen Niveau-Unterschiede in den Mathematikleistungen zu ungunsten der Mädchen bei gleichzeitig parallelem Entwicklungsverlauf der beiden Gruppen. Lehmann argumentiert, dass die Leistungsunterschiede nicht als im schulischen Entwicklungsmilieu begründet gesehen werden können, sondern dass individuelle Effekte sehr dominant zu sein scheinen. Um Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen auszugleichen, scheinen nach Einschätzung des Autors Interventionen bereits in der Primarstufe nötig.

Bernhard Wolf untersucht aus längsschnittlicher Perspektive das Merkmal Persistenz und stellt anhand seiner Analysen Möglichkeiten der Nutzung des repräsentativen Designs von Brunswik dar.

Die Frage nach den Ursachen und der Stabilität von athletischen Selbstkonzepten und der eigenen motorischen Leistungen im Grundschulalter werden von Jutta Ahnert und Wolfgang Schneider untersucht. Die Ergebnisse weisen auf die im Laufe des Grundschulalters zunehmende Bedeutung externer Leistungskriterien für die Entwicklung des athletischen Selbstkonzepts hin. Entsprechend sollten Programme zur Förderung motorischer Kompetenzentwicklung gerade im Vorschul- und frühen Grundschulalter ein positives Feedback über das tatsächliche Lernergebnis geben.

In den folgenden Abschnitten werden theoretische Überlegungen und empirische Analysen zu „Grundlagen von Lehr-Lern-Prozessen“ dargestellt. Peter Nenninger beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dem Konzept des selbstgesteuerten Lernens im berufspädagogischen Kontext und arbeitet in seinen Reflexionen dessen Gelingensbedingungen heraus. Daraus entwickelt der Autor die Forderung, die Abfolgen und Bedingungen für Selbststeuerung stärker theoretisch zu fundieren sowie die notwendigen motivationalen und kognitiven Aspekte genauer zu analysieren.

Über Ermöglichen und Erleichtern von Lernprozessen mit der Hilfe von Multimedia-Umgebungen geht es in dem Beitrag von Thorsten Rasch und Wolfgang Schnotz. Sie stellen eigene empirische Studien dar, in der sie die unterschiedliche Wirkung von Animationsbildern und Simulationsbildern beim Lernen aus einem Sachtext untersuchen. Die Teilnehmer der Untersuchung waren Universitätsstudenten; ihr Vorwissen und ihre kognitiven Voraussetzungen wurden im Rahmen der Analysen kontrolIiert. Es zeigte sich eine differenzielle Wirkung der beiden Impulse. Die Autoren problematisieren am Ende ihres Beitrags den Einsatz von Multimedia beim Lernen, der bei schwierigen Aufgaben lernerleichternd sein kann, jedoch die Gefahr birgt, die Lernaufgaben zu sehr zu vereinfachen und dadurch lernrelevante Prozesse zu behindern.

Alexander Renkl und Kollegen legen sechs Thesen zu instruktionalen Erklärungen beim Erwerb kognitiver Fähigkeiten vor, die sie anhand aktueller empirischer Forschungsliteratur diskutieren und bewerten. Die Thesen stellen eine Zusammenfassung der wichtigsten Befunde zu instruktionalen Erklärungen beim Erwerb kognitiver Fertigkeiten dar und machen ihre relative Ineffizienz deutlich. Die aufgestellten Thesen sollen einen heuristischen Rahmen aufspannen, der helfen kann, grobe Fehler im Instruktionsverhalten zu vermeiden, und der einen Ausgangspunkt für weitere Forschung an der Thematik bilden kann.

Die nächsten Artikel behandeln den „Unterricht und unterrichtliche Einflussfaktoren“.
Der Frage nach Dimensionen von Unterrichtsqualität im Mathematikunterricht wird von Kristina und Matthias Reiss unter Verwendung des Angebots-Nutzungs-Konzepts nachgegangen. Unterrichtsqualität ist ein vielschichtiges Phänomen, in dem fachliche, fachdidaktische, pädagogische und psychologische Aspekte zusammenspielen. Die Auswahl von Inhalten und Zielen sowie ihre unterrichtliche Umsetzung sollten im Rahmen passender Lernumgebungen im Hinblick auf die angestrebten Kompetenzen entwickelt werden, ohne dabei außerfachliche Zielsetzungen außer Acht zu lassen.

Der Verknüpfung von linguistischer, sprachdidaktischer und pädagogisch psychologischer Forschung widmet sich Albert Bremerich-Voss in seinem Beitrag zur Videografie des Deutschunterrichts. Er stellt auszugsweise eine fachdidaktische Analyse von Unterrichtstranskripten aus zwei Deutschunterrichtsstunden vor. Unter Betrachtung der eigenen Analysen kommt der Autor zu dem Schluss, dass neben der fachdidaktischen Analyse weitere Perspektiven in die Betrachtung von Unterricht integriert werden müssen.

Bernd Bossong untersucht die Genese von Fähigkeitsselbstkonzepten in der Grundschule vor dem Hintergrund der wahrgenommenen Sympathie und der Fähigkeitseinschätzung der Lehrperson an einer Stichprobe von 231 Schülerinnen und Schülern der dritten und vierten Grundschulklasse. Seine Analysen weisen darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler dieser Klassenstufe bereits sehr gut zwischen Sympathie- und Fähigkeitszuschreibung ihrer Lehrperson unterscheiden können. Sie identifizieren die Fähigkeitszuschreibung ihrer Lehrperson auch nicht allein aus der Notengebung, sondern nutzen multiple Informationen für die Einschätzung derselben. Die Ergebnisse sind nach Einschätzung des Autors an einer größeren Stichprobe zu prüfen, um eventuell bestehenden Verzerrungseffekten entgegenzuwirken.

Den Abschluss des Herausgeberwerkes bilden Fragen der „Evaluation und die Nutzung von Evaluationsergebnissen“ für die Entwicklung der schulischen Praxis.
Die Entwicklung einer neuen Evaluationskultur im Übergang von einer input- zu einer output-orientierten Steuerung an unseren Schulen machen Claudia Harsch und Konrad Schröder vor dem Hintergrund der Situation im Fremdsprachenunterricht deutlich. Sie problematisieren die Leistungsanforderungen und deren Operationalisierung und kommen zu dem Ergebnis, dass Leistungsmessungen verständlich an die Lehrpersonen und Schulleiter zurückgemeldet werden müssen und dass es eines pädagogisch adäquaten Umgangs mit den Ergebnissen eines Konzepts bedarf, das aus „der Schule heraus zu entwickeln ist“.

Zum Abschluss des Herausgeberbandes greifen Ingmar Hosenfeld, Friedrich-Wilhelm Schrader und Tuyet Helmke den Umgang mit Ergebnisrückmeldungen in Leistungsstudien vor dem Hintergrund der Studien MARKUS, VERA und WALZER auf. Sie thematisieren die in den Studien aufgetretenen Probleme und entwickeln daraufhin Perspektiven für die schulische und unterrichtliche Entwicklung. Die Leistungsrückmeldung sollte vor allem die diagnostische Kompetenz von Lehrkräften stärken und darüber hinaus die Instruktionskompetenz der Lehrkräfte durch verhaltensnahe und anschauliche Rückmeldeformate fördern. Da die Analyse von Unterrichtsvideos sehr zeit- und kostenintensiv ist, schlagen die Autoren vor, Lehrkräfte zukünftig selbständig zur Analyse des Unterrichts zu ermuntern und zu befähigen. Das aus den vorgestellten Studien erkennbare Interesse von Schulen und Lehrkräften wird von den Autoren als Hinweis eingeschätzt, Ergebnisrückmeldungen zukünftig als Baustein zur Schul- und Unterrichtsentwicklung noch stärker nutzbar zu machen.

Aufgrund der Vielfalt der Themen und Zugangsweisen wird dieser Band vermutlich nicht im Ganzen gelesen, sondern die interessierte Leserin bzw. der interessierte Leser greift sich die Artikel heraus, die im Hinblick auf die eigene Arbeit relevant erscheinen. Es ist durchaus vorstellbar, den einen oder anderen Artikel in Lehrveranstaltungen einzubringen. Dennoch ist dieses Herausgeberwerk kein Lehrbuch und will es auch nicht sein. Es spiegelt die für die Weiterentwicklung von Fragestellungen der Lern- und Leistungsbedingungen von Schülerinnen und Schülern wichtige zukunftsweisende Kooperation zwischen empirischer Bildungsforschung und Fachdidaktik wider. Der Band stellt eine gelungene Zusammenstellung von Beiträgen hochrangiger Autoren dar, die für die empirische Bildungsforschung relevante Themen aufgreifen. Besonders hervorzuheben ist, dass die meisten Autoren sich die Mühe machen, aus den eigenen Forschungsbeiträgen einen Bezug zur schulischen und unterrichtlichen Praxis herzustellen. Der Herausgeberband richtet sich an ein fachwissenschaftliches Publikum, ist aber auch für fortgeschrittene Studierende und für interessierte Praktiker geeignet.
Kerstin Göbel (Wuppertal)
Zur Zitierweise der Rezension:
Kerstin Göbel: Rezension von: Hosenfeld, Ingmar / Schrader, Friedrich-Wilhelm (Hg.): Schulische Leistungen, Grundlagen, Bedingungen, Perspektiven. Münster: Waxmann 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 4 (Veröffentlicht am 26.07.2007), URL: http://klinkhardt.de/ewr/83091565.html