EWR 4 (2005), Nr. 2 (März/April 2005)

Edith Glaser / Dorle Klika / Annedore Prengel (Hrsg.)
Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft
Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2004
(704 S.; ISBN 3-7815-1323-8; 39,90 EUR)
Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft Verschiedene Jubiläen oder Geburtstage von Wissenschaftler/innen sind immer wieder ein besonderer Anlass für die Disziplin, sich einem Themenfeld zuzuwenden. Eine solche Gelegenheit nutzten auch Edith Glaser, Dorle Klika und Annedore Prengel, indem sie sich für die Herausgabe des "Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft" entschieden haben. Mit diesem Veröffentlichungstyp sind bestimmte Erwartungen, Ansprüche und Ziele verknüpft, die sie in ihrem einleitenden Kapitel darlegen. Neben der Bilanzierung, der Markierung und der damit verbundenen Etablierung des Forschungsgegenstandes "Frauen- und Geschlechterforschung/Gender" in die wissenschaftliche Debatte der Bezugsdisziplin, hier der "Erziehungswissenschaft", besteht die Leistung eines Handbuches in der Service-Funktion für die Lesenden (11f).

Die von den Autor/innen angesprochenen Zielgruppen des Handbuches sind vielfältig: Es richtet sich sowohl an Wissenschaftler/innen und Studierende als auch an in der pädagogischen Praxis Tätige, verbunden mit dem Anspruch, die erziehungswissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung in allen pädagogischen Bereichen zu stärken und zu fördern (9). Aus wissenschaftlicher Perspektive bieten die reichhaltigen Anmerkungen und die – leider im Druck allzu dicht gesetzten – Literaturverweise am Ende der Beiträge zahlreiche Anknüpfungspunkte für die weitere Auseinandersetzung. Die Interdisziplinarität des Forschungsfeldes wird von den Autor/innen über vielfältige Zitate und kurzgefasste Exkurse auf Nachbardisziplinen sowie anknüpfende Themengebieten illustriert. Die Einteilung des Handbuches in vier Kapitel bietet den Lesenden eine sinnvolle erste Orientierungshilfe, sich für oder wider einzelne Beiträge zu entscheiden. Die gelungene Systematisierung der Forschungsfülle wird überdies durch die Autor/innen und deren unterschiedliche Sichtweise widergespiegelt.

Im ersten Kapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit "Theoretische(n) Perspektiven auf die erziehungswissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung". Anschließend werden "Bildungshistorische Zugänge der Frauen- und Geschlechterforschung" beschrieben, im dritten "Gender in Teildisziplinen und Handlungsfeldern" dargestellt und im abschließenden Kapitel "Methodologie und Forschungszugänge" aufgezeigt. Die Service-Funktion begründet sich zum einen formal in der Berücksichtigung eines zweckmäßigen Sach- und vollständigen Namensregisters sowie des Autor/innenverzeichnisses im Anhang. In dem Autor/innenverzeichnis werden leider lediglich Titel, Namen und die derzeitigen Universitätszugehörigkeiten aufgeführt – einige Zeilen zur Vita und zu den Forschungsschwerpunkten wären an dieser Stelle sicherlich hilfreich gewesen. Zum anderen besteht die weitere Service-Leistung des Handbuches in der inhaltlich geordneten Auseinandersetzung, d.h. der kritischen Bestandsaufnahme und zugleich der Bewahrung bisheriger Erkenntnisse. Diese wurde vor dem Hintergrund der rund 25-jährigen Frauen- und Geschlechterforschung und ihrer Praxis vorgenommen, wobei die historischen Prozesse der Frauen- und Geschlechterforschung nicht ausgeblendet werden, sondern im Kapitel 2 zumindest mit vier Beiträgen explizit Berücksichtigung finden. Ferner integrieren die Autor/innen in den verschiedenen Beiträgen vielfach die historischen Verläufe.

Darüber hinaus ist die Veröffentlichung dieses Handbuches, so die Herausgeberinnen, als eine Anregung für die zukünftige Genderforschung zu verstehen, "... die dann die hier gewählte Ordnung des Wissens revidieren und neue Systematisierungen vornehmen werden" (12).

Sowohl anhand Auswahl der Autor/innen als auch angesichts der divergenten Zugänge zum Forschungsgegenstand wird deutlich, dass die Herausgeberinnen die kritische Diskussion vorantreiben wollen. Zudem wird einzelnen Autor/innen die Chance gegeben, sich dem Feld aus veränderten Perspektiven zuzuwenden und bisherige Ansätze zur Diskussion zu stellen. Des Weiteren ist es den Herausgeberinnen gelungen, die Autor/innen zu einem vergleichbaren Strukturaufbau ihrer Beiträge aufzufordern – oder sie haben in gewiss mühevoller Arbeit die Beiträge in eine einheitliche Form gebracht. Den Lesenden bietet sich so jeweils eine kritische Würdigung des aktuellen Erkenntnisstandes vor dem Hintergrund früherer Ergebnisse und am Ende der Beiträge wird ausdrücklich auf Forschungsdesiderata hingewiesen.

Der Verbindung zwischen Geschlecht bzw. Gender und Erziehungswissenschaft, den zwei zentralen Begriffen des Handbuchtitels, wenden sich Edith Glaser und Karin Priem noch vor dem ersten Kapitel aus der Perspektive der Wissenschaftsforschung zu. Dieser gelungene Beitrag macht deutlich, dass die Verknüpfung der zwei zentralen Themen auf der Basis der bisherigen Forschung ernsthaft verfolgt wird; zudem wird dieses über die zahlreichen Literaturhinweise aufschlussreich belegt.

Im Vordergrund des Kapitel 1 stehen die theoretischen Perspektiven. Stellvertretend für die 17 Beiträge in diesem Kapitel seien hier nur einige erwähnt. Der von Dorle Klika zu Beginn des ersten Kapitels vorgestellte bildungstheoretische Beitrag bietet den erziehungswissenschaftlich interessierten Lesenden einen guten theoretischen Einstieg, denn die gewählten disziplinären und interdisziplinären Bezüge und die daraus entwickelte Argumentation sind sehr anschaulich. Zunächst beleuchtet sie Bildungstheorien in der feministischen Kritik und dann aus feministischer Perspektive, abschließend kommt sie zu einem bündigen Ausblick. Wenngleich die dichte Textfülle von Beschreibungen der Differenz bzw. der Zusammenhänge zwischen Subjekt und Welt, der Betrachtungen zum Subjekt selbst, vor dem Hintergrund verschiedener Ansätze aufgezeigt werden, gelingt es ihr, die vielfältigen Bezüge zu Bildungsprozessen kurz darzulegen (34f). Johanna Hopfner fordert die Forschenden mit ihrem "Phänomenologischen Beitrag" auf, sich auf dieses "theoretische Abenteuer" (55) bewusst, in Verknüpfung mit weiteren Methoden, einzulassen. Rita Casale und Sabina Larcher präsentieren eine, wie sie sie selbst benennen, Skizze einer Zeichentheorie und einer historischen Semantik als Grundlage der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung, die aufgrund der bisher kaum berücksichtigten Rezeption semiotischer Theorien entworfen wird und dessen Ausgangpunkt zudem "die theoretische Krise des Genderbegriffs" ist (59). Es folgen diskurstheoretische (Karin Amos), perspektivtheoretische (Annedore Prengel), psychoanalytische (Luise Winterhager-Schmidt), konstruktivistische (Hannelore Faulstich-Wieland), kulturhistorische (Barbara Friebertshäuser) und gesellschaftstheoretische (Doris Lemmermöhle) Beiträge und Perspektiven. Ebenso wird ein Blick auf Anregungen aus Philosophie und Psychoanalyse (Barbara Rendtorff) und der Systemtheorie und Geschlechtertheorie (Vera Moser) aufgegriffen. Mit der von Luise Hagemann-White aufgeworfenen Frage "Sozialisation – ein veraltertes Konzept in der Geschlechterforschung?" wird in dem Buch erneut auf die intradisziplinären Forschungsprozesse der Frauen- und Geschlechterforschung verwiesen. Sie beantwortet die Frage differenziert und verdeutlicht zum Ende nochmals die Tragweite des Sozialisationskonzeptes (155). Mit der Verbindung von Geschlechterforschung und Generationenfrage setzt sich Friederike Heinzel überblicksartig auseinander und stellt resümierend fest, dass nur durch eine Kombination verschiedener Forschungsperspektiven das Verhältnis von Generation und Geschlecht erfasst werden kann (172). Hannelore Faulstich-Wieland stellt in ihrem Beitrag Ansätze vor, "... die Geschlecht als Konstruktion im Sinne eines `doing gender´ verstehen" (175). Der übersichtlich gegliederte Beitrag, der mit zahlreichen Beispielen, auch aus einem eigenen Forschungsprojekt zur "Sozialen Konstruktion von Geschlecht in schulischen Interaktionen in der Sekundarstufe I", illustriert wird, veranschaulicht wie empirisch das Doing gender zu beschreiben ist. In diesem Beitrag ist aber weit mehr als nur die Theorie-Praxis Verknüpfung hervorzuheben. Mit ihrem "Blick auf evolvierte Verhaltensstrategien: Anregungen aus der Soziobiologie" streift Annette Scheunpflug ein Themengebiet, welches sich in der Geschlechterforschung kaum widerspiegelt. Die Einwände gegen diese Betrachtungsweise werden von ihr entschärft und sie zeigt vor diesem Hintergrund mögliche Anregungen für die Erziehungswissenschaft auf, wobei die Reichweiten und Grenzen ebenfalls kurz dargestellt werden. Den noch recht jungen Herausforderungen der Queer Theory wendet sich Judith Hartmann konstruktiv kritisch zu. Dass in einem Handbuch für "Gender und Erziehungswissenschaft" ebenfalls ein Beitrag zur Männerforschung zu platzieren ist, ist selbstverständlich. Edgar Forster und Markus Rieger-Ladich stellen die Männerforschung, d.h. ihre geschichtliche Entwicklung und einzelne zentrale Themen, kurz vor, wobei sie knapp auf zwei theoretische Konzepte eingehen. Auch sie schließen ihren Beitrag mit einem Blick auf "Neue Debatten, Bruchstellen, Konfliktlinien" (281).

In den Ausführungen des ersten Kapitels werden die unterschiedlichen Forschungslinien mit ihren Bezügen zum Teil sehr gründlich aufgezeichnet. Es wird deutlich, dass "Gender und Erziehungswissenschaft" ein Forschungskomplex ist, der zum einen trotz der relativ kurzen Zeit der "Frauen- und Geschlechterforschung" viele Fragen aufgeworfen, Problemfelder benannt und empirisch bearbeitet hat. Zum anderen wird auf Forschungslücken bzw. -perspektiven und d.h. auf zukünftige empirisch-theoretische und gesellschaftspolitische Herausforderungen von "Gender und Erziehungswissenschaft" ausdrücklich verwiesen.

"Bildungshistorische Zugänge der Frauen- und Geschlechterforschung" (Kapitel 2) werden von Elke Kleinau, Britta Rang, Meike Sophia Baader und Margret Kraul aufgezeigt. Auch hier bieten die zum Teil vielen Literaturverweise ausreichend Anknüpfungspunkte. Die thematische Auswahl der Beiträge gewährt einen sinnvollen Einblick in die bildungshistorischen Zugänge. Der ins Auge fallende Titel "Klassikerinnen" des letzten Kapitelbeitrages steigert sicherlich die Neugierde einiger Handbuchleser/innen einen Blick auf bildungshistorische Zugänge zu wagen. Schade ist, dass sich hier die Auswahl auf zwei Klassikerinnen beschränkt. Konfrontiert wird man in dem Beitrag zunächst mit einer kurzen aber dennoch prägnanten Reflexion zur Verwendung des Klassikerbegriffs, was an dieser Stelle durchaus Berechtigung findet.

Kapitel 3: "Als Strukturkategorie betrifft die Frage nach Gender alle Teildisziplinen und Felder pädagogischen Handelns ..." (13) – dementsprechend wird eine systematisch geordnete und chronologisch auf den Lebenslauf bezogene Kapitelgliederung (Kapitel 3) vorgenommen. Diese verschafft einen zweckmäßigen Überblick und unterstützt die Handhabe des Buches insbesondere für Praktiker/innen. Von "Gender in der Familienerziehung" (Christiane Micus-Loos/Yvonne Schütze) über "Gender im Kindergarten" (Dagmar Kasüschke), "Gender in der Primarstufe des Schulwesens" (Astrid Kaiser), "Gender in den Sekundarstufen" (Elke Nyssen), "Gender in den Fachdidaktiken" (Hanna Kiper), "Gender in der Sonder- und Integrationspädagogik" (Ulrike Schildmann) und "Gender in der Interkulturellen Pädagogik" (Marianne Krüger-Potraz/Helma Lutz), " ... Gender in der außerschulischen Kinder- und Jugendhilfe" (Margitta Kunert-Zier), "Jungen und Männerarbeit" (Edgar Forster) "Gender in der Berufsbildung" (Antje Bredow), "Gender in der Erwachsenenbildung" (Anne Schlüter), "Gender Studies: Feministische Perspektiven in Studium und Lehre" (Ingrid Schacherl), "Gender in der LehrerInnenausbildung und Schulentwicklung" (Christine Biermann/Barbara Koch-Priewe), "Psychosoziale Beratung und Genderrelation" (Ruth Großmass/Christine Schmerl), "Gender in der Medienpädagogik" (Agi Schründer-Lenzen) bis hin zu "Gender Mainstreaming – Perspektiven für die erziehungswissenschaftliche Geschlechterforschung" (Birgit Schaufler) werden auf rund 225 Seiten, ähnlich des Umfanges der theoretischen Perspektiven, und mit ebenfalls 17 Beiträgen die eher praxisorientierten Themen ausgeführt. Anne Schlüter setzt sich in ihrem Beitrag "Gender und Erwachsenenbildung" vorrangig mit der wissenschaftlichen Perspektive der Erwachsenenbildung auf Gender auseinander, ein detaillierterer Blick auf die Praxis in der Erwachsenenbildung wäre sicherlich auch möglich gewesen. Das Thema "Gender und Medienpädagogik" wird von Agi Schründer-Lenzen aufgegriffen, sie versucht einen kritischen Blick auf die medienpädagogischen Genderforschungen zu richten. Es scheint so, als haben sich die bisherigen Forschungen dieser Perspektive kaum angenähert. Häufig richtet sich die Genderperspektive im Bereich der Neuen Technologien darauf, dass Mädchen einen Nachholbedarf haben und beispielsweise im Umgang mit dem Computer gestärkt werden müssen. Eine genderorientierte Medienpädagogik, die sich seit Mitte der 90er Jahre zunehmend etabliert, wird m.E. nach die zukünftige medienpädagogische Theorieentwicklung nachhaltig mitbestimmen.

Im Kapitel 4 werden ein ethnographischer (Helga Kelle) und drei hermeneutische Zugänge (Regina Mikula und Andrea Felbinger / Merle Hummrich / Regina Klein) zur Genderforschung dargestellt. Darüber hinaus zeigt Heide von Felden die Zusammenhänge zwischen "Biographieforschung – Erziehungswissenschaft – Genderforschung" auf. Ulrike Popp rahmt mit ihren zwei Beiträgen "Methodologie und Gender" und "Quantitative Zugänge" das Kapitel ein. Die hier getroffene Auswahl ist durchaus angemessen und auch der vorgenommene Schwerpunkt reflektiert die Forschungspraxis der Frauen- und Geschlechterforschung.

Hier liegt ein weiteres Handbuch zur Frauen- und Geschlechterforschung vor, dessen Präsenz im Regal nicht nur den Bezug der Besitzer/innen zum Thema verdeutlicht, sondern vielmehr ein Handbuch, welches den Ansprüchen an ein solches Vorhaben entsprechen konnte. Zum Teil ist die Spannbreite auf Kosten der inhaltlichen Tiefe, insbesondere einzelner Beiträge im 3. Kapitel, etwas verloren gegangen, was aber insgesamt gesehen die besondere Qualität des Handbuches nicht in Frage stellt.

Festzuhalten ist aber zum einen die Kritik der teilweise hohen Textdichte aus der Perspektive der außeruniversitären Praxis, denen ich an dieser Stelle für ihre Lese- und Diskussionsbereitschaft danken möchte. Zum anderen würde eine am Ende des Buches stehende Auswahlbibliografie für viele zunächst hilfreicher sein, als die unzähligen Literaturhinweise im gesamten Buch.

Derzeit erscheinen einige Handbücher zur Frauen- und Geschlechterforschung (Gender Studies), hier wird den Lesenden ein umfassender Überblick und eine gelungene Systematisierung zu "Gender und Erziehungswissenschaft" angeboten, auf dessen Grundlage man die zukünftigen Diskussionen mitverfolgen oder durch eigene Beiträge vorantreiben kann – nehmen Sie sich die Zeit für dieses Handbuch.


Ricarda T.D. Reimer (Flensburg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Ricarda T.D. Reimer: Rezension von: Glaser, Edith / Klika, Dorle / Prengel, Annedore (Hg.): Handbuch Gender und Erziehungswissenschaft, Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 2 (Veröffentlicht am 06.04.2005), URL: http://klinkhardt.de/ewr/78151323.html