EWR 2 (2003), Nr. 4 (Juli/August 2003)

Gerhard Velthaus
Bildung als ästhetische Erziehung
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2002
(222 Seiten; ISBN 3-7815-1237-1; 17,00 EUR)
Bildung als ästhetische Erziehung Der Verfasser greift mit seinem Buch ein Thema auf, das in den letzten 20 Jahren immer wieder von verschiedenen Seiten – besonders aber unter dem Einfluss der Postmoderne – neu bedacht wurde. Doch das macht der Verfasser nicht. Er greift auf die Initiatoren unseres neuzeitlichen Bildungsdenkens und der ästhetischen Erziehung zurück, auf Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schiller. Und er stellt die Parallelen heraus, die zwischen Bildung und ästhetischer Erfahrung bestehen – beide lassen sich nicht durch einen Unterrichtsprozess von außen hervorbringen, sondern das Individuum muss sich selbst bilden, muss ästhetische Erfahrungen selbst machen, beide gehen vom Individuellen aus und zielen auf etwas Allgemeines, das sie zur Geltung bringen.

Velthaus ist der Bildungstradition und den Geisteswissenschaften verpflichtet. Mit Gadamer ist für ihn "Bildung ein geisteswissenschaftlicher Begriff, in dem sich die Grundzüge der Hermeneutik versammeln ..., der die Geschichtlichkeit des menschlichen Daseins exemplarisch zur Erscheinung bringt" (9).

Mit Menze betont er "die prinzipielle Verknüpfung von Bildung und ästhetischer Erziehung", so dass "Ästhetische Erziehung als Erziehung überhaupt" – so der Titel eines Aufsatzes von Menze – begriffen werden kann (21).

So richtig diese Grundpositionen sind, in der konkreten Durchführung eines Konzeptes von ästhetischer Erziehung gerät auch der Verfasser gegen seinen Willen in die Gefahr einer Instrumentalisierung der ästhetischen Erziehung. Wenn das Ziel der Erziehung das sittliche Verhalten des Menschen ist, dann ist ästhetische Erziehung kein Mittel dazu – Herbarts Ansatz über die ästhetische Darstellung der Welt war ein Irrweg. Er wollte den Menschen so erziehen, dass er mit Notwendigkeit das Gute wählt und das Böse verwirft. Er musste deshalb Freiheit aus der Erziehung verbannen. Sie aber ist Grundlage der Sittlichkeit.

Velthaus stellt mit Schleiermacher u. a. Freiheit und Sittlichkeit in den Kontext von Gesellschaft, geselligem Verkehr, Umgang: " ‚Der gesellige Verkehr’ ist der freie Umgang sich vernünftig bildender Menschen" (92). Und es wird Schleiermacher ausdrücklich zitiert, der im "freien Spiel der Gedanken und Empfindungen den sittlichen Zweck der Geselligkeit" (ebd.) sah. Velthaus resümiert: "Sittlichkeit erscheint hier als sachliche und mitmenschliche Selbstverpflichtung", worauf er im Schlusskapitel immer wieder zu sprechen kommt, wenn es um ästhetische Erziehung (Erfahrung) und Bildung als grundlegenden Unterricht geht. Dort (199) heißt es: "aus pädagogisch-anthropologischer Sicht ist das Selbst ... keine für sich stehende Wesenheit, sondern mehr eine Sichtweise .... Das Selbst erfährt sich in Vorstellungen und Handlungen, die durch andere und situationsbedingte Ansprüche hervorgerufen werden. Es ist kein autonomes Aktionszentrum, das frei auswählt, entscheidet und kritisiert .... Nicht das Selbst kann Ziel der Erziehung sein, das, was durch geschickte Motivation zum Denken und Handeln zu bewegen ist, sondern die Erschließung sachlicher Zusammenhänge durch Aufgaben, als die tradierte Werte erfahren werden .... In einem gewissen Sinn ist Selbsttätigkeit keine Eigenleistung ..., sondern Ausdruck dafür, dass ein Mensch in die Pflicht genommen wurde und sich, meinetwegen für die Angemessenheit einer Auslegung verantwortlich fühlt."

Der Ästhetik-Begriff wird im grundlegenden Unterricht immer mehr zur aisthesis – zur sinnlichen Wahrnehmung/Anschauung. Er zeichnet sich als sinnliche Erfahrung durch genaues Hinsehen und Hinhören aus. So wird es für den Verfasser dann auch sinnvoll, Ästhetik mit der Naturwissenschaft in Verbindung zu bringen zur "Vermittlung von Einsichten in der sinnlichen Erfahrung mit der Natur" (214).

Damit entfernt sich der Autor allerdings von seinem Ausgangspunkt, der ästhetischen Erziehung im Sinne Schillers und Humboldts, gibt m. E. auch die Ästhetik als eigenständigen Bereich, der weder der Sittlichkeit noch der Erkenntnisgewinnung unterworfen ist, auf. Andererseits scheint der Verfasser aber auch so sehr der Tradition und Bildungsgeschichte und dem hermeneutischen Denken verbunden zu sein, dass ihm die Wiederentdeckung einer autonomen Ästhetik durch die Postmoderne, die eine eigene freie Orientierung bietet, entweder suspekt ist oder nicht in den Blick kommt.

Das Buch zeugt von einer langen Beschäftigung mit dem Bildungsbegriff der Neuzeit, der im Ursprung mit der ästhetischen Erziehung verbunden war. Das kommt klar zum Ausdruck. Etwas störend ist die gelegentliche Häufung von Druckfehlern und die falsche Schreibweise von Eigennamen (z. B. Benno von der Wiese).
Fritz Böversen (Wuppertal)
Zur Zitierweise der Rezension:
Fritz Böversen: Rezension von: Velthaus, Gerhard: Bildung als ästhetische Erziehung, Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2002. In: EWR 2 (2003), Nr. 4 (Veröffentlicht am 01.08.2003), URL: http://klinkhardt.de/ewr/78151237.html