EWR 1 (2002), Nr. 2 (April/Mai 2002)

Margret Aull-F├╝rstenberg
Lebensl├╝ge Hitler-Jugend
Aus dem Tagebuch eines BDM-M├Ądchens
Wien: Ueberreuter 2001
(204 Seiten; ISBN 3-8000-3808-0; 14,90 EUR)
Lebensl├╝ge Hitler-Jugend Autobiographische Schriften sind eine gesch├Ątzte Quelle in der bildungshistorischen Forschung, besonders, wenn es sich um die Zeit des Nationalsozialismus handelt. Darum erregt ein Buch mit dem Titel "Lebensl├╝ge Hitler-Jugend" Aufsehen, zumal wenn es um den weiblichen Teil der Hitler-Jugend, den Bund Deutscher M├Ądel (BDM) geht, ├╝ber dessen Wirkungen kontroverse Urteile gef├Ąllt wurden. So lautet eine These, dass die M├Ądchen, die den BDM durchliefen, lediglich eine Scheinidentit├Ąt aufgebaut h├Ątten (vgl. Martin Klaus: M├Ądchen im 3. Reich. Der Bund Deutscher M├Ądel. 3., aktualis. Aufl. K├Âln 1998), w├Ąhrend nach anderen Studien zumindest die BDM-F├╝hrerinnen den BDM als identit├Ątsbildenden Ort kennengelernt haben (vgl. Dagmar Reese: Straff, aber nicht stramm - herb, aber nicht derb. Zur Vergesellschaftung von M├Ądchen durch den Bund Deutscher M├Ądel im sozialkulturellen Vergleich zweier Milieus. Weinheim, Basel 1989).

Man ist darum froh, neues Material in die Hand zu bekommen, anhand dessen man diese und andere Thesen pr├╝fen kann. Doch in dieser Hinsicht wird man, dies vorweg, von dem vorliegenden Band herb entt├Ąuscht. Die Lebensgeschichte, die Margret Aull-F├╝rstenberg hier vorlegt, reicht von der fr├╝hen Kindheit vor 1933 bis ins Erwachsenenalter in der Nachkriegszeit. Die Zeit des Nationalsozialismus macht darin nur einen Teil aus, und die Zeit im BDM wiederum nimmt einen noch kleineren Anteil an der Darstellung ein. Lediglich etwas mehr als ein Drittel des Berichts sind der Zeit beim BDM gewidmet.

Dieser Abschnitt bringt dann insgesamt kaum Neues zur Geschichte des BDM und zur subjektiven Erfahrung BDM. Die positive Haltung zum BDM als Raum von Aktivit├Ąt bei Ablehnung mancher ├ťbersteigerungen wird deutlich, an einer Stelle auch die Instrumentalisierung, wenn durch die selbst in Gang gebrachte Anforderung als BDM-F├╝hrerin die Zeit beim Arbeitsdienst verk├╝rzt wird. Die Reflexionen der Autorin sind jedoch sehr allgemein und oberfl├Ąchlich gehalten und insgesamt wenig ergiebig.

Hinzu kommt, dass Titel und Untertitel zweifach (ent-)t├Ąuschen. Der Titel suggeriert, dass die Zeit beim BDM das Hauptthema w├Ąre, was sich bei der Lekt├╝re eindeutig als unzutreffend erweist. Der Untertitel verspricht zudem eine Quellengattung, die in dem Buch nicht vorkommt: Das "Tagebuch", das hier genannt wird, wird lediglich als Grundlage f├╝r eine Erz├Ąhlung genutzt, nicht selbst wiedergegeben. Nun mag man sich fragen, ob das Tagebuch tats├Ąchlich viel interessanter w├Ąre als die Erz├Ąhlung, die daraus entstanden ist. Zumindest w├╝rde der Abdruck des Tagebuches aber (bei allen quellenkritischen Bedenken) einen direkteren Zugang zu der vergangenen Erfahrung erm├Âglichen als die vorliegende Erz├Ąhlung.

Auch das Nachwort der fr├╝heren Professorin f├╝r Geschichte an der Universit├Ąt Wien, Erika Weinzierl, kann an dem negativen Gesamteindruck nichts ├Ąndern. Im ersten Teil des Nachworts referiert sie auf der Ebene eines Seminars im historischen Grundstudium Fakten zur Geschichte der Hitler-Jugend und des Arbeitsdienstes, im zweiten Teil erz├Ąhlt sie die Geschichte Aull-F├╝rstenbergs schlicht nach. Der Erkenntnisgewinn ist auf diese Art und Weise ├Ąu├čerst gering.

Fazit: Als Indikator der subjektiven "Vergangenheitsbew├Ąltigung" ist der Band f├╝r die Autorin selbst sicher von hoher Bedeutung, als Quelle f├╝r die bildungshistorische Forschung ist das Buch jedoch kaum zu gebrauchen.
Klaus-Peter Horn (Berlin/Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Klaus-Peter Horn: Rezension von: Aull-F├╝rstenberg, Margret: Lebensl├╝ge Hitler-Jugend, Aus dem Tagebuch eines BDM-M├Ądchens, Wien: Ueberreuter 2001. In: EWR 1 (2002), Nr. 2 (Veröffentlicht am 00.04.2002), URL: http://klinkhardt.de/ewr/80003808.html