EWR 3 (2004), Nr. 6 (November/Dezember 2004)

Bernd Ahrbeck
Kinder brauchen Erziehung
Die vergessene p├Ądagogische Verantwortung
Suttgart: KohlHhammer 2004
(171 Seiten; ISBN 3-17-017973-X; 19,80 )
Kinder brauchen Erziehung Dieses Buch ist eine Herausforderung, den Blick zu weiten auf die gesamte Spannbreite kindlicher Entwicklungsbed├╝rfnisse und p├Ądagogischer Prozesse. Es macht Mut, eben diese Spannung auszuhalten und auszugestalten zwischen den Polen Selbststeuerung und Erziehung, Wahl-Angebot und Anforderung, Begleiten und Einfluss nehmen.

Bernd Ahrbeck verweist auf jene Seite der kindorientierten P├Ądagogik, die wir leicht aus den Augen verlieren in der Freude, den Unterricht ganz ge├Âffnet zu haben f├╝r die Lernbed├╝rfnisse und ÔÇôzug├Ąnge der Kinder. Es ist wunderbar, wie vieles, das man ihnen fr├╝her kleinschrittig beibrachte, sie selbst entdecken und in gro├čen Schw├╝ngen kreativ erarbeiten k├Ânnen. Doch daneben haben sie andere elementare Bed├╝rfnisse, die uns in anderer Weise fordern. Kinder brauchen auch Erziehung. Der Autor belegt von mehreren Wissenschaftsbereichen her, was das heute und f├╝r die Kinder von heute bedeutet. Anderes als in der autorit├Ąren Vergangenheit nat├╝rlich. In die K├Ąlte, H├Ąrte, F├╝hllosigkeit von damals f├╝hrt kein Weg zur├╝ck. Im Gegenteil, wir sind eingeladen, noch genauer zu ersp├╝ren, was die Kinder au├čer Spa├č, Erfolg und Zustimmung zu ihrer Entwicklung n├Âtig haben, aber nicht so leicht ausdr├╝cken k├Ânnen.

Das ist zum einen die Orientierung an konturierten Erwachsenen. Die Lehrerin, der Lehrer sind mit ihrer gefestigten Pers├Ânlichkeit, ihren vielseitigen Interessen und Kompetenzen entscheidende Lerngegenst├Ąnde. Aber nur wenn sie immer wieder deutlich in den Mittelpunkt treten, etwa als Vorbilder und Garanten kultivierter Umgangsformen, k├Ânnen sie den Kindern Lust darauf machen, auch so erwachsen zu werden, und ihnen l├Ąngerfristige Perspektiven, Vorstellungen von Zukunft er├Âffnen. Es reicht einfach nicht aus, Lernangebote zu machen, sich zur├╝ckzunehmen, die Kinder zu begleiten und auf ihre Selbstregulierungskr├Ąfte zu vertrauen. Wenn z.B., wie ich in einem Band zum Demokratie-Lernen lese, LehrerInnen zusehen, wie die Kinder jahrelang vergeblich versuchen, sich mit ihrer so gut erdachten "Stop-Regel" gegen Qu├Ąlereien zu sch├╝tzen, geben sie einer ganz unerwachsenen Angst nach, sich bei denen, die sich nicht stoppen lassen wollen, unbeliebt zu machen. Erziehungsvergessenheit nennt Ahrbeck F├Ąlle dieser Art und analysiert viele davon. Diese P├ĄdagogInnen vernachl├Ąssigen vor allem ihre Aufgabe als Anw├Ąlte der aggressiven Jungen, missachten deren dringenden Nachholbedarf an Entwicklung zur Menschlichkeit. Daf├╝r m├╝ssen sie mit ihnen gezielt in Gruppen arbeiten ÔÇô das positive Beispiel aus dem Demokratie-Band - und ihnen immer wieder vermitteln, dass sie ihnen durchaus zutrauen, verst├Ąndnisvolle, kommunikative, warmherzige Menschen zu werden. Selbst meine mattesten Sonderschulkinder wurden munter, wenn ich ihnen sagte, welches Bild ich mir von jedem machte, was ich ihm zutraute und was ich entschieden von ihm erwartete. Einiges erboste sie auch, und es gab kr├Ąftigen Streit.

Das ist das zweite: die Reibung mit einem Erwachsenen, der nahe genug an das Kind herantritt. Die Auseinandersetzung wird umso heftiger, je klarer die Lehrperson die Anspr├╝che und Spielr├Ąume definiert. Diesen Konflikt braucht ein Kind neben dem freundlichen Gew├Ąhrenlassen auch, um seine eigenen Konturen zu erkunden und zu markieren. Ahrbeck zeigt aus psychoanalytischer Sicht, dass der Weg heraus aus der Mutter-Kind-Beziehung ├╝ber den Grundkonflikt mit dem Vater oder mit einer anderen wichtigen Bezugsperson f├╝hrt. Diese dritte Gr├Â├če im Beziehungsdreieck setzt den unendlichen W├╝nschen des Kindes an die Mutter ein Ende, aber auch ihrer unendlichen Macht. Das bringt beiden zugleich Schmerz und Befreiung. Eine Kollegin schafft schon am Schulanfang die n├Âtige Klarheit: "Ich freue mich, das ihr da seid! Aber ich bin nicht eure Mutti. Die Mutti ist zum Liebhaben, und ich bin eure Lehrerin." Aufseufzen und Aufatmen folgt regelm├Ą├čig. Schulkind zu werden, wird wirklich zu einem gro├čen Schritt, auch wenn flie├čende ├ťberg├Ąnge ihn erleichtern.

Als dritte Bezugsgr├Â├če tritt an das Schulkind auch die Gesellschaft mit ihrem Reproduktionsanspruch heran. Das ist nach PISA wieder mehr anerkannt, wie das Ringen um einen Kanon von Mindest-Anforderungen zeigt. Bei aller Relativierung und Vielfalt m├Âglicher Lern- wie Lebensziele sind Kinder doch darauf angewiesen, das macht Ahrbeck sehr deutlich, dass die Erwachsenen, die f├╝r ihre Entwicklung verantwortlich sind, diese Verantwortung sp├╝rbar wahrnehmen. Das hei├čt, dass sie sich der Zielfrage stellen und zu den Zielen, die sie setzen, stehen, auch wenn sie mit den Kindern die einzelnen Lernvorhaben aushandeln und planen. Neben die vorhandenen, teilweise durch Medien manipulierten Interessen der Kinder k├Ânnen so neue Interessen treten, geweckt durch neue Anforderungen.

Au├čerordentlich hilfreich, allseits abgest├╝tzt durch viele Literaturhinweise, ist dieses Buch f├╝r das Studium und die kritische Analyse der verschiedenen theoretischen Positionen, die in den letzten Jahrzehnten eine weit reichende Erziehungsabstinenz zu legitimieren versuchten, z.B. die Konsequenzen, die postmoderne P├Ądagogen wie Giesecke aus der Globalisierung zogen, und die Lerntheorie des radikalen Konstruktivismus, nach der jedes lernende System Sch├Âpfer seiner internen Strukturen ist. Es braucht zwar Angebote aus der Umwelt, hei├čt es da, selektiert und verarbeitet sie aber nach h├Âchsteigenen Mustern. Wer dieses biologische Axiom geradewegs auf Menschen anwendet, noch verst├Ąrkt durch die neoliberalistischen Normen der sog. freien Marktwirtschaft, gelangt zu problematischen Verhaltensweisen. Das wird am Beispiel der sozialen Arbeit mit schwer gef├Ąhrdeten Kindern und Jugendlichen verdeutlicht. Sie ist z.B. in Hamburg zur kundenorientierten Dienstleistung geschrumpft, die den Betroffenen die Entscheidung ├╝ber die gew├╝nschte Hilfeleistung ├╝berl├Ąsst, und das auch in Krisen- und Grenzsituationen, in denen sie dazu gar nicht mehr in der Lage sind.

So wichtig es ist, die jungen Menschen als Experten ihres Lebens ernst zu nehmen, so n├Âtig ist es gleichwohl, dabei auch ihre Grenzen zu achten. Die untersuchten Theorien erweisen sich f├╝r ein komplettes Konzept des Kindseins als nicht zureichend. Kinder sind zwar schon als S├Ąuglinge viel kompetenter und selbst├Ąndiger, als wir dachten, dazu referiert der Autor zahlreiche empirische Forschungen ├╝ber das fr├╝he Lebensalter. Aber sie sind zugleich in hohem Ma├če bed├╝rftig, angewiesen auf die emotionale Bindung an verl├Ąsslich anwesende, ihnen zugewandte Menschen. Sie finden sich besser, als wir es fassen k├Ânnen, in unserer Konsum- und Medienwelt zurecht und nehmen doch Schaden, wenn wir sie mit einem ├ťberma├č unverdaulicher Medieninhalte allein lassen. Nach wie vor, so Ahrbecks Botschaft, haben wir als Erwachsene den Generationenvertrag zu erf├╝llen, der nachwachsenden Generation ein m├╝ndiges und erf├╝lltes Leben in dieser komplexen Welt zu erm├Âglichen. Vielleicht findet jemand daf├╝r ein weniger problembeladenes Wort als Erziehung.

Ich empfehle sehr, dieses Buch zu lesen und sich aufzuregen ÔÇô ├╝ber die kritisierten Positionen oder Ahrbecks eigene oder beide - und dann selbst zu formulieren, was Kinder von Erwachsenen brauchen. Seminare in der Lehreraus- und -fortbildung, Lehrer- und Erzieherkonferenzen d├╝rften dar├╝ber sehr lebhaft werden. Auf die Ergebnisse w├Ąre ich neugierig, der Autor sicher auch.
Marion Bergk (Berlin)
Zur Zitierweise der Rezension:
Marion Bergk: Rezension von: Ahrbeck, Bernd: Kinder brauchen Erziehung, Die vergessene p├Ądagogische Verantwortung, Suttgart: KohlHhammer 2004. In: EWR 3 (2004), Nr. 6 (Veröffentlicht am 30.11.2004), URL: http://klinkhardt.de/ewr/17017973.html