EWR 6 (2007), Nr. 6 (November/Dezember 2007)

Walter Bien / Thomas Rauschenbach / Birgit Riedel (Hrsg.)
Wer betreut Deutschlands Kinder?
Berlin, Düsseldorf, Mannheim: Cornelsen Scriptor 2006
(317 S.; ISBN 3-589-24518-5; 29,90 EUR)
Wer betreut Deutschlands Kinder? Mit der Veröffentlichung der DJI-Kinderbetreuungsstudie liegen aktuelle und erstmals umfassende Daten zur Betreuungssituation der 0-6jährigen Kinder in Deutschland vor. Unter pädagogischen Aspekten sind sie insofern von Interesse, als sie nicht nur über die Versorgungslage der Kinder, sondern auch über Bildungserwartungen der Eltern und den von ihnen an institutionelle Kinderbetreuung gerichteten Erwartungen und Qualitätsanforderungen Auskunft geben. Die auf einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe (N = 8.003 Mütter und Väter mit ca. 13.800 Kindern unterhalb des schulpflichtigen Alters) beruhenden Ergebnisse basieren auf einer telefonischen Befragung, die im Zeitraum November 2004 bis Februar 2005 durchgeführt wurden.

Mit Blick auf eine lern- und kompetenzförderliche Gestaltung des Übergangs vom Elementar- in den Primarbereich lassen sich wesentliche – die erzieherischen und bildnerischen Anschlussfähigkeiten herstellenden und unterstützenden – Ergebnisse, wie folgt zusammenfassen:

  • Die öffentliche Betreuung erhält eine wachsende gesellschaftliche Bedeutung, weist aber – gerade im Bereich der Ganztagsangebote – noch deutliche Defizite auf, die sich vor allem für die unter 3-Jährigen in einem nicht ausreichenden Angebot dokumentiert. Hier wird eine zunehmende Flexibilisierung angemahnt, um Kindergartenplätze für jüngere Kinder nutzen zu können.

  • Als Grundmuster der Nutzung lässt sich für ganz Deutschland feststellen, dass Alleinerziehende und nicht verheiratete Paare sowie jene, in denen beide Erziehungsberechtigten erwerbstätig sind, Kindertageseinrichtungen am häufigsten in Anspruch nehmen, Kinder mit Migrationshintergrund sowie jene aus bildungsfernen Schichten jedoch seltener den Kindergarten besuchen, obwohl gerade für sie ein kompensatorisch angelegtes Bildungsangebot im vorschulischen Bereich von besonderer Bedeutung wäre.

  • Für die 5-6-Jährigen zeigt sich im Kinderpanel, dass zwei Drittel der Kinder neben den Eltern regelmäßig von einer weiteren Person (meistens den Großeltern) betreut werden. Dieses gilt insbesondere für Kinder Alleinerziehender sowie für die Kinder, die auch in einer institutionellen Fremdbetreuung sind. Eltern, die ihre Kinder selber versorgen, übernehmen die Betreuungsarbeit meistens ganz allein.

  • Fasst man die Ergebnisse zu den Einschätzungen der Eltern hinsichtlich der Qualität der Kindertageseinrichtungen zusammen, so verweisen diese im Großen und Ganzen auf eine hohe Zufriedenheit. Allerdings wird auch deutlich, dass die vorhandenen Platzangebote aufgrund des steigenden Bedarfs vergrößert werden sollten.


Das grundschulpädagogische Interesse am Themenbereich „Kinderbetreuung“ steht im Kontext der bildungspolitischen Debatte um ein von der Geburt an lebenslanges Lernen, dessen Beginn in den frühen Lebensjahren für alle weitere Bildung grundlegend ist. „Jede Förderung, die Kindern in diesem Alter zugute kommt, wirkt sich positiv auf ihren weiteren Weg in Schule und Ausbildung aus.“ Sie sollte sich einerseits auf eine „Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz“, andererseits auf den „Ausbau öffentlicher Bildungsangebote“ richten (283). Deutet man diese Forderung vor dem Hintergrund der IGLU-Studie, so ist den so genannten Risikogruppen – also Kindern mit Migrationshintergrund oder den aus bildungsfernen Elternhäusern stammenden Kindern – eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Um darüber hinaus systemischen Benachteiligungen entgegenwirken zu können, ist es notwendig, Fakten und Gründe für den Besuch bzw. den Nicht-Besuch vorschulischer Einrichtungen und die damit verbundenen Integrationsrisiken zu erheben. Hierzu leistet das vorliegende Buch seinen Beitrag. Es informiert über aktuelle Trends, liefert neuestes Datenmaterial und regt mit Hinweisen auf pädagogische Konsequenzen zum Nachdenken über bildungspolitische Herausforderungen im Elementar- und Primarbereich an. Es stellt damit eine datenbasierte Ergänzung zur pädagogischen Grundlagenliteratur dar, öffnet den Blick auf gegenwärtige Forschungslagen und ist für Studierende und pädagogisches Fachpersonal eine interessante, den (vor-)schulischen Bildungsdiskurs anregende Literatur.
Renate Hinz (Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Renate Hinz: Rezension von: Bien, Walter / Rauschenbach, Thomas / Riedel, Birgit (Hg.): Wer betreut Deutschlands Kinder?. Berlin, Düsseldorf, Mannheim: Cornelsen Scriptor 2006. In: EWR 6 (2007), Nr. 6 (Veröffentlicht am 05.12.2007), URL: http://klinkhardt.de/ewr/58924518.html