EWR 4 (2005), Nr. 1 (Januar/Februar 2005)

Lucia Amberg
Wissenswerte Kindheit
Zur Konstruktion von Kindheit in deutschsprachigen Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts
Bern: Peter Lang 2004
(380 Seiten; ISBN 3-03910-216-8; 51,70 )
Lucia Amberg untersucht in ihrer Dissertation das Wissen √ľber Kindheit in enzyklop√§dischen Werken sowie dessen Weitergabe in dieser speziellen Literaturgattung im 18. Jahrhundert. Sie lehnt ihre Untersuchung an methodische √úberlegungen der Diskursanalyse an und nutzt Methoden der Begriffsgeschichte. Entsprechend diesem Ansatz versteht sie Enzyklop√§dien "als eine Form von diskursiven Praktiken, die bestimmte Denk- und Deutungsschemata st√ľtzen ‚Äď in diesem Fall [...] tragen sie dazu bei, bestimmten Vorstellungen √ľber Kindheit zur Durchsetzung zu verhelfen" (17). Amberg sieht in der Auswertung von Nachschlagewerken eine M√∂glichkeit, zeitgen√∂ssische gesellschaftliche Interpretationen der Wirklichkeit aufzudecken, ist es doch gerade die Aufgabe von Nachschlagewerken, Wissen zu tradieren und weiter zu geben. Dabei geht es der Autorin nicht darum, eine Diskursgeschichte der Kindheit zu schreiben, sondern "an einem ausgew√§hlten Medium den konstatierten Wandel von Kindheit nach[zu]zeichnen und [zu] √ľberpr√ľfen" (ebd.). In Anlehnung an die neuere sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung (z.B. Honig, Leu) versteht Amberg Kindheit als Konstrukt innerhalb einer generationalen Ordnung (vgl. 44). Welches konkrete Wissen, welche strukturierenden Prinzipien und Mechanismen diese Ordnung innerhalb der Enzyklop√§dien bestimmen, soll innerhalb der Arbeit anhand ausgew√§hlter Lemmata untersucht werden.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile:
  1. Methodische √úberlegungen,
  2. Historischer Kontext,
  3. Kindheit in den Enzyklopädien,
  4. Vergleich der Enzyklopädien.

Im ersten Kapitel √ľber methodische √úberlegungen geht es einerseits um die Quelle "Enzyklop√§die", andererseits um begriffsumgreifende Fragen zum Thema Kind. Diese Zweiteilung "Enzyklop√§die ‚Äď Kind" wird auch im nachfolgenden Kapitel beibehalten. Die methodischen √úberlegungen zur Quelle Enzyklop√§die besch√§ftigen sich mit Fragen der Funktion und der Auswahl der zu untersuchenden Werke. Als Auswahlkriterien dienten der Autorin folgende: 1. Es sollte sich um deutschsprachige Werke handeln, die im 18. Jahrhundert erstmals erschienen sind; 2. das Lemma Kind sollte vorhanden sein; 3. war ein breit gef√§chertes Wissen gefragt, das Fachpublikationen ausschloss? Und schlie√ülich sollten 4. die Enzyklop√§dien √ľber einen gewissen Verbreitungsgrad und Popularit√§t verf√ľgen. Nach diesen Kriterien konnte sich die Autorin auf folgenden Quellenbestand st√ľtzen: Das Allgemeine Lexicon von Jablonski (1721, ein Band), das Universal-Lexicon von Zedler (1731-1754, 64 B√§nde), die Oeconomisch-technologische Encyklop√§die von Kr√ľnitz (1774-1858, 242 B√§nde) und die Deutsche Encyklop√§die von K√∂ster und Roos (1778-1804, 23 B√§nde).

Im zweiten Abschnitt des ersten Kapitels behandelt Lucia Amberg die Auswahl der Lemmata. Zun√§chst geht sie auf aktuelle √úberlegungen der Kindheitsforschung ein und setzt sich mit Ans√§tzen zur Kindheit als Konstrukt auseinander. Dieser kompakte √úberblick bezieht auch zahlreiche Literatur zu verschiedenen Gesichtspunkten des Generationsbegriffes ein. In einem weiteren Abschnitt erl√§utert sie kurz unter Einbeziehung der aktuellen Forschungsliteratur Aspekte der generationalen Ordnung. Solche Aspekte erkennt Amberg in den Themenfeldern Lebensalter, Erziehung, in sozialen Bezugsgr√∂√üen, Geschlecht, Leiblichkeit, Recht sowie theologischen und anthropologischen Bez√ľgen. Diese Themen stellen die Grundlage f√ľr die sp√§tere Analyse der Enzyklop√§dien dar.

Das zweite Kapitel bietet einen knappen historischen Kontext, der an der Zweiteilung Kindheit und Enzyklop√§dien festh√§lt. Im ersten Teil findet sich der historische Kontext, soweit er das Verst√§ndnis von Kindheit betrifft. Als erstes geht es um die Postulate der Aufkl√§rung. Zentrale Stichpunkte sind hier: Orientierung an der Vernunft, wissenschaftlicher Fortschritt, Verblassen der Erbs√ľndentheorie und eine damit einhergehende Diesseitsorientierung. Im n√§chsten Abschnitt werden "Aspekte sozialgeschichtlicher Ver√§nderungen" aufgef√ľhrt. Zu nennen sind hier das Entstehen des B√ľrgertums und damit korrespondierende Ver√§nderungen innerhalb der Familie. Das 18. Jahrhundert galt als Jahrhundert der Aufkl√§rung und damit auch der Erziehung. So ist es nur folgerichtig, wenn die Aufkl√§rungsideen auch in einem p√§dagogischen Kontext beleuchtet werden, wobei die Autorin sich hier auf eine kurze Darstellung der Postulate von Locke und Rousseau sowie der Philanthropen konzentriert. Schlie√ülich wird der dargestellte Wandel in Bezug auf Kindheit interpretiert, wobei Ari√®s einen zentralen Stellenwert einnimmt.

Der zweite Teil, der sich allgemein mit Enzyklop√§dien besch√§ftigt, bietet neben einer Begriffsgeschichte auch Ausf√ľhrungen zum Thema Enzyklop√§die und √Ėffentlichkeit. Hier werden unter R√ľckgriff auf die im Kapitel zuvor dargestellten Postulate der Aufkl√§rung die Mittel der Wissensverbreitung dargestellt. Die Darstellung umfasst Themen der Entwicklung des Buchmarktes, die Verwendung der Nationalsprachen, den bequemen Zugriff innerhalb des Mediums Enzyklop√§die, Zielgruppen der Nachschlagewerke und schlie√ülich eine kurze Geschichte verschiedener Enzyklop√§dien.

Im folgenden dritten und mit knapp 200 Seiten umfangreichsten Kapitel kommen die Quellen zu Wort. Die Enzyklopädien werden nacheinander behandelt, wobei das Vorgehen stets ähnlich ist. Zu Beginn stellt Lucia Amberg immer eine Enzyklopädie mit ihren "technischen" Daten (vollständiger Titel, Erscheinungszeitraum, Angaben zum Autor/Herausgeber, Verbreitung und geschichtliche Informationen zur Publikation) vor. Nachfolgend werden die ausgewählten Lemmata inhaltlich anhand der im ersten Teil heraus gearbeiteten Themenfelder (Lebensalter, Erziehung, Geschlecht etc.) analysiert. Diese können nicht immer eingehalten werden, was sicherlich dem Material geschuldet ist. Festzustellen ist eine erfreuliche Textnähe und Straffung des Materials. Dabei wird leider oftmals auf Interpretationen verzichtet. Letztere wären jedoch meines Erachtens hilfreich bei der Einordnung der vorgestellten Fakten.

Eine zentrale Fragestellung der Arbeit stellte jene nach den Mechanismen und Strukturen des vermittelten Wissens dar. Diese wird jeweils unter dem Titel "Strukturierung des Wissens √ľber Kindheit" abgehandelt. Je nach Umfang des Quellenmaterials f√§llt die Darstellung unterschiedlich lang aus. Zumeist werden Stichworte innerhalb der Enzyklop√§dien aufgesucht, die den Begriff Kind oder innerhalb des Artikels einen Verweis auf das Lemma Kind enthalten. Dar√ľber hinaus werden auch die Verweise im Lemma Kind analysiert. So entstehen Wortfelder, durch die Kind/heit) beschrieben wird. Die Themenbereiche wie auch das Verweissystem werden von Lucia Amberg in Grafiken dargestellt und erkl√§rt. Zum Beispiel arbeitet die Autorin heraus, dass in Zedlers Universal-Lexicon in keinem der untersuchten Wortfelder das Lemma "Tochter" auftaucht. Daraus folgert sie, dass das Kind hier prim√§r ein m√§nnliches Kind sei, auch wenn es auf inhaltlicher Ebene geschlechtsunspezifisch definiert wird und schlussfolgert: "Die Ordnungsstruktur gibt die wahre Intention preis" (170). Die Bedeutung des spezifischen Wissens um Kindheit wird durch die Ausz√§hlung der Seiten der verwendeten Lemmata deutlich. Abschlie√üend wird versucht, das in den jeweiligen Enzyklop√§dien relevante Wissen √ľber Kindheit zusammenfassend darzustellen. An dieser Stelle tauchen oftmals noch interessante inhaltliche Aspekte auf, die zuvor nicht besprochen wurden. In diesem Kapitel erscheinen auch Abbildungen der Titelkupfer der Nachschlagewerke und eine Abbildung des Lemmas Kind.

Das vierte und letzte Kapitel ist m.E. das anspruchsvollste und f√ľr alle, die sich √ľber Tendenzen innerhalb der Enzyklop√§dien informieren wollen, wertvollste Kapitel. Es erfolgt ein Vergleich der in drei Linien durchgef√ľhrt werden soll. Die erste Frage richtet sich auf die Strukturierung des Wissens, also darauf, welche Wissensbereiche konstitutiv sind. Weitere Fragestellungen sind: Wie ist das Wissen strukturiert? Wie ver√§ndern sich Lemmata? Lucia Amberg stellt fest, dass das verbreitete Wissen √ľber Kind(heit) immer umfangreicher und ausdifferenzierter wurde. Au√üerdem tritt eine Verlagerung von rechtlichen Schwerpunkten hin zu medizinischen auf, die regelrechte Pflegeanleitungen beinhalteten. Nachfolgend werden jeweils die Lemmata Kind; Kinderzucht bzw. -erziehung und Kinderspiel verglichen.

Als nächste Linie der Auswertung werden Mechanismen, die auf die Enzyklopädien wirkten und den Diskurs beeinflussten, untersucht. Diese Mechanismen unterteilt Lucia Amberg in inhaltliche und formale. Als inhaltlichen Mechanismus beschreibt die Autorin Kindheit in Anlehnung an Foucaults Aussagen zu den Ausschlussmechanismen beim Wahnsinn. Unter formalen Mechanismen versteht sie Privilegien, Zensur, Abschreiben und Longseller, die sie beschreibt. So sind zum Beispiel Longseller dadurch gekennzeichnet, dass sie das Schaurige und Unerhörte beschreiben. Diese Funktion beschreibt sie am Beispiel des Kindermordes.

Schlie√ülich wird das Wissen √ľber Kindheit anhand der Themenfelder Lebensalter, Eltern, Erziehung, theologische und anthropologische Bestimmung, Schule und Unterricht diachron gegen√ľber gestellt. An dieser Stelle w√§re es m.E. gut gewesen, wenn die im ersten Kapitel aufgestellten Kategorien (Lebensalter, Erziehung, Soziale Bezugsgr√∂√üen, Geschlecht, Leiblichkeit, Recht sowie theologische und anthropologische Bez√ľge) vollst√§ndig eingehalten worden w√§ren, um eine Einordnung zur aktuellen Diskussion dieser Themen zu erleichtern.

In einer Schlussbemerkung werden die Ergebnisse am Konstrukt der modernen Kindheit gespiegelt. Dabei stellt Lucia Amberg heraus, dass die in der p√§dagogischen Historiografie wichtige Rezeption von Rousseau und Locke in den Enzyklop√§dien nicht stattgefunden hat. Weiterhin ist in Bezug auf das Wissen √ľber Kindheit keine S√§kularisierung festzustellen. Daraus erg√§be sich, so Amberg, die Frage, ob ihre anf√§ngliche These, dass Enzyklop√§dien eine st√ľtzende Funktion im Konstituierungsprozess der modernen b√ľrgerlichen Gesellschaft im 18. Jahrhundert zugesprochen werden kann, bezweifelt werden m√ľsse. Sie kommt jedoch zu dem Schluss: "Eine n√§herliegende Interpretation ist aber folgende: Moderne Kindheit ist eben gerade nicht modern. In dieser Konstruktion ist sie Grundlage f√ľr die moderne b√ľrgerliche Gesellschaft und entfaltet sie [!] eine gesellschaftspolitische Dynamik. So gesehen √ľben Enzyklop√§dien doch auch in Bezug auf den hier untersuchten Inhalt eine st√ľtzende Funktion im Prozess der Konstituierung der b√ľrgerlichen Gesellschaft aus" (349). Aus den unterschiedlichen Ergebnissen innerhalb der Historiografie folge, dass k√ľnftig auch andere als die bisher genutzten Quellen in die Untersuchungen einflie√üen m√ľssten.

Zusammenfassend l√§sst sich feststellen, dass Lucia Amberg mit den Enzyklop√§dien eine bislang systematisch wenig ber√ľcksichtigte Quellengattung zum Konstrukt Kindheit gr√ľndlich erforscht hat. Die St√§rken liegen in der Textn√§he und der Komprimierung des Materials. Doch ergeben sich daraus auch Nachteile. So verwundert es zum Beispiel, dass bei der Behandlung des Themas "geschlechtsspezifische Erziehung" in Zedlers Universal-Lexicon nur auf die Lemmata Kinder-Zucht, Weib, Tochter und Mutter zur√ľckgegriffen wird. Hinweise auf m√§nnliche Pendants, wie z.B. Knabe, fehlen. Es entsteht der Eindruck der Einseitigkeit, f√ľhrt doch der Anhang der untersuchten Lemmata Knabe, Papa und Vater auf. Dieser Eindruck h√§tte durch eine entsprechende Fu√ünote vermieden werden k√∂nnen. F√ľr Einsteiger in das Forschungsfeld Kindheit im 18. Jahrhundert w√§ren auch Hinweise zur zeitgen√∂ssischen Diskussion bzw. eine Spiegelung der Themenfelder au√üerhalb der Nachschlagewerke sinnvoll gewesen.

Besonders hervorzuheben sind die graphischen Darstellungen zu den Wortfeldern des Lemmas "Kind" sowie zu den Verweissystemen. Diese erm√∂glichen neben einem schnellen √úberblick √ľber Themen, die im Zusammenhang mit Kind(heit) relevant sind, auch einen hilfreichen Hinweis auf das System innerhalb der Nachschlagewerke. Insgesamt bietet Lucia Ambergs Arbeit f√ľr historisch interessierte Kindheitsforscher eine anregende Lekt√ľre, wobei der zusammenfassende Vergleich im 4. Kapitel besonders aufschlussreich ist.
Heidrun Diele (Halle)
Zur Zitierweise der Rezension:
Heidrun Diele: Rezension von: Amberg, Lucia: Wissenswerte Kindheit, Zur Konstruktion von Kindheit in deutschsprachigen Enzyklop√§dien des 18. Jahrhunderts, Bern: Peter Lang 2004. In: EWR 4 (2005), Nr. 1 (Veröffentlicht am 31.01.2005), URL: http://klinkhardt.de/ewr/03910216.html