EWR 17 (2018), Nr. 5 (September/Oktober)

Ann Taylor Allen
The Transatlantic Kindergarten
Education and Women’s Movements in Germany and the United States
New York: Oxford University Press 2017
(292 S.; ISBN 978-0190274412; 74,00 $)
The Transatlantic Kindergarten Ann Taylor Allen gehört zu den renommiertesten Forscherinnen auf dem Gebiet der internationalen Kindergarten- und Frauenbewegung. Mit The Transatlantic Kindergarten. Education and Women’s Movements in Germany and the United States (2017) legt sie nun gewissermaßen eine Zusammenfassung ihrer jahrzehntelangen Forschung vor. Diese beruht auf ihren vorherigen Arbeiten [1], bietet allerdings eine doch neue Perspektive. Denn Allen erzählt die Kindergarten- und Frauenbewegung als eine transnationale Geschichte. Es geht ihr nicht allein um einen Kontrast und Vergleich der beiden Länder, sondern um “entangled history” (6).

Damit greift Allen ein Konzept der modernen Geschichtswissenschaft auf, das in den letzten Jahren zunehmend mehr Beachtung gefunden hat. Transnationale Geschichte, wie sie von David Thelen, Thomas Bender und anderen vertreten wird, befasst sich mit der Bewegung von Personen, Ideen, Institutionen und Kulturen über nationale Grenzen hinweg [2]. Auch Allen versteht unter transnational “relationships that fall outside formal governmental and organizational structures and evolve from the many ways – migration, travel, intellectual exchange, institutional cooperation, publication, correspondence, conferences, to name only a few –in which ideas cross national boundaries” (5). Die Geschichte der Kindergartenbewegung wurde jedoch bisher primär als eine nationale erzählt, obwohl sie wie auch die Frauenbewegung eine grenzübergreifende Bewegung gewesen sei (2). Denn keineswegs war es so, so Allens These, dass die Kindergartenidee in nur eine Richtung von Deutschland nach Amerika übertragen wurde. Vielmehr war es eine “complex and long-lasting, indeed `entangled`, relationship in which both nations alternated the rotes of giver and receiver” (6).

The Transatlantic Kindergarten gliedert sich in eine kurze Einleitung, in der der theoretische Rahmen skizziert wird, sieben Kapitel und ein kurz gehaltenes Fazit. Interessanterweise verzichtet Allen dabei auf ein strikt chronologisches Vorgehen. Nicht anhand von Epochen, sondern bedeutenden Themengebieten erzählt sie ihre Geschichte. So wird der Ansatz einer “entangled history” deutlich, da sich diese Themen zeitlich und auch personell überschneiden.

Kapitel 1 analysiert die Anfänge des Kindergartens und das sich neu entwickelnde Verständnis von Mütterlichkeit als eine weibliche, besondere Fähigkeit zur Kleinkinderziehung. Dadurch boten sich neue berufliche Möglichkeiten für Frauen und auch mehr Verantwortung. Kleinkinderziehung wurde nun als wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Gesamtgesellschaft gesehen. Kapitel 2 betrachtet die Entwicklung und “Verpflanzung” (transplantation) des Kindergartens. Allen zeigt wie dieser zu einer der erfolgreichsten Errungenschaften der Revolution von 1848/49 wurde, insbesondere durch seine Attraktivität für Frauen und die internationale Verbreitung. Im dritten Kapitel werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Entwicklung der Kindergartenbewegung in beiden Ländern diskutiert. Allen macht deutlich, dass die Kommunikation in den Jahren von 1860 bis 1890 grenzübergreifend, intensiv und reziprok war. Kapitel 4 betrachtet dann die einsetzende Kritik an Fröbel und dem Kindergarten. Zusammen mit neuen Erkenntnissen aus Biologie und Psychologie führte dies in beiden Ländern zunehmend zur Verdrängung von Fröbels Pädagogik aus der Kindergärtnerinnenausbildung. Im fünften Kapitel analysiert Allen die unterschiedliche Zuordnung des Kindergartens zum schulischen Bereich als erste Stufe des Elementarbereichs (USA) bzw. zum sozialen Wohlfahrtsbereich (Deutschland) – eine bis heute bedeutsame Differenz. In Deutschland lehnte die überwiegend männliche Lehrerschaft die Zuordnung des Kindergartens zum schulischen Bereich ab, während man in den USA, wo der Lehrerberuf im Elementarbereich bereits als ein überwiegend weiblicher definiert war, der Aufnahme positiv gegenüberstand. Kapitel 6 kehrt dann zum Thema Mütterlichkeit und Ausbildung der Kindergärtnerinnen zurück. Allen bewertet die sich entwickelnde Professionalisierung als ambivalent und sieht einen “female separatism” (150). Das Ende der deutsch-amerikanischen Beziehung, ein “gradual process of alienation” (161), ist Thema des siebten Kapitels. Während des Ersten Weltkrieges erlosch der zuvor massive Austausch von Ideen und Personen, die deutsche Gemeinschaft in den USA assimilierte sich und es kam zum Ende der internationalen Kindergartenbewegung. Das abschliessende Fazit betrachtet kurz die weitere Entwicklung in beiden Ländern. Insgesamt sieht Allen eine “unfinished agenda” (193). Nicht nur, dass der ursprüngliche Charakter einer sozialreformerischen Bewegung durch die Zuordnung zum Schulsystem bzw. Wohlfahrtssystem verloren ging, auch die “elevation of kindergarten teaching to a status commensurate with that of male professions” (196) wurde niemals erreicht.

Allen erzählt die Geschichte der Kindergarten- und Frauenbewegung als transnationale Geschichte. Dies erweist sich als vielversprechend und ihrem Anspruch, die komplexen Verbindungen zwischen beiden Ländern aufzuzeigen, wird Allen absolut gerecht. Allen demonstriert damit, inwiefern die Geschichte der Kindergartenbewegung in der Tat eine transnationale war, geprägt von grenzübergreifender Kommunikation. Ideen und Praktiken wurden geteilt, jedoch auch dem jeweiligen Kontext angepasst, was gegenwärtig zu zwei völlig verschiedenen Systemen öffentlicher Kleinkinderziehung, wie auch zu unterschiedlichen Verständnissen der Funktionen des Kindergartens geführt hat.

Eine Diskussion von Allens Buch kann an dieser Stelle nur angedeutet werden, einige Erkenntnisse sollen jedoch kurz hervorgehoben werden. Faszinierend ist ihre Darstellung der “transatlantic Sisterhood”, d.h., des Austauschs von Personen und Ideen zwischen 1859 und 1914. Allen illustriert dies facettenreich mit Hilfe von zahlreichen weiblichen Biographien. So wird deutlich, warum die Kindergartenbewegung für viele Frauen attraktiv war. Ihre Kenntnisse über die Protagonisten der Kindergartenbewegung in beiden Ländern, wie auch von deren Entwicklung im Allgemeinen, sind beeindruckend – allein die Fußnoten mit einem Umfang von 52 Seiten und die Fülle von verwendeten Materialien sind Beleg für die Tiefe ihrer Forschung. Nachvollziehbar werden zu lassen, wie sich die Kindergartenbewegungen gegenseitig beeinflusst und zugleich doch auch in vollkommen verschiedenen Richtungen entwickelt haben, gehört zu den herausragenden Leistungen von Allens Buch.

Allen geht es dabei vor allem um den Zusammenhang zwischen Kindergarten- und Frauenbewegung. Zwei Aspekte stechen dabei heraus. Zum einen problematisiert sie den Begriff “feministisch” in seiner Anwendung bezüglich der Anhängerinnen der Kindergartenbewegung und diskutiert dies durchweg am Beispiel unterschiedlicher Sachverhalte. Allen zeigt auf, dass sich die Anhängerinnen zumeist nicht so einfach in gewisse Kategorien pressen lassen. Nicht alle, so Allen, hätten sich selbst als Feministinnen gesehen, selbst wenn es diesen Begriff zu jener Zeit schon gegeben habe (6f). Zugleich macht sie aber deutlich, dass die Kindergartenbewegung ein Grundstein des späteren modernen Feminismus und Teil der zeitgenössischen Frauenbewegung war.

Beeindruckend ist zudem Allens Analyse der einsetzenden Professionalisierung. Allen legt die Gründe und auch Vorteile einer weiblichen Profession offen, zeigt jedoch auch die damit verbundenen negativen Konsequenzen. Die Trennung von anderen Berufen ermöglichte zwar sichere Räume in denen Frauen leben, arbeiten und zum Teil studieren konnten, korrespondierte jedoch zugleich – bis heute! – mit schlechter Bezahlung und geringem Status, unabhängig davon, dass die Betreuung, Bildung und Erziehung von kleinen Kindern gegenwärtig uneingeschränkt als wichtige Aufgabe angesehen wird.

Die Leistung von Allens Arbeit soll keineswegs geschmälert werden, wenn im Folgenden noch einige kritische Anmerkungen folgen. Allen ist primär am Zusammenhang zwischen Kindergartenbewegung und Frauenbewegung interessiert. Dies ist fraglos die große Stärke der Arbeit, zugleich aber auch eine gewisse Schwäche. Deutlich wird dies z.B. im Umgang mit dem Deutschen Fröbel-Verband (DFV). Allen hat fraglos Recht: Der DFV wurde zunächst von Männern dominiert. Es war jedoch nicht Eugen Pappenheim, sondern der Thüringer Kreis um August Köhler, der den DFV geführt hat. Gerade Köhler hat die Kindergartenbewegung mit seinem Verständnis von Fröbels Pädagogik entscheidend mitbestimmt. Dass Köhler in einer Geschichte der Kindergartenbewegung nicht einmal erwähnt wird, verwundert dann doch.

Wie an diesem Beispiel erläutert gewinnt man noch des Öfteren den Eindruck, dass Allen dem Stand der Forschung nicht ganz gerecht wird. So scheint Allen auch die gegenwärtige deutschsprachige Forschung zu Friedrich Fröbel und seiner Kindergarten- und Spielpädagogik [3], wie auch zur öffentlichen Kleinkinderziehung [4] nicht zu kennen. Diese Unkenntnis überrascht vor allem vor dem Hintergrund der oben erwähnten Materialfülle. Ob dies nun daran liegt, dass Allen diese nicht kennt oder nicht für wichtig für ihre Arbeit hält, ist spekulativ. Der Einbezug dieser Forschungsergebnisse hätte jedoch Allens Arbeit gut getan und Unsauberkeiten verhindert, aber auch die präsentierten Ergebnisse weiter bereichern können.

Dessen ungeachtet bietet Ann Taylor Allens Ansatz der transnationalen Geschichte eine interessante Perspektive. Sie liefert neue Erkenntnisse, nicht allein für diejenigen, die an der internationalen Verbreitung der Kindergartenbewegung interessiert sind. Wie es Allen gelingt, die Komplexität der Verbindung und gegenseitigen Beeinflussung aufzuzeigen, ist erhellend und aufschlussreich und macht es für jeden an der Geschichte der öffentlichen Kleinkinderziehung und Kindergartenbewegung Interessierten äußerst spannend und aufschlussreich, The Transatlantic Kindergarten zu lesen.

[1] z.B. Allen, Ann Taylor (1991): Feminism and Motherhood in Germany, 1800-1914. New Brunswick, NJ: Rutgers University Press.
Allen, Ann Taylor (2005): Feminism and Motherhood in Western Europe 1890-1970: The Maternal Dilemma. New York: Palgrave Macmillan

[2] https://www.connections.clio-online.net/

[3] z.B. Sauerbrey, U.; Winkler, M. & Zipf, C. (Hrsg.) (2015). Elementarpädagogik in Briefen. Studien zu Friedrich Fröbel und zur Geschichte der öffentlichen Kleinkinderziehung im 19. Jahrhundert. Würzburg: Egon.

[4] z.B. Franke-Meyer, D. (2011). Kleinkindererziehung und Kindergarten im historischen Prozess. Ihre Rolle im Spannungsfeld zwischen Bildungspolitik, Familie und Schule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Konrad, F.-M. (2012). Der Kindergarten. Seine Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2., überarb. und aktualisierte Auflage. Freiburg i. Br.: Lambertus.
Reyer, J. (2006). Einführung in die Geschichte des Kindergartens und der Grundschule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Wasmuth, H. (2011). Kindertageseinrichtungen als Bildungseinrichtungen. Zur Bedeutung von Bildung und Erziehung in der Geschichte der öffentlichen Kleinkinderziehung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Helge Wasmuth (New York)
Zur Zitierweise der Rezension:
Helge Wasmuth: Rezension von: Allen, Ann Taylor: The Transatlantic Kindergarten, Education and Women’s Movements in Germany and the United States. New York: Oxford University Press 2017. In: EWR 17 (2018), Nr. 5 (Veröffentlicht am 31.10.2018), URL: http://klinkhardt.de/ewr/0190274412.html