EWR 1 (2002), Nr. 5 (Oktober - Dezember 2002)

Susanne Barth
Mädchenlektüren
Lesediskurse im 18. und 19. Jahrhundert
Frankfurt / New York: Campus Verlag 2002
(? Seiten; ISBN 3-593-37037-9; 34,90 EUR)
Mädchenlektüren "Als eine Frau lesen lernte, trat die Frauenfrage in die Welt" – unter dieses Motto von Marie von Ebner-Eschenbach stellt Susanne Barth ihre Studie zur Geschichte des Lesens, deren Anliegen es ist, Lesen als Kulturerfahrung im Kontext der Frauenemanzipation im 18. und 19. Jahrhundert zu erschließen.

Vom Standpunkt der historischen Leseforschung aus, geht es ihr um die zeitgenössische Sichtweise auf die bürgerliche junge Leserin zwischen 1770 und 1880. Zur Erforschung der Kulturpraxis "Lesen" und des zeitgenössischen Diskurses über die Lektüre zieht die Autorin systematisch pädagogische, medizinische und fiktionale Literatur als Quellen heran. Die Studie steht im interdisziplinären Diskurs von Kulturgeschichte, Mediengeschichte, Sozial- und Mentalitätsgeschichte, Kindheits- und Jugendgeschichte, Bildungs- und Erziehungsgeschichte und der rezeptionsgeschichtlich wie texthermeneutisch arbeitenden Literaturwissenschaft. Barth macht darauf aufmerksam, dass das Thema Mädchenlektüren bislang vor allem Thema der Mädchenliteraturwissenschaft war.

Nach einer ausführlichen und für den in der Leseforschung nicht beheimateten Leser zum Teil sehr dichten und vorraussetzungsreichen Einleitung stellt Susanne Barth Diskurse über Mädchenjugend und Pubertät innerhalb von Pädagogik und Medizin vor. Ausgehend von der These, dass das späte 18. Jahrhundert von der Spannung zwischen weiblicher Sonderanthropologie und emanzipatorischen Strömungen geprägt war, fragt sie nach der individuellen Bedeutung des Lesens für die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen. Sie klärt die kultursoziologischen Hintergründe und geht davon aus, dass das Lesen den ansonsten begrenzten Horizont und die eingeschränkte Lebenswelt der Mädchen erweitern konnte. Lesen ist damit ein zentrales Moment des Enkulturationsprozesses in der Persönlichkeitsentwicklung junger Frauen. Pubertät wird von der Autorin im Sinne des Erdheimschen Konzepts der "Kulturpubertät" gedeutet. Anschließend an Rousseaus Pubertätskonzept als "seconde naissance" im "Emile", arbeitet Barth heraus, dass die weibliche Pubertät von Medizinern und Pädagogen nicht als krisenhafte Übergangszeit, sondern als Phase physischer und psychischer Dynamik gesehen wird. Das seit Anfang des 19. Jahrhundert bestehende Interesse an weiblichen Entwicklungsprozessen steigert sich gegen Ende des 19. Jahrhundert so sehr, dass es wissenschaftliche wie populärwissenschaftliche Ratgeber gibt, die sich ausschließlich mit der weiblichen Pubertät beschäftigen.

Innerhalb der medizinischen Literatur wird "Lesen" im Kontext der Pubertätskrankheiten thematisiert und in den Zusammenhang des Zeitgefühls der Nervosität gerückt. In der Pädagogik entwickelt sich der "Väterliche Rat" als eigenes Genre der spezifischen Mädchenliteratur. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellt Barth die Feminisierung der mädchen- und frauenpädagogischen Literatur fest, denn zunehmend melden sich Pädagoginnen zu Wort. Entgegen den zum Teil voyeuristischen Darstellungen der körperlichen Entwicklung in den väterlichen Ratgebern, fokussieren Pädagoginnen eher die intellektuelle Entwicklung während der Mädchenpubertät.

Inhaltlich geht es in pädagogischen Lesediskursen vorrangig um die Frage nach der schädlichen Wirkung des Lesens auf die Sexualität und den Triebhaushalt der jungen Mädchen. Die lese- und literaturpädagogischen Konzepte von Wezel, Campe und Niemeyer deutet Barth als Warnungen vor der "Lesesucht". Demgegenüber wird das "Lesen" im literaturpädagogischen Diskurs des 19. Jahrhunderts als Medium gesehen, in dem psychosexuelle Prozesse bearbeitet werden können. Zu dieser Zeit beschäftigt sich nahezu jede Art von Ratgeberliteratur mit dem Lesen. Insbesondere Fiktionslektüren werden mit rigider Abwehr, selten mit Liberalität diskutiert. Die Autorin kann allerdings zeigen, dass Pädagoginnen anfangen, einen Zusammenhang zwischen dem neuhumanistischen Gedanken von individueller Bildung und Lektüre zu sehen. Letztendlich ändert sich die Meinung vom Lesen als Ursache von Pubertätskrankheiten aber nicht und Forderungen von Lesefreiheit bleiben selten.

Auch Barths Analyse von Figuren junger Leserinnen in zeitgenössischen Romanen zeigt, dass es sich bei den Büchern in erster Linie um Warngeschichten vor den Gefahren des Lesens handelt.

Insgesamt ist Barths Studie ein Fachbuch für Interessierte an diesem spezifischen Forschungsgebiet der Geschichte des Lesens. Barth bleibt in ihrer Darstellung sehr eng an ihrem umfangreichen Quellen- und Forschungsmaterial, an einigen Stellen wären ausführlichere Hintergrundinformationen sowie historische wie systematische Rück- und Ausblicke hilfreich gewesen. Aus der Prüfung der verschiedenen Diskurse kann sich der Leser dennoch ein Bild über die sehr heterogene diskursive Praxis über die Mädchenlektüre im 18. und 19. Jahrhundert machen.

Für Erziehungswissenschaftler kann das Buch in zweifacher Hinsicht ertragreich sein: Zum einen gibt es Aufschluß über Ansätze und Theorien der Mädchenerziehung in der Zeit vor ihrer Institutionalisierung. Des weiteren gibt es am Beispiel des "Lesen" ergänzende Einblicke in die restriktive und auf Triebregulierung zielende philanthropistische Pädagogik.
Christiane Ruberg (Dortmund)
Zur Zitierweise der Rezension:
Christiane Ruberg: Rezension von: ,: Mädchenlektüren, Lesediskurse im 18. und 19. Jahrhundert, Frankfurt / New York: Campus Verlag 2002. In: EWR 1 (2002), Nr. 5 (Veröffentlicht am 01.12.2002), URL: http://klinkhardt.de/ewr/59337037.html