EWR 5 (2006), Nr. 1 (Januar/Februar 2006)

Philipp Gonon / Hans-Peter Hotz / Markus Weil / André Schläfli
KMU und die Rolle der Weiterbildung
Eine empirische Studie zu Kooperationen und Strategien in der Schweiz
Bern: h.e.p.-Verlag 2005
(172 S.; ISBN 3-03905-161-X; 23,00 EUR)
KMU und die Rolle der Weiterbildung Laut den Aussagen des Bundesamtes f√ľr Statistik lag der Anteil der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU bis zu 249 Besch√§ftigte) in der Schweiz 2001 bei √ľber 99% [1]. Dennoch blieb bisher eine umfassende empirische Erforschung von betrieblicher Weiterbildung in Schweizer KMU, die wie in vielen L√§ndern eine zentrale wirtschaftliche Rolle spielen, aus [2]. Bisherige Studien konzentrieren sich meist auf einen regionalen, branchenspezifischen oder gro√übetrieblichen Kontext. Die Autoren des vorliegenden Buches machen es sich zum Auftrag, den Mangel an √úberblicksdaten von betrieblicher Weiterbildung in KMU zu beseitigen und die betriebliche Sicht auf Weiterbildung widerzuspiegeln. Thematische Schwerpunkte stellen dabei die allgemeine Weiterbildungssituation sowie die Weiterbildungskooperation und -strategie der Betriebe dar.

Ausgehend von der bisherigen Fachdiskussion zielen die Autoren auf ein differenziertes Verst√§ndnis von Weiterbildung, das sowohl formelle, als auch informelle und externe sowie interne Weiterbildung umfasst. Somit wurde eine sehr breite Abdeckung von Weiterbildungsm√∂glichkeiten in der Erhebung ber√ľcksichtigt (vgl. Fragebogen im Anhang der Studie). Da eine Einsch√§tzung der Weiterbildungssituation ‚Äěaus der Sicht der Betriebe‚Äú erfolgt ist, werden an einigen Stellen bezogen auf Weiterbildung und Kooperation Differenzen zwischen dem wissenschaftlichen Verst√§ndnis und dem der KMU deutlich (z.B. bei den Begriffsdefinitionen). Bei der Definition und der Einordnung von KMU ber√ľcksichtigen die Autoren die Klassifizierungsmodelle, wie NOGA und die Betriebsz√§hlung des Bundesamts f√ľr Statistik der Schweiz, was zur Transparenz und Vergleichbarkeit mit anderen Studien beitr√§gt.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil begr√ľnden die Autoren die Fragestellung und Begriffe. Inhaltlich w√§hlen sie drei thematische Gebiete, zu denen die Studie Aufschluss bietet: allgemeine Weiterbildungssituation der Betriebe, Strategie der Weiterbildung und Kooperation in der Weiterbildung. Der Begriff der ‚ÄěStrategie‚Äú thematisiert die Frage, unter welchen Voraussetzungen und zu welchen Zwecken Weiterbildungen angeboten werden oder verpflichtend sind. ‚ÄěKooperation‚Äú fasst unterschiedliche Formen strategischer Zusammenarbeit im Bereich der Weiterbildung zusammen. Im Mittelpunkt stehen hier die Ziele eine repr√§sentative Studie der Weiterbildungssituation in KMU vorzulegen und ein m√∂gliches Leitmotiv bei der Organisation und Durchf√ľhrung von Weiterbildungen ausfindig zu machen.

Im zweiten Teil geht es um die Darstellung konkreter Forschungsergebnisse. Methodisch wird zun√§chst eine deskriptive Analyse auf der Grundlage einer quantitativen Erhebung eingesetzt (n=1250), die durch eine anschlie√üende Varianz- und Faktorenanalyse erg√§nzt wird. In dem zweiten Aspekt der Untersuchung werden qualitative Aussagen aus Leitfadeninterviews (n=8) deskriptiv und danach themen-orientiert analytisch dargestellt. Inwiefern dieses methodische Vorgehen zu einer hinreichenden Operationalisierung von Weiterbildungskooperationen und -strategien darstellt, lie√üe sich ausf√ľhrlicher diskutieren. Beispielsweise ist nicht widerspruchsfrei belegt, welcher Zusammenhang zwischen der im Betrieb gew√ľnschten und der angewendeten Weiterbildungsstrategie besteht. Eine der zentralen Fragen der allgemeinen Weiterbildungssituation ist, welche Personen in KMU als Weiterbildungsbeauftragte gelten (bspw. Direktor, Firmeninhaber, Personalchef, Ausbildungsleiter), welche Situations√§nderung sich diese f√ľr KMU w√ľnschen oder welche konkreten Ma√ünahmen durchgef√ľhrt werden.

Um die Einsch√§tzung der Betriebe bez√ľglich ihrer Weiterbildungsstrategie n√§her zu bestimmen, wurde eine Faktorenanalyse angewandt. Daraus leiten die Autoren folgende Typologie ab: organisationsorientierte, kompensatorische, bedarfsorientierte und unspezifische Weiterbildungsstrategie. Die organisationsorientierte Weiterbildungsstrategie ist die differenzierteste und klarste Strategie, wobei der geringste Teil der KMU diese Strategie verfolgt, die kompensatorische wendet der gr√∂√üte Teil der KMU an. Als Ergebnis wird festgehalten, dass nur jeder zehnte Betrieb eine systematische und langfristige Weiterbildungsstrategie verfolgt. Mit der Pr√§misse, dass ein langfristiges und nachhaltiges Denken in Unternehmen eher zum Erfolg f√ľhrt, wird hier ein Defizit der Betriebe deutlich. Die Einf√ľhrung dieser Strategien verweist auf neue M√∂glichkeiten der Weiterbildungsbeurteilung und -verbesserung.

Bei der Untersuchung der Weiterbildungskooperationen wird unterschieden nach Kooperation mit Mitarbeitenden, anderen Unternehmen, dem Berufsverband, externen Weiterbildungsanbietern, Berufsberatungsstellen und Sozialpartnern sowie Laufbahnberatungsstellen. Die wichtigsten Kooperationspartner sind Berufsverb√§nde, dicht gefolgt von externen Weiterbildungsanbietern. Die Einteilung der Kooperationsformen steckt ein breites Spektrum an m√∂glichen Kooperationen ab. Generell stellen Kooperationen f√ľr KMU eine wichtige Ressource f√ľr Weiterbildung dar. Da nicht alle Betriebe Auskunft √ľber alle Kooperationsformen gegeben haben, bleibt unklar, wie viele KMU tats√§chlich Kooperationen eingehen.

Als zweiter Aspekt der Forschungsergebnisse steht die qualitative Untersuchung im Zentrum. Die Autoren beabsichtigen hierbei die Darstellung der Vielfalt m√∂glicher Weiterbildungsformen in KMU [3]. Somit untersucht die qualitative Erhebung anhand von leitfadengest√ľtzten Interviews gut funktionierende Weiterbildung, um Beispiele f√ľr andere Betriebe vorzustellen. Aus den Fallbetrieben lassen sich tendenziell Bedeutungszunahmen von formellen und informellen Lernformen, von Weiterbildungskooperationen, von Lernen am Arbeitsplatz und qualitativen Kriterien zur Weiterbildungsplanung diagnostizieren. Die acht Fallbetriebe wurden aus unterschiedlichen Sprachregionen, Branchen und Gr√∂√üen ausgew√§hlt. Das gew√§hrleistet eine Einsicht in unterschiedliche Weiterbildungsbed√ľrfnisse und den Umgang damit.

Im dritten Teil der Studie werden die Ergebnisse zusammengefasst. Die Autoren leisten eine Einbettung in die aktuelle Diskussion und begr√ľnden die Relevanz f√ľr den bildungspolitischen Bereich. Aufgrund der qualitativen Studie werden Handlungsvorschl√§ge f√ľr KMU formuliert. Diese k√∂nnen KMU nutzen, um andere, evtl. unber√ľcksichtigte Weiterbildungs- und Organisationsm√∂glichkeiten, anhand von Vergleichen, zu erkennen.

Im Anhang befinden sich der Fragebogen, Interviewleitfaden und ein √úberblick zu bisherigen Studien in dem Bereich.

Das selbst gesteckten Ziel, einen deskriptiven √úberblick zur Situation von Weiterbildung in Schweizer KMU zu erm√∂glichen, wird von den Autoren vor allem durch die quantitative Erhebung erreicht. Es stellen sich allerdings zahlreiche zus√§tzliche Forschungsfragen zur Kooperation und Strategie, die in dieser Publikation (noch) nicht beantwortet werden. Die Varianz von Weiterbildungen in KMU ist in dem qualitativen Teil deutlich geworden, aber auch hier k√∂nnte der Nutzen solcher Ergebnisse noch st√§rker verdeutlicht werden. Insgesamt gesehen wirft die Studie mehr Forschungsfragen auf als sie beantwortet und bietet somit eine erste Grundlage f√ľr weitere Untersuchungen und/oder theoretische Nutzung im Bereich der KMU-Weiterbildung. Zudem wird eine Innensicht der KMU auf die Themen Weiterbildung, Kooperation und Strategien gew√§hrleistet, die f√ľr Weiterbildungsanbieter und KMU eine Abstimmung der Bed√ľrfnisse einleiten kann.

[1] http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/industrie_und_dienstleistungen/uebersicht/blank/panorama/kmu_dominieren.html
[2] OECD (2000): Small and Medium Enterprise Outlook. Enterprise, Industry and Services. Paris: OECD.
[3] Harney, K. (1998): Handlungslogik betrieblicher

Anne Seilner (Trier)
Zur Zitierweise der Rezension:
Anne Seilner: Rezension von: Gonon, Philipp / Hotz, Hans-Peter / Weil, Markus / Schl√§fli, Andr√©: KMU und die Rolle der Weiterbildung. Eine empirische Studie zu Kooperationen und Strategien in der Schweiz. Bern: h.e.p.-Verlag 2005. In: EWR 5 (2006), Nr. 1 (Veröffentlicht am 13.02.2006), URL: http://klinkhardt.de/ewr/03905161.html