EWR 19 (2020), Nr. 4 (September / Oktober)

Tom Hulme
After the Shock City
Urban Culture and the Making of Modern Citizenship
Woodbridge: Boydell & Brewer 2019
(263 S.; ISBN 978-0861933495; 57,95 EUR)
After the Shock City Welche B√ľrgerleitbilder braucht eine freie Gesellschaft? Wie sollen sich B√ľrgerinnen und B√ľrger in Politik und Gesellschaft beteiligen? Darf eine Demokratie diesbez√ľglich normative Vorgaben machen oder nur Handlungsr√§ume abstecken? Diese Fragen besch√§ftigen nicht nur die demokratischen Gesellschaften der Gegenwart, sondern stehen mindestens seit dem Anbruch der Moderne im Zentrum der sozialen und politischen Kontroverse. Sie sind auch das Thema von Tom Hulmes ‚ÄěAfter the Shock City‚Äú, das am Beispiel von Manchester und Chicago zeigt, welche Rolle die Stadt f√ľr die Entwicklung von B√ľrgerleitbildern zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg in Gro√übritannien und den USA spielte. Hierbei handelt es sich um eine geschichtswissenschaftliche Studie, die sowohl f√ľr die allgemeine als auch f√ľr die Bildungs- und Erziehungsgeschichte wichtige Einsichten bietet.

Die These von Hulme ist, dass nicht allein Nation und Imperium, sondern ebenso st√§dtische Krisendiskurse, Imaginationen und Interventionen die b√ľrgerschaftlichen Leitbilder (citizenship) im Zeitalter von Urbanisierung und Industrialisierung pr√§gten. In beiden St√§dten entwickelten die Verwaltungen, Schulen, Jugendf√ľrsorge- und Wohlt√§tigkeitsvereine verschiedene Projekte, um Verantwortlichkeit, Mitarbeit und Gemeinschaftsgeist der Stadtbewohner zu wecken, aber auch M√§nner und Frauen dazu zu bringen, ihre Rolle in der Gesellschaft zu akzeptieren und auszuf√ľllen. Dazu trat in Manchester das Ziel, die Arbeiterschaft zu zivilisieren, in Chicago vor allem die Einwanderer zu assimilieren. Immer forderten aber diese marginalisierten sozialen und ethnischen Gruppen die st√§dtischen Eliten in Verwaltung und Wohlt√§tigkeitsvereinen heraus, forderten Mitsprache ein, verteidigten ihre eigenen Werte und Normen und entzogen sich dem Zugriff der Kommunalverwaltungen und st√§dtischen Eliten. Erst der Zentralisierungsschub w√§hrend des Zweiten Weltkriegs und der Ausbau des Wohlfahrtsstaates auf nationaler Ebene in den folgenden Jahrzehnten marginalisierten in beiden L√§ndern die Stadt als Produktionsst√§tte von demokratischen B√ľrgerschaftskonzepten.

Auf der Basis von Akten der Stadtverwaltung und lokalen Vereine, Zeitungsartikeln und zeitgen√∂ssischen Monografien zeigt Hulme anschaulich, dass der Versuch, Verantwortlichkeit, Kooperationswille und Zugeh√∂rigkeit zu f√∂rdern, in beiden St√§dten ein gewaltiges Bildungs- und Erziehungsprojekt war. Stadtverwaltungen, Vereine und Eliten entwickelten in den 1920er- und 30er-Jahren verschiedene Programme in Reaktion auf die Verwerfungen von Urbanisierung und Industrialisierung. Sie zielten vor allem (aber nicht nur) auf die st√§dtische Jugend, die vor dem vermeintlich s√ľndhaften Stadtleben abgeschirmt, vor politisch radikalen Gruppen gesch√ľtzt und f√ľr die Mitarbeit an der Stadtgemeinschaft gewonnen werden sollte. In beiden St√§dten versuchten P√§dagogen und Schulbuchautoren durch Gemeinschaftskundeunterricht (civics) die Stadt und Stadtverwaltung zu idealisieren und dar√ľber hinaus Lokalpatriotismus sowie den Stolz auf Nation und Imperium diskursiv zu verbinden. Da jedoch die Schule nur eine geringe Reichweite hatte, strebten Verwaltung und Eliten danach, den Gemeinschaftsunterricht in den Stadtraum hineinzutragen. Indem sie Ausstellungen und Stadtfeste organisierten, versuchten sie bei den Bewohnerinnen und Bewohnern den Stolz auf die Errungenschaft ihrer St√§dte zu vergr√∂√üern. Im Zentrum dieser Festkultur standen historische Umz√ľge, die vor einem tausendfachen Publikum das Narrativ einer urbanen Erfolgsgeschichte in Szene setzten. Daneben boten verschiedene Vereine der Sozialen Arbeit und der Jugendf√ľrsorge auch Freizeitangebote, um die Moral der durch das Stadtleben gef√§hrdet scheinenden Jugend zu st√§rken. In beiden St√§dten versuchte die lokale Wohlfahrtsverwaltung schlie√ülich auch die B√ľrgerinnen und B√ľrger durch die Vergabe von Leistungen zu einem verantwortlichen Leben zu erziehen. In diesem Kontext wurde der soziale Wohnungsbau zu einem wichtigen Mittel, um gerade die Arbeiterschaft in die Stadtgesellschaft zu integrieren.

Es ist faszinierend zu lesen, wie Hulme immer wieder verdeutlicht, an welche Grenzen diese b√ľrgerschaftlichen Erziehungsprojekte in den sozial und kulturell tief zerkl√ľfteten Stadtgesellschaften Manchesters und Chicagos stie√üen. In Manchester und Gro√übritannien stemmten sich vor allem konfessionelle und politisch konservative Schulm√§nner gegen eine Politisierung der Schule durch civics. In Chicago lie√üen dagegen Korruption und organisiertes Verbrechen die Idealisierung der Stadt durch die Gemeinschaftskunde verlogen erscheinen. Die Arbeiterklasse in Manchester und die ethnischen Minderheiten in Chicago, allen voran die afroamerikanische Gemeinschaft, nutzten die gro√üen Stadtmessen f√ľr eigene Ausstellungen, auf denen sie politische Forderungen nach Mitbestimmung und Gleichberechtigung stellten. Das gilt auch f√ľr die historischen Festumz√ľge, in denen die marginalisierten sozialen und ethnischen Gruppen Anspr√ľche auf Gleichberechtigung anmeldeten und die eigenen Leistungen √∂ffentlichkeitswirksam in Szene setzten. Die st√§dtischen Freizeitangebote erreichten in beiden St√§dten nur eine begrenzte Zahl von Jugendlichen. Zudem nutzten die jungen M√§nner und Frauen die Angebote f√ľr eigene Zwecke und nicht f√ľr ihre vermeintliche moralische Besserung. Schlie√ülich widersetzten sich die Empf√§ngerinnen und Empf√§nger der Wohlfahrtsleistungen, etwa die Bewohnerinnen und Bewohner st√§dtischer Sozialwohnungen, oftmals den Versuchen der Kommunalverwaltung, ihren Geschmack oder ihre Hausroutinen zu ‚Äöverbessern‚Äô.

Obwohl Hulmes Studie durch ihre vielseitigen Aspekte besticht, fallen mindestens zwei Leerstellen ins Auge. Zum einen h√§tte noch genauer recherchiert werden k√∂nnen, welchen Einfluss die Projekte von Stadtverwaltung und st√§dtischen Eliten auf das Leben und das Selbstbild der Einwohnerinnen und Einwohner hatten. Zum anderen bleiben auch die transnationalen bzw. translokalen Verkn√ľpfungen zwischen beiden St√§dten manchmal etwas blass ‚Äď so etwa im Bereich des Wohnungswesens und der Stadtplanung, wo das Chicagoer Public Administration Clearing House, das die amerikanischen und britischen Debatten breit vernetzte, nicht untersucht wird.

Wichtiger als diese Monita erscheinen dem Rezensenten jedoch die Impulse, die dieses Buch einer erweiterten Bildungs- und Erziehungsgeschichte bietet. Erstens liest sich Hulmes Buch als ein Pl√§doyer, Bildung und Erziehung weit zu fassen. Nicht nur Schule und Jugendf√ľrsorge fallen darunter, sondern auch Feste, Umz√ľge, Wohlfahrtsprojekte, Wohnungsbau und Stadtplanung. Denn sie alle zielen auf die Erziehung ihrer Nutzerinnen und Nutzer, also darauf, bestimmte Einstellungen, F√§higkeiten und Moralvorstellungen zu formen, zu festigen und zu korrigieren. Zweitens l√§sst sich aus der Studie folgern, Bildung historisch breit zu kontextualisieren. Nicht nur Politik- und Sozialgeschichte, sondern ebenfalls kultur- und, im Fall von Hulme, stadtgeschichtliche Kontexte sind wichtig, um die Ver√§nderung von Erziehung und ihre weite gesellschaftliche Bedeutung zu ermessen. Damit h√§ngt schlie√ülich drittens zusammen, dass sich aus Hulmes Buch ableiten l√§sst, die historische Rolle von Bildungs- und Erziehungsprogrammen f√ľr die Gestaltung von politischen und sozialen Ordnungen noch genauer in den Blick zu nehmen. Kontroversen um Bildung und Erziehung waren (und sind) stets auch gesellschaftliche K√§mpfe um politische und soziale Ordnungskonzepte. Somit bietet auch Erziehungs- und Bildungsgeschichte einen wichtigen Zugang zum Verst√§ndnis der Konflikte in modernen Gesellschaften. Wer sich f√ľr eine solche Perspektive interessiert, dem sei das Buch von Tom Hulme empfohlen.
Phillip Wagner (Halle-Wittenberg)
Zur Zitierweise der Rezension:
Phillip Wagner: Rezension von: Hulme, Tom: After the Shock City, Urban Culture and the Making of Modern Citizenship. Woodbridge: Boydell & Brewer 2019. In: EWR 19 (2020), Nr. 4 (Veröffentlicht am 20.11.2020), URL: http://klinkhardt.de/ewr/0861933495.html