EWR 1 (2002), Nr. 3 (Juli 2002)

Klaus Grunwald
Neugestaltung der freien Wohlfahrtspflege
Management organisationalen Wandels und die Ziele der Sozialen Arbeit
Weinheim und M√ľnchen: Juventa Verlag 2001
(255 Seiten; ISBN 3-7799-1214-7; 20,50 EUR)
Neugestaltung der freien Wohlfahrtspflege Seit ca. einem Jahrzehnt stehen die Wohlfahrtsverb√§nde und die Soziale Arbeit unter einem gro√üem Ver√§nderungsdruck, der mit gesamtgesellschaftlichen und √∂konomischen Ver√§nderungen und der Legitimationskrise des Sozialstaates zusammenh√§ngt. In diesen Kontext ist das Modell der Neuen Steuerung, das sich vor allem auf die Reform der Sozialverwaltung bezieht, aber auch die Qualit√§ts- und Evaluationsdebatte in der Sozialen Arbeit einzuordnen. Beiden Ans√§tzen ist gemeinsam, da√ü sie von der Sozialen Arbeit √ľberwiegend als von au√üen aufgezwungen erlebt werden.

Grunwald unterscheidet drei Strategien, wie die freie Wohlfahrtspflege mit den Herausforderungen durch das Neue Steuerungsmodell umgehen kann: Die erste besteht in einer nahezu kritiklosen √úbernahme der Logik und Sprache der √Ėkonomie unter Aufgabe der Fachlichkeit; die zweite Strategie der sogenannten "traditionellen Modernisierer" besteht in einer Ablehnung wettbewerblicher Steuerungsprinzipien und die dritte Strategie besteht in einer "alternativen Modernisierung" der Sozialen Arbeit. Diese trage der Fachlichkeit der Sozialen Arbeit Rechnung, verschlie√üe sich aber nicht gegen√ľber den Chancen und Potentialen, die dem Ver√§nderungsproze√ü innewohnen.

Der Autor selbst pl√§diert f√ľr den zuletzt aufgef√ľhrten Umgang mit den Herausforderungen und entwickelt einen eigenen Ansatz f√ľr die Neugestaltung der freien Wohlfahrtspflege. In einem ersten Schritt modelliert er Wohlfahrtsverb√§nde als Non-Profit-Organisationen des Dritten Sektors und arbeitet deren Zwischenstellung zwischen den gesellschaftlichen Subsystemen heraus, woraus sich ein mehrdimensionaleres Zielsystem ergebe als f√ľr Profit-Organisationen. Soziale Arbeit wird von Grunwald unter zwei theoretischen Perspektiven beschrieben, zum einen als Lebensweltorientierte Soziale Arbeit (Thiersch) und zum anderen als Soziale Dienstleistung (Fl√∂sser/Otto). Diese beiden Perspektiven versucht er zusammenzuf√ľhren, in dem er von "lebensweltorientierter Dienstleistung" spricht, die radikal an den Interessen der B√ľrgerInnen bzw. an der Lebenswelt orientiert sei. Als Konsequenz aus dieser Konzeptualisierung von Sozialer Arbeit ergebe sich f√ľr die in der Sozialen Arbeit t√§tigen Professionellen "die Anforderung, die im Zuge der √Ėkonomisierung gegebenen Zw√§nge zur √úberpr√ľfung der Effizienz auch zur ‚ÄöPolitisierung ihrer sozialen Folgen‚Äô nutzen zu k√∂nnen." (S. 212)

Das hei√üt, da√ü das politische Mandat der Sozialen Arbeit eben nicht Effizienzkritieren geopfert werden mu√ü, sondern da√ü die Wohlfahrtsverb√§nde und deren Management sowohl die √∂konomischen und managementbezogenen Fragen ernst nehmen, aber die Dienstleistungsfunktion nicht gegen√ľber der Charakterisierung als Weltanschauungsverb√§nde, als lokale Vereine und politisch agierende Organisationen in den Vordergrund gestellt wird.

Um dies erreichen zu k√∂nnen, schl√§gt Grunwald vor, da√ü sich die Wohlfahrtsverb√§nde √ľber eine zu implementierende Organisationsentwicklung in lernende Organisationen wandeln, wozu es eines entwicklungsorientierten Managements bedarf. Hier wird die Notwendigkeit offensichtlich, sowohl das Konzept der Organisationsentwicklung als auch der Lernenden Organisation auf den Bereich der Sozialen Arbeit zuzuschneiden und theoretisch weiterzuentwickeln. Das Verdienst des Buches von Grunwald besteht zweifellos in einer sehr sorgf√§ltigen, differenzierten und strukturierten Darstellung der aktuellen Diskussion und des Forschungsstandes, was es f√ľr Studienanf√§nger und Einsteiger in die Diskussion als sehr geeignet erscheinen l√§√üt. Aber es sind Fragen offen geblieben, wie die Diskussionsstr√§nge der verschiedenen Disziplinen tats√§chlich miteinander zu verkn√ľpfen sind und wie die betriebswirtschaftlichen und organisationswissenschaftlichen Konzepte f√ľr den Sozialbereich zu modifizieren w√§ren, um den vorgestellten Ansatz der "lebensweltorientierten Dienstleistung" realisieren zu k√∂nnen.
Magdalena Joos (Trier)
Zur Zitierweise der Rezension:
Magdalena Joos: Rezension von: Grunwald, Klaus: Neugestaltung der freien Wohlfahrtspflege, Management organisationalen Wandels und die Ziele der Sozialen Arbeit, Weinheim und M√ľnchen: Juventa Verlag 2001. In: EWR 1 (2002), Nr. 3 (Veröffentlicht am 01.07.2002), URL: http://klinkhardt.de/ewr/77991214.html