EWR 13 (2014), Nr. 3 (Mai/Juni)

Margarete Götz / Maria Fölling-Albers / Friederike Heinzel / Gisela Kammermeyer / Karin von Bülow / Hans Petillon (Hrsg.)
Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund
Bildung im Elementar- und Primarbereich
ZfG-Zeitschrift fĂĽr Grundschulforschung, 5. Jg. (2012), Heft 2
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2012
(152 S.; ISBN 1865-3553; 24,80 EUR)
Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund ist nicht neu, aber weiterhin von großer Bedeutung und in der Forschung noch nicht erschöpfend behandelt. Die Ausgabe der Zeitschrift „Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund“ stellt die Möglichkeit zur Verfügung, auf der Basis eines Überblicks über das Diskurs- und Forschungsfelds tiefere Einblicke in verschiedene empirische Studien zu bekommen. Der Schwerpunkt der Ausgabe ist mit fünf Beiträgen repräsentiert, weitere fünf Artikel des rezensierten Hefts widmen sich verschiedenen Gegenständen. Abgeschlossen wird das Heft mit einer Rezension zu einer Studie zur Geschichte der Grundschule in Ost- und Westdeutschland (Rezensent: Gert Geißler).

Den Heftteil über „Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund“ führt ein breit gefasster Beitrag von Ingrid Gogolin und Marianne Krüger-Potratz an: „Sprachenvielfalt – Fakten und Kontroversen“. Es handelt sich um den einzigen Artikel des Hefts, der keine empirische Studie darstellt, sondern im Sinne einer ‚Einstimmung’ in den Schwerpunkt ein Verständnis von Mehrsprachigkeit offeriert und in einer nicht-wertenden Art kontroverse wissenschaftliche Positionen zum Umgang mit Mehrsprachigkeit in den Bildungssystemen von Einwanderungsländern erläutert. Im Anschluss daran stellen Martin Schröder und Agi Schründer-Lenzen eine Studie „Zur Wirksamkeit von Sprachförderung im Elementarbereich“ vor. Aus dem Forschungsstand ziehen die AutorInnen das Fazit, dass sich die Wirkungen von spezifischen und unspezifischen Fördermaßnahmen nicht signifikant voneinander unterschieden. Aus diesem Befund ergibt sich auch ihre Forschungsfrage, nämlich, wie bestehende Fördermaßnahmen verbessert werden können. Mit einer quasi-experimentellen Studie in Berliner Kindertagesstätten untersuchen sie, ob unter der gegebenen Struktur des Berliner Sprachfördermodells durch personelle und organisatorische Verbesserungen positive Effekte auf den Sprachstand von Kindern mit Migrationshintergrund bewirkt werden können. Unter Einbezug von Langzeiteffekten in die erste Grundschulklasse hinein zeigt die Untersuchung, dass eine zusätzliche, kontinuierliche und professionelle Sprachförderung in Kleingruppen bessere Effekte erzielt als eine Maßnahme ohne zusätzliche Förderung in Kleingruppen.

Nadine Christmann und Argyro Panagiotopoulou stellen in ihrem Artikel mit dem Titel „Institutionelle Sprachförderung für mehrsprachige Vorschulkinder: Ergebnisse vergleichender Ethnographien in Luxemburg und Deutschland“ die Analysen von ethnographischen Feldstudien in vorschulischen Einrichtungen beider Länder dar. Im Zentrum stehen pädagogische Alltagspraktiken zum Umgang mit migrationsbedingter Sprachenvielfalt und zur sprachlichen Frühförderung unter Berücksichtigung der gesetzlichen und curricularen Rahmenbedingungen. Es zeigt sich, dass in Luxemburg in den vorschulischen Einrichtungen mit Äußerungen in anderen Sprachen wertschätzend aufgegriffen werden, auch wenn das Ziel die Förderung des Letzeburgischen ist. Im Gegensatz dazu zeigt sich in der deutschen Feldstudie ein starkes Beharren auf Monolingualität im Deutschen, das zum Schweigen jener Kinder führt, die etwas sagen wollten oder sollten und die deutschen Mittel dafür nicht zur Verfügung haben.

Wahiba El-Kechen, Miriam M. Gebauer und Nele McElvany stellen in ihrem Beitrag zur „Wortschatzförderung bei Grundschulkindern – Ein Vergleich von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund“ die Ergebnisse einer Teilstudie des Projekts POTentialErstSPRACHE vor. Im Rahmen einer schulischen Interventionsstudie mit insgesamt 134 SchülerInnen wurde auf der Basis der Theory of Learning from Context gearbeitet. Es wurde festgestellt, dass Kinder mit der Familiensprache Türkisch in der vierten Klasse signifikant geringere Wortschatzkompetenzen im Deutschen aufweisen und, dass das implizite Lernen neuer bildungssprachlicher Wörter aus dem Kontext (durch zweimaliges Lesen) keinen signifikant geringeren Wortschatzerwerb zur Folge hat als bei Kindern mit deutscher Familiensprache. Geplant ist in Folge auch die Untersuchung der Potentiale der Familiensprache.

Sara Fürstenau, Imke Lange und Stefanie Urspruch stellen in dem Beitrag „Bildungssprachförderliches Lehrerhandeln in Grundschulklassen mit hohen Anteilen migrationsbedingt mehrsprachiger Kinder. Reflexionsphasen im individualisierten Unterricht“ Ergebnisse einer videobasierten Unterrichtsstudie vor. Die bisherigen Analysen der Aufzeichnungen von nach einem Best-Practice-Ansatz ausgewählten Schulen zeigen, wie im Unterricht Reflexionsgespräche initiiert und geführt werden. Im weiteren Verlauf der Studie werden die aufgezeichneten Gespräche im Hinblick auf ihre bildungssprachförderlichen Anteile analysiert werden.

Der erste Artikel aus dem Teil „Offene Beiträge“ des Hefts kann im weiteren Sinne dem Gegenstand „Umgang mit migrationsbedingter Heterogenität“ zugeordnet werden. Astrid Rank stellt in ihrem Beitrag „Wie sind Studentinnen des Grundschullehramts auf sprachliche und kulturelle Heterogenität vorbereitet?“ die Ergebnisse einer qualitativen Studie zur Veränderung von ungünstigen Werthaltungen, Überzeugungen und motivationalen Orientierungen vor. Die Ergebnisse der Überprüfung der Effekte zweier Lehrveranstaltungen werden vergleichend vorgestellt, wobei in einer der Lehrveranstaltungen Praxisphasen in der Schule involviert waren. In den Erhebungen vor dem Seminarbesuch wurden die Studierenden im Hinblick auf ihre Einstellungen zu bestimmten Typen zugeordnet. Nach dem Besuch der Seminare zeigte sich insgesamt eine Veränderung im Hinblick auf positivere Zugänge zu migrationsbedingter schulischer Heterogenität als davor, wobei die „situierte“ Lehrveranstaltung, die Praxisanteile beinhaltet, langfristigere Effekte ausgelöst zu haben scheint.

Karin von Bülows Beitrag bezieht sich auf die „Anschlussfähigkeit von Kindergarten und Grundschule – Subjektive Bildungstheorien von Erzieherinnen und Lehrerinnen“. Sie stellt die Ergebnisse einer qualitativen Studie vor, in der Erzieherinnen und Lehrerinnen zu ihrem professionellen Selbstverständnis, ihrem Verständnis der pädagogischen Aufgaben der eigenen Institution und ihren Erwartungen von der jeweils anderen Institution befragt wurden. Die Interviews ergaben, dass sich die Professionen durchaus in Abgrenzung voneinander verstehen, einander daher auch mit einer gewissen Skepsis begegnen. Bei differenzierter Betrachtung lassen sich zwar viele Anschlussmöglichkeiten erkennen, die jedoch gegenseitig wenig wahrgenommen werden.

Marianne Schüpbach geht in ihrer Studie zur „Sprachleistungsentwicklung in Ganztagsschulen unter Berücksichtigung der sozialen Herkunft und der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE)“ den Effekten der in der Deutschschweiz implementierten Angebote der FBBE nach. In einer umfangreichen quantitativen Studie wurde untersucht, in welchen organisatorischen Kombinationen und unter welchen sozialen Ausgangsbedingungen die einzelnen Angebote welche Wirkungen erzielen. Die Wirkungen sind durchaus unterschiedlich, sodass die detailliert dargestellten Ergebnisse Anhaltspunkte für die Konzeption institutioneller Angebote für eine gelingende Sprachförderung ergeben.

Der Titel des Beitrags von Meike Munser-Kiefer lautet: „Leseförderung mit (meta-)kognitiven Strategien in der Grundschule? Befunde und Schlussfolgerungen aus einer Interventionsstudie“. Es handelt sich um eine Studie, die zum Ziel hat, Entwicklungsmodelle des Schriftspracherwerbs im Hinblick auf die Ebene des Satz- und Textverstehens zu erweitern. In einer quasi-experimentellen Interventionsstudie im Prä-Posttest-Design mit Kontrollgruppe (N=500) wurde das Programm Lesen im Leseteam trainieren [2] eingesetzt. Im Ergebnis zeigt sich, dass Grundschülerinnen und -schüler aller Leistungsgruppen ab der 3. Klasse (meta-)kognitive Lesestrategien erlernen können und dass sich dadurch positive Effekte auf die Entwicklung hierarchiehoher Verstehensprozesse zu ergeben scheinen.

Den letzten Beitrag in Heft stellt der Artikel „Erfassung des schulischen Wohlbefindens am Schulanfang: empirische Überprüfung eines mehrdimensionalen Konstrukts“ von Corinna Wustmann-Seiler dar. In der Studie wurde ein Fragebogen für Jugendliche [1] für die Klassenstufen 1 und 2 adaptiert und empirisch überprüft. Gegenstand der Überprüfung waren die faktorielle Stabilität des Instruments im Längsschnitt und die Modellierung des schulischen Wohlbefindens aus der Selbstperspektive der Kinder und der Fremdperspektive von Lehrkräften und Eltern. Die Ergebnisse der empirischen Überprüfung werden detailliert dargestellt.

Insgesamt handelt es sich um eine Zeitschriftenausgabe, in der die Ergebnisse spezifischer Studien sehr gehaltvoll dargestellt werden. Das Heft ist nicht nur für Leserinnen und Leser empfehlenswert, die an den Ergebnissen der vorgestellten Studien interessiert sind. Auch für diejenigen, die sich einen Einblick über mögliche empirische Forschungsdesigns von Studien im Kontext von Bildungsinstitutionen verschaffen möchten, ist dieses Heft sicherlich sehr interessant. In den Darstellungen der Studien zur Sprachförderung vermisse ich die Definition des Migrationshintergrundes. Zum Teil werden sprachliche Hintergründe zur Definition herangezogen, was jedoch in einer sich sprachlich diversifizierenden und unscharf werdenden Welt nicht zu klaren Klassifikationen führen kann. Dass jedoch die Forschung darauf angewiesen ist, in einer von unscharfen sprachlichen und ethnischen Verhältnissen gekennzeichneten Welt mit trennscharfen Klassifikationen zu arbeiten, ist womöglich ein kaum überwindbares Spannungsverhältnis.

[1] Hascher, T.: Wohlbefinden in der Schule. MĂĽnster: Waxmann 2004.
[2] Munser-Kiefer, M. / Kirschhock, E.-M.: Lesestrategien im Leseteam trainieren: Lehrermanual und Unterrichtsmaterialien. Donauwörth: Auer Verlag 2012.
İnci Dirim (Wien)
Zur Zitierweise der Rezension:
İnci Dirim: Rezension von: Götz, Margarete / Fölling-Albers, Maria / Heinzel, Friederike / Kammermeyer, Gisela / BĂĽlow, Karin von / Petillon, Hans (Hg.): Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund, Bildung im Elementar- und Primarbereich ZfG-Zeitschrift fĂĽr Grundschulforschung, 5. Jg. (2012), Heft 2. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2012. In: EWR 13 (2014), Nr. 3 (Veröffentlicht am 04.06.2014), URL: http://klinkhardt.de/ewr/3553.html