EWR 2 (2003), Nr. 4 (Juli/August 2003)

Merle Hummrich
Bildungserfolg und Migration
Biographien junger Frauen in der Einwanderungsgesellschaft
Opladen: Leske und Budrich 2002
(350 Seiten; ISBN 3-8100-3429-0; 36,00 EUR)
Bildungserfolg und Migration Der Titel und der Umschlag des hier besprochenen Bandes von Merle Hummrich, dem eine erziehungswissenschaftliche Dissertation an der Universit├Ąt Mainz zugrunde liegt, legen nahe, dass Gegenstand des Buches der Zusammenhang zwischen Erfolg im Bildungssystem und Migration in einem Sinne sei, wie er gegenw├Ąrtig in Reaktion auf PISA viel diskutiert wird. Der Band wird daher in der Titelsammlung all derer auftauchen, die nach sozialwissenschaftlicher Literatur zu diesem Thema "googlen". Damit werden sie jedoch zun├Ąchst irre-, wenn auch nicht unbedingt fehlgeleitet. Gegenstand des Buches sind zwar in der Tat junge bildungserfolgreiche Migrantinnen, die Autorin interessiert aber vor allem die Frage, wie diese Migrantinnen "Sozialisations- und Transformationserfahrungen in ihrer Subjektkonstruktion" verarbeiten. F├╝r die schulische Bildungsdebatte ist das Buch also zun├Ąchst nur mittelbar interessant, sofern man n├Ąmlich davon ausgeht, dass die subjektiven Erfahrungs- und Verarbeitungsmodi von Migrantinnen bez├╝glich der f├╝r sie g├╝ltigen Lebensbedingungen bedeutsam f├╝r Bildungsaufstiegsprozesse selbst sind. Hummrich selbst geht auf die erziehungswissenschaftlichen und p├Ądagogischen Konsequenzen ihrer Arbeit nur kurz im letzten Kapitel ein.

Unter "Subjektkonstruktion" versteht Hummrich allgemein den Aspekt des Selbstpr├Ąsentationsmodus von Individuen, aus dem hervorgeht, inwieweit vergangene oder gegenw├Ąrtige Handlungen von diesen sich selbst als eigenverantwortliche, selbstbestimmte oder fremdbestimmte Entscheidungen zugerechnet werden und inwiefern sie daher das, was sie sind bzw. als was sie sich und anderen gelten, als Ausdruck von Autonomie oder Heteronomie markieren. Kurz: Im Modus ihrer Selbstpr├Ąsentation bestimmen und entwerfen sich Individuen mehr oder weniger als Subjekte oder eben Objekte der Handlungszusammenh├Ąnge, die sie als f├╝r sich selbst relevante in der Zeit beschreiben. Da die Rede ├╝ber die Vergangenheit immer ein Modus des Operierens in der Gegenwart ist, ├╝berrascht es nicht, dass Hummrich die genannten Verarbeitungsprozesse von bildungserfolgreichen Migrantinnen durch biographische Interviews zu erfassen sucht. Das Buch von Hummrich besteht daher aus der Analyse von 6 biographischen Interviews mit studentischen Migrantinnen, die sie unter R├╝ckgriff auf Verfahren der Objektiven Hermeneutik und der Sch├╝tzeÔÇÖschen Biographieanalyse analysiert.

Theoretisch geht Hummrich davon aus, dass Migrantinnen den Bildungsprozess in Auseinandersetzung mit den drei "Vergesellschaftungsformen Klasse, Geschlecht und Ethnizit├Ąt" als "ungleichheitsstiftende Faktoren" durchlaufen ÔÇô Bildungsprozess dabei verstanden immer in einem doppelten Sinne: empirisch als Durchlauf des Bildungssystems in Relation insbesondere zu den Erwartungen der Familie/Verwandtschaft, den Organisationen des Bildungssystems und seines Personals (insbesondere Lehrer) sowie der peers; kategorial als Bildungsprozess der Migrantinnen zu mehr oder weniger autonomen Subjekten. Als zentrale Bedingung f├╝r solche Bildungsprozesse gelten ihr also die Ungleichheitsverh├Ąltnisse der modernen Gesellschaft und sie fragt danach, wie diese in Bildungsprozesse der von ihr befragten Migrantinnen hineinragen, in ihren biographischen Sinnverarbeitungsprozessen zur Geltung kommen und diese insbesondere mit Bezug auf die Erfahrung von Autonomie vs. Heteronomie strukturieren.

Das Buch besteht in seinem Kern im Anschluss an zwei Kapitel zu Theorie und Methode der Studie zu ca. 160 Seiten aus der Analyse der sechs Einzelf├Ąlle sowie einem anschlie├čenden vergleichenden Kapitel. Den Schluss bildet ein Versuch zur Typenbildung sowie eine "theoretisierende Schlussbetrachtung". Sein Verdienst besteht zum einen darin, dass mit solchen Arbeiten wie der vorliegenden an etwas erinnert wird, was man f├╝r eine Selbstverst├Ąndlichkeit halten sollte, w├Ąre es nicht anders: Wer etwas ├╝ber die Bedingungen von Erfolg lernen will, sollte nicht vor allem Misserfolge untersuchen. Genau darauf konzentriert sich aber h├Ąufig die Migrationsforschung im Falle der Bildungskarrieren von Migranten. Zum anderen vermittelt die Arbeit von Hummrich durch ihren sehr genauen Untersuchungsstil einen Einblick in die ├╝berraschenden Konstellationen, unter denen Migrantinnen der zweiten Generation Bildungsaufstieg als Bew├Ąltigung der Herausforderungen gelingt, mit denen sie famili├Ąr sowie aufgrund des sozialen Status ihrer Eltern, der schulischen Bew├Ąltigungsformen von Migration sowie von verschiedenen Formen der Fremdheitszuschreibung konfrontiert sind. Sie f├╝hrt dabei nicht nur die Differenziertheit der famili├Ąren Migrationshintergr├╝nde vor Augen, sondern verdeutlicht vor allem eindringlich, wie wenig einschl├Ągige Stereotype ├╝ber patriarchale Strukturen, die Rolle von M├╝ttern und V├Ątern, ├╝ber Tradition und Moderne etc. weiterhelfen und welch ├╝berraschende Optionen sozialer Mobilit├Ąt von den befragten Migrantinnen in migrations- und sozialstatusbedingt verwickelten Konstellationen entdeckt und ergriffen werden. In der Analyse (oder vorsichtiger: der Pr├Ąsentation) der F├Ąlle wird deutlich, dass Bildungsaufstieg f├╝r die Befragten sehr Verschiedenes bedeutet, von diesen teils als fremd-, teils als selbstbestimmt, mal als ├ťbereinstimmung und Fortsetzung famili├Ąrer Tradition und Erwartungen und mal als Bruch damit konzipiert wird. F├╝r die erziehungswissenschaftliche ebenso wie f├╝r die ├Âffentliche Diskussion ├╝ber die Bedingungen des Erfolgs von Migrantinnen k├Ânnen diese Differenzierungen nur hilfreich sein.

In normativer Absicht geht es Hummrich in ihren einzelnen Analysen immer auch um die Bestimmung des Autonomiepotentials (im Gegensatz zu Heteronomiepotential), das sie mit den Modi der "Subjektkonstruktion" verbunden sieht. In dem abschlie├čenden Teil nach der vergleichenden Analyse der F├Ąlle pr├Ąsentiert sie entsprechend eine Typologie, in der sie die F├Ąlle danach sortiert, welches diesbez├╝gliche Potential sowie welche damit verbundenen Formen der "transformativen" oder "reproduktiven Erfahrungsverarbeitung" sie mit diesen verbunden sieht. Auf diese Typologien soll hier nicht im einzelnen eingegangen werden. In ihnen wird jeweils weitgehend wiederholt, was zuvor schon ausgef├╝hrt ist, und es bleibt offen, welcher Generalisierungsanspruch damit eigentlich verbunden werden soll/kann. Dar├╝ber hinaus wirken sie zudem ebenso wie das Schlusskapitel nach der Lekt├╝re des Buches bis zu dem entsprechenden Kapitel vor allem aus methodischen Gr├╝nden ein wenig angestrengt. Das gilt ├Ąhnlich f├╝r viele Passagen der Fallanalysen. Das soll abschlie├čend begr├╝ndet werden.

Hummrich verortet sich mit ihrer Arbeit wie ausgef├╝hrt im Bezugsrahmen der soziologischen Biographieforschung sowie der Objektiven Hermeneutik und unterwirft sich methodisch Standards der Analyse, die sie dazu veranlassen, sehr detailgenau zu analysieren ÔÇô und darin besteht wie ausgef├╝hrt gegenstandsbezogen auch das zentrale Verdienst der Arbeit. Diese Standards werden dann aber in vielen Hinsichten nicht eingehalten. Man z├Âgert aus einem einfachen Grund zun├Ąchst, ihr dies entgegenzuhalten: Forschungen auf der Grundlage der sog. qualitativen Verfahren tun sich bis heute wiederkehrend schwer damit, eine angemessene Pr├Ąsentationsform f├╝r ihre Ergebnisse zu finden. Alle Versuche, die Schwierigkeit zu l├Âsen, dass die interpretative Analyse der empirischen Materialien als Rekonstruktion der operativen Struktur von Sozialit├Ąt immer auch einen Teil der Forschungsergebnisse ausmacht, dies aber den Rahmen der Darstellung sprengt, laufen Gefahr, zu "faulen Kompromissen" zu geraten. Das ist der Autorin nicht individuell anzulasten ÔÇô zumal sie, was positiv zu vermerken ist, die Erzeugungssituation ihrer Daten, das Interview, ├╝berzeugend als eigenst├Ąndige, konstitutive soziale Strukturbedingung f├╝r die Erzeugung ihrer Daten analysiert. Der von ihr gew├Ąhlte Darstellungsmodus bleibt aber leider in vielen Hinsichten nicht folgenlos f├╝r den systematischen Ertrag des Buches. Nachfolgend seien einige solche methodischen Schwierigkeiten benannt.

a) Wer sich durch die Analysen von Hummrich im Detail hindurch liest und die Argumentation nachzuvollziehen versucht ÔÇô und eben dies wird f├╝r die ersten beiden Analysen versprochen: Nachvollziehbarkeit ÔÇô, der ├Ąrgert sich, wenn mitten in der Analyse pauschal auf Interviewpassagen verwiesen wird, die die vorgetragene Interpretation abst├╝tzen sollen, ohne dass zumindest diese Passagen, wenn schon nicht die Analysen zug├Ąnglich gemacht werden. Wozu wird man aufgefordert nachzuvollziehen? Dann ist es konsequenter, wenn die Ergebnisse gleich summarisch vorgetragen werden. Zu vermuten ist, dass hier passagenweise einfach gek├╝rzt worden ist, und das f├╝hrt dann zu den genannten Unstimmigkeiten.

b) Die Autorin beruft sich f├╝r ihre Analysen darauf, dass es sich um die Zusammenfassungen von mehrst├╝ndigen Interpretationssitzungen in einschl├Ągigen Forschungskolloquien handele. Kriterium der Analyse k├Ânnen aber nat├╝rlich nicht die Ergebnisse solcher Sitzungen sein, sondern ausschlie├člich die sprachlichen und parasprachlichen Formen der Kommunikation in den transkribierten Daten. Hier finden sich aber einige ziemlich grobe Schnitzer: So ist wiederkehrend von Erz├Ąhlungen die Rede, auch wenn die Befragten ganz offensichtlich nicht erz├Ąhlen, sondern begr├╝nden, berichten o.├Ą. Dies zu vermerken, mag auf den ersten Blick pingelig erscheinen, systematisch bedeutsam ist dies aber dort, wo im gleichen Zusammenhang von "biographischer Gesamtformung" und "immanenten und exmanenten Nachfrageteilen" die Rede ist. Vorausgesetzt sind damit n├Ąmlich Narrationen und die f├╝r Sch├╝tze und seine Schule daraus resultierenden Gestaltschlie├čungszw├Ąnge. St├╝tzt man sich in der Analyse auf solche Annahmen, dann sind auch die entsprechenden formalen Bedingungen einzuhalten.

c) An verschiedenen Stellen wird reklamiert, dass in der Analyse strikt sequenziell vorgegangen werde. Aber schon in der ersten ausf├╝hrlichen Analyse wird z.B. Migration extern als relevante Interpretationsfolie f├╝r die ├äu├čerungen der Befragten eingef├╝hrt. Vielleicht muss man sich ja an solche Regeln gar nicht halten (obwohl dies f├╝r die Interpretation des Falles m.E. folgenreich w├Ąre, was hier nicht ausgef├╝hrt werden kann). Es geh├Ârt aber zu einer weiteren Misslichkeit des Buches, dass es sich ├╝ber weite Passagen einen methodischen und theoretischen Argumentationsstil zu eigen macht, wie er aus der "Frankfurter Schule der Objektiven Hermeneutik" vertraut ist. Dieser ger├Ąt in seiner reklamierten Rigorosit├Ąt schnell zum Gestus und damit zum Jargon, wenn er substantiell nicht eingel├Âst wird. In dem Text von Hummrich schl├Ągt sich dies u.a. in ihrer Verwendung des Hypothesenbegriffs sowie der Begriffe Widerspruch, Paradoxie/Antinomie/Ambivalenz nieder. Zwei Beispiele: 1) Es irritiert, wenn wiederkehrend von "riskanten Strukturhypothesen" gesprochen wird, die "gewagt" werden, ohne dass recht ersichtlich wird, was eigentlich riskiert wird. Im Verlauf der Analysen kommt es auch zu keiner Verwerfung der "riskierten Hypothesen". Im Durchgang durch den Text wird dieser heroische Sprachduktus damit zunehmend unangenehm. 2) Die Verwendung der Terminologie von Widerspruch, Paradoxie und Antinomie im Text ist ausgesprochen un├╝bersichtlich und passagenweise inflation├Ąr. Es will oftmals nicht recht einleuchten, warum es sich um Widerspr├╝che oder Paradoxien handelt: Was ist paradox daran, dass ein Vater es aufgrund seiner "patriarchalen Macht" und auf der Basis von "Fremdbestimmung" seiner Tochter erm├Âglicht, zu studieren und einen frauenatypischen Beruf zu ergreifen (S. 259). Das mag ├╝berraschend sein, es bleibt aber hier wie an vielen anderen Stellen unklar, was mit der Belegung solcher Handlungsweisen als paradox, antinom etc. gewonnen ist.

d) Zu Beginn des Buches wird theoretisch von der Relevanz der drei ungleichheitserzeugenden Vergesellschaftungsformen Klasse/Geschlecht/Ethnizit├Ąt ausgegangen. Nun besteht ein Vorteil und damit auch eine Herausforderung f├╝r interpretative Verfahren genau darin, die Relevanz solcher gesellschaftstheoretischen Strukturannahmen im Detail zu erweisen, d.h. als g├╝ltigen Strukturierungszusammenhang, an dem Individuen ihr Handeln ausrichten m├╝ssen. Man kann starke Zweifel daran haben, ob der gew├Ąhlte Rahmen theoretisch ├╝berzeugend ist oder ob nicht unter modernisierungstheoretischen Gesichtspunkten (die dann in der Arbeit eine viel gr├Â├čere Rolle spielen, als zu Beginn angek├╝ndigt) eine Auseinandersetzung mit funktionalen Differenzierungstheorien n├Ąher gelegen h├Ątte. Das ist aber hier nicht entscheidend, sondern wichtiger ist, dass die Arbeit erst in den abschlie├čenden Kapiteln auf diesen Rahmen zur├╝ckkommt und die Analysen gewisserma├čen darunter subsumiert ÔÇô f├╝r Objektive Hermeneuten bekannterma├čen der S├╝ndenfall. Wer sich ├╝ber den S├╝ndenkatalog dieser Schule nicht zu viele Sorgen macht, wird gleichwohl registrieren, dass die Autorin es damit vers├Ąumt, die Erschlie├čungskraft des gew├Ąhlten Theorierahmens wirklich auszuprobieren. Das h├Ątte im Detail einiges erbringen k├Ânnen, wie ÔÇô nach eigenem Ausprobieren ÔÇô im detaillierten Durchgang durch den ersten Fall leicht gezeigt werden k├Ânnte. Man fragt sich dann in diesem Zusammenhang allerdings, warum die Autorin es vers├Ąumt, ├╝ber den Bezug auf die modischen Modelle der "dreifachen Vergesellschaftung" und Bourdieu hinaus auf klassische Untersuchungen zur sozialen Aufsteigerproblematik einzugehen, wo vieles von dem vorformuliert ist, was das Buch dann schlie├člich an Einsichten erbringt (oder auch wiederholt).

Fazit: Merle Hummrichs Buch ist ein verdienstvolles Buch, so weit es detaillierte Einblicke in die verschlungenen Konstellationen erlaubt, unter denen es Migrantinnen der Zweiten Generation gelingt, das Bildungssystem erfolgreich zu durchlaufen. In methodischer und theoretischer Hinsicht vermag das Buch weniger zu ├╝berzeugen. Es mutet sich (und dem Leser) zu viel zu und wird dadurch in seiner Durchf├╝hrung wie in seinem Ertrag un├╝bersichtlich.
Michael Bommes (Osnabr├╝ck)
Zur Zitierweise der Rezension:
Michael Bommes: Rezension von: Hummrich, Merle: Bildungserfolg und Migration, Biographien junger Frauen in der Einwanderungsgesellschaft, Opladen: Leske und Budrich 2002. In: EWR 2 (2003), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.08.2003), URL: http://klinkhardt.de/ewr/81003429.html