EWR 3 (2004), Nr. 6 (November/Dezember 2004)

Marcelo Caruso
Biopolitik im Klassenzimmer
Zur Ordnung der F√ľhrungspraktiken in den Bayerischen Volksschulen (1869 ‚Äď 1918)
Weinheim: Deutscher Studien Verlag 2003
(522 Seiten; ISBN 3-407-32051-5; 49,90 )
Biopolitik im Klassenzimmer Mit seiner Dissertation zur Biopolitik im Klassenzimmer legt Marcelo Caruso eine materialreiche Studie zur Ordnung der F√ľhrungspraktiken in den bayerischen Volksschulen vom Ende der Restaurationsperiode bis zum 1. Weltkrieg vor. Im R√ľckgriff auf Michel Foucault unternimmt er den Versuch, die historische Schul- und Unterrichtsforschung mittels der Untersuchung von F√ľhrungstechniken (Gouvernementalit√§t) und der Analyse von Biopolitik neu in den Blick zu nehmen. Caruso interessieren die Formen und Denkweisen der Regierung im Schulunterricht, wobei der Begriff der Regierung einen weiten Sinn gewinnt, wie er ihn im 17. Jahrhundert noch hatte: Regieren umfasst nicht nur staatspolitisches Handeln, sondern umgreift auch die Regierung der Familie, des eigenen Lebens oder das Regieren von Kindern. Diese Form von Gouvernementalit√§t wird im 19. Jahrhunderts durch Biopolitik erg√§nzt. Foucault beschreibt damit eine historische Verschiebung der Machteinwirkung. Biopolitik konstituiert sich um den gesamten Lebensprozess der Bev√∂lkerung: Geburt, Aufwachsen, Krankheit, Tod. Wurde vorher auf den K√∂rper des Einzelnen gezielt, wird nun das Leben der Bev√∂lkerung in den Dienst der Regierungsmacht genommen. Im 19. Jahrhundert ist es vor allem der Liberalismus, der pers√∂nliches Handeln und staatliche Regierungsformen unter biopolitischer Perspektive neu verbindet.

Entsprechend untersucht Caruso die Volksschulreformen von 1869-1918 unter einer spezifischen Perspektive: n√§mlich im Hinblick auf die Ver√§nderungen des "Regierungsstils" (16) bzw. der F√ľhrungspraktiken an bayerischen Volksschulen. Diese innerschulischen Reformen, durch die sich eine neue p√§dagogische Leitungskultur entfaltet, stehen in einem Zusammenhang mit biopolitischen Regulierungstechniken des Staatsapparats. Sie f√ľhren zu einer Abl√∂sung der katholisch gepr√§gten Volksschule mit katechetischer P√§dagogik und autorit√§rer Aufsichtsstruktur durch eine Unterrichtsf√ľhrung, die das Wachsen und Werden des Kindes zu einem neuen, produktiven Interventionsfeld macht. Auf diskursiver Ebene tritt an die Stelle einer mechanistisch-physikalischen Deutung p√§dagogischer Prozesse ein biologisch-organisches Paradigma. Mit ihm ver√§nderte sich das biopolitische Arrangement von Unterricht und Schule: Die Schulprozesse wurden einer steuernden Leitung unterstellt, die die Eigenaktivit√§t der Kinder im Unterricht f√∂rderte. Die ver√§nderte Auffassung von Kindheit wie auch die entsprechend ver√§nderte Form des Unterrichts setzte sich in der Schulpraxis jedoch nicht einfach widerstands- und reibungslos durch. Entsprechend verweist Caruso auf eine Vielzahl p√§dagogischer und schulpolitischer Auseinandersetzungen im untersuchten Zeitraum.

Caruso interpretiert die von ihm analysierten Umbr√ľche im bayerischen Volksschulwesen als biopolitischen Grundsatzstreit. Unter curriculumstheoretischer Perspektive gerieten dabei die Herbartianer mit ihrer Kulturstufentheorie ins Abseits. Zwar r√ľckten sie Lernprozesse bereits als Wachstumsprozesse in den Blick, doch blieben sie einem √§u√üerlichen Entwicklungsmodell verhaftet, das schematisch an die Kinder herangetragen werden konnte. Die biopolitische Reformperspektive hingegen musste verst√§rkt die inneren Kr√§fte des Kindes aufnehmen, um sie zum Wohle des Staates zu f√∂rdern. Die Reformt√§tigkeit war "von dem √úbergang vom Primat des √Ąu√üeren zum inneren Zwang geleitet" (235).

√úber schulinterne Reformma√ünahmen hinaus mussten die biopolitischen Leitvorstellungen der neuen P√§dagogik auch in staatliche Regierungstechniken √ľbersetzt werden. Die Verkopplung der "F√ľhrungskultur der Volksschule mit der politischen Regierung" (479) schlug sich zun√§chst in neuen Lehrpl√§nen nieder, die immer differenziertere Vorgaben f√ľr den Unterricht enthielten. Gleichzeitig wurde die Lehrplanentwicklung durch neue Rahmenvorgaben in staatliche Reformma√ünahmen eingebunden. Allerdings verboten sich dabei direktive, zentrale Eingriffe, denn sie h√§tten die traditionelle, von schulpolizeilichem Habitus getragene Volksschule gest√§rkt.

Wie stark sich in diesem Reformprozess kulturelle mit √∂konomischen Interessen verkn√ľpften, macht Caruso am Beispiel der Diskussion um die Einf√ľhrung des 8. Schuljahres in Landau deutlich (197 ff.): Die Gewerbetreibenden der Stadt Landau setzten sich mit einer Petition f√ľr die Zur√ľckdr√§ngung der religi√∂s gepr√§gten Sonntagsschule ein und bef√ľrworteten stattdessen das 8. Volksschuljahr. Auf diese Weise sollte den erweiterten Qualifikationsanforderungen zuk√ľnftiger Arbeiter Rechnung getragen werden (201). Zwar wehrten sich die katholisch gepr√§gten l√§ndlichen Volksschulen noch l√§ngere Zeit gegen einen erweiterten weltlichen F√§cherkanon der Schule, doch konnten auch sie sich den neuen Normen "der guten Unterweisung" (321) von Kindern auf Dauer nicht entziehen. Dieses Beispiel zeigt, wie sehr der politische Impuls f√ľr eine biopolitische F√ľhrungskultur in den Schulen von der Erstarkung des st√§dtischen Liberalismus ausging: "Der Liberalismus als Regierungstechnologie arbeitete immer mit der Erkenntnis, Prozesse vorantreiben zu m√ľssen, deren Regelhaftigkeiten Natur eher als eine vorpolitische begriff" (475). Diese vorpolitischen Bereiche waren p√§dagogisch gesehen die "Kinder als Heranwachsende" (321 ff.), in soziologischer Perspektive die Verst√§rkung b√ľrgerlicher Individualisierung und √∂konomisch gesehen der Markt.

Der biopolitische Blickwinkel der Reform, die ihre Aufmerksamkeit auf Kinder als wachsende Lebewesen, als produktive Ressource zu richten begann, zog eine F√ľlle schulischer Ver√§nderungen nach sich. Sie lassen sich an zahlreichen neuen "Technologien des Schulraums" (478) und deren Verkopplung nachzeichnen: Im Bereich der Unterrichtsmaterialien gewinnt z. B. die geographische Karte als Mittel der Veranschaulichung und F√∂rderung der Vorstellungskraft des Kindes (275) an Bedeutung. Das Schreiben in Schulhefte statt auf Schiefertafeln lieferte ein zus√§tzliches Instrument, die Entwicklung der Schreibf√§higkeit zu kontrollieren (265). Dem korrespondierten ver√§nderte Unterrichtstechniken: etwa Verdr√§ngung des katechetischen durch das aktivierende Fragen (381), die Verst√§rkung narrativer Lese√ľbungen, die an die Stelle mechanischer Lesemethoden die F√∂rderung des Verst√§ndnisses des Gelesenen setzten (419), schlie√ülich das Zugest√§ndnis thematisch frei gew√§hlter Aufs√§tze, um den Sch√ľlern Gelegenheit zu geben, ihre narrativen F√§higkeiten zu entwickeln und zugleich Aufschluss √ľber die Kinderseele und ihre F√∂rderm√∂glichkeiten zu erhalten (461 ff.).

Dies sind nur Ausschnitte aus den materialreichen Quellen, mit denen Caruso die verschiedenen Auseinandersetzungen um das biopolitische Wachstumsmodell der reformierten Volksschulen im 19. Jahrhundert belegt. Auch wenn es dabei um die Steigerung und Intensivierung von Machtprozeduren geht, so handelt es sich doch nicht um einen linearen Prozess, der gleichsam ein neues Modell von langer Hand implementiere. Vielmehr geht es um das Zusammenspiel vielf√§ltiger Korrekturen und Innovationen g√§ngiger Praxis, um das "Umdeuten, Umbilden und Ab√§ndern" (379) des seitherigen Volksschulunterrichts. Die Reform kommt nicht nur als Bruch mit der Tradition ins Spiel, sondern wahrt durchaus auch Kontinuit√§t, vor allem mit der √ľberkommenen Untertanen-Mentalit√§t, die als Schulziel nicht entfallen sollte. Weiterhin stand die Herausbildung von Pers√∂nlichkeitscharakteristika auf der Tagesordnung, die den monarchistisch verfassten Teilstaaten wie auch dem Kaiserreich zuarbeiteten. Allerdings wurden nun paternalistische religi√∂se Autorit√§tsformen weniger durch rigiden Zwang und √§u√üere Kontrolle, sondern durch internalisierte "Techniken des Selbst" (479) in Szene gesetzt. Caruso sieht hier eine s√§kularisierte "Pastoralmacht" (Foucault) am Werk, die die Entwicklung von Autorit√§t und Gehorsam zunehmend √ľber innen geleitete, f√ľrsorgliche und umsichtige Disziplinarprozeduren realisierte.

Eine kritische Abw√§gung des Gouvernementalit√§ts-Ansatzes wird in Marcelo Carusos Promotionsschrift nicht vorgenommen. Daf√ľr hat er eine detaillierte Studie √ľber die Prinzipien und Techniken der gouvernementalen Volksschulpolitik und F√ľhrung des Unterrichts im K√∂nigreich Bayern erbracht. Der Autor verf√§llt nicht dem Problem, das aktuellen Studien zu Gouvernementalit√§t angelastet wird: die verengende Zentrierung auf programmatische Aussagen staatlicher Vorschriften. Caruso bringt immer wieder soziale Konflikte und die Ungleichzeitigkeit der Umsetzung des biopolitischen Paradigmas ins Spiel. Dazu geh√∂ren individuelle Widerst√§nde von Lehrern an l√§ndlichen Volksschulen oder die bereitwilligere Rezeption des neuen Paradigmas in Stadtschulen. Hierf√ľr wertet er vielf√§ltige historische Quellen aus.

Die Dissertation wird ein wichtiger Baustein in der Entwicklung eines gouvernementalen Ansatzes in der Historischen Pädagogik sein. Aber auch gouvernementale Ansätze der Kritik gegenwärtiger Schulreformen können darin reichlich historisches Grundlagenmaterial finden.
Jörg Schroeder (Darmstadt)
Zur Zitierweise der Rezension:
J√∂rg Schroeder: Rezension von: Caruso, Marcelo: Biopolitik im Klassenzimmer, Zur Ordnung der F√ľhrungspraktiken in den Bayerischen Volksschulen (1869 ‚Äď 1918), Weinheim: Deutscher Studien Verlag 2003. In: EWR 3 (2004), Nr. 6 (Veröffentlicht am 30.11.2004), URL: http://klinkhardt.de/ewr/40732051.html